Wie ist es eigentlich

Wenn man im Auto gebären muss

Aufgezeichnet von Manuela Enggist; Foto: iStock

F. M. (33) aus Zürich erzählt, wie sie auf dem Weg ins Spital ihre Tochter zur Welt brachte.

Laut Fachzeitschriften dauert die Geburt des zweiten Kinds meist nur noch halb so lang wie die erste. Ich hatte mich darüber informiert. Da ich bei meiner ersten Tochter sechs Stunden in den Wehen lag, würden mir also drei Stunden bleiben, um ins Geburtshaus zu kommen – dachte ich. Doch insgeheim, ganz ehrlich, hatte ich schon die ganze Schwangerschaft über diese leise Befürchtung, es dann doch nicht rechtzeitig zu schaffen. Keine Ahnung, warum. Es war einfach so. Heute glaube ich, dass mein Körper wusste, was passieren würde.

Da mein Freund keinen Fahrausweis hat, vereinbarte ich mit meinen Eltern, dass sie zu uns kommen, sobald die Wehen einsetzen. Meine Mutter sollte dann auf die Tochter aufpassen, während mein Vater uns ins 17 Autominuten entfernte Geburtshaus fährt.

Am Morgen der Geburt wache ich gegen 7 Uhr mit starken Wehen auf. Ich nehme erst mal ein Bad und wasche mir die Haare. Ich weiss ja nicht, wann ich das nächste Mal Zeit dafür haben würde. Als die Wehen im warmen Wasser nicht nachlassen, rufe ich meine Eltern an. Minuten später knie ich im Vierfüssler auf der mit einem Badetuch abgedeckten Rückbank; ich will das Auto schliesslich nicht vollsauen, sollte plötzlich die Fruchtblase platzen. Mein Freund setzt sich neben mich und massiert mir so gut es geht das Steissbein.

Wir fahren los, die Schmerzen und die Wehen werden stärker. Nach wenigen Minuten muss ich ganz dringend auf die Toilette. Der Darm möchte sich offenbar vor der Geburt noch schnell entleeren. Ich überlege noch, ob ich mein Geschäft vielleicht am Strassenrand verrichten könnte … da ist es auch schon passiert.

Kurz darauf setzen die Presswehen ein. Ich erkläre meinen Begleitern – ich bin völlig ruhig –, dass das Kind kommt und wir sofort anhalten müssen. Ich spüre schon das Köpfchen kommen. Doch weder mein Vater noch mein Freund reagieren. Erst als ich meinen in Schockstarre geratenen Freund bitte, mir die Trainerhose runterzuziehen, bittet er meinen Vater anzuhalten. Dieser fährt – auf einem Hügel im nirgendwo – rechts ran und steigt aus, um Hilfe zu holen.

Wenige Sekunden später plumpst meine Tochter auf den Hintersitz. Sie schreit nicht, wimmert nur und ist ein wenig blau angelaufen, aber sie atmet. Ich wickle sie in ein Tuch und presse sie an mich. Da sie durch die Nabelschnur noch mit der Plazenta in meinem Bauch verbunden ist, weiss ich, dass sie mit allem Nötigen versorgt wird. Das beruhigt mich.

Eine Fussgängerin gratuliert mir als Erste zur Geburt. Wie ich später erst erfahren habe, hat mein Vater sie angehalten und um heisses Wasser und Leintücher gebeten – ganz so, wie er es aus Filmen kannte.

Niemand sagt auf der Fahrt zum Geburtshaus ein Wort. Mein Freund steht unter Schock, und mein Vater ist einfach froh, dass er wieder etwas zu tun hat. Beim Geburtshaus nehmen mich zwei Hebammen in Empfang. Meine Tochter wird mit Sauerstoff versorgt, denn durch die schnelle Geburt konnten sich ihre Lungen zu wenig auf die neuen Bedingungen vorbereiten. Sonst ist sie wohlauf.

Ich war geistesgegenwärtig genug, um kurz nach der Geburt auf die Uhr zu schauen. Daher kann ich im Geburtshaus eine ungefähre Geburtszeit angeben. Auch bezüglich des Geburtsorts haben wir Glück. Der ist dort, wo die Plazenta rauskommt, da erst dann die Geburt als abgeschlossen gilt. Das erspart mir eine mühsame Recherche, um herauszufinden, zu welcher Gemeinde dieser Hügel wohl gehört.

Gut zu wissen, dass so schnelle Geburten bei der dritten Schwangerschaft eher wieder seltener sind. Angeblich ...

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