Interview mit Josef Hader

Wenn der Regisseur auch die Hauptrolle spielt

Interview: Frank Heer; Foto: Frenetic

Josef Hader ist Kabarettist und führte beim Film «Wilde Maus» zum ersten Mal Regie. Im Interview mit Frank Heer spricht er über seine Doppelrolle als Regisseur und Hauptdarsteller, wer ihn inspiriert hat, und warum ihn die aktuelle Zeit zum Schreiben motiviert.

Auf dem Tisch in der Künstlergarderobe liegt sein Telefon. Es macht pling, und das Display leuchtet auf: 17.30 Uhr. Interview mit der Zeitschrift annabelle. «Das erledigt alles meine Agentin», sagt Josef Hader. «Die tippt was in den Computer, dann gehts in die Wolke, und ich habs auf meinem Handy.» Josef Hader (55) schätzt die Wunder des digitalen Zeitmanagements, denn er hat eine volle Agenda. Der Mann ist Schauspieler («Vor der Morgenröte»), schreibt Drehbücher («Das ewige Leben») und macht Kabarett («Hader spielt Hader»). Spätestens seit den Verfilmungen der Brenner-Krimis ist Hader Kult, nicht nur in Österreich. Und im März kommt «Wilde Maus», sein Debüt als Regisseur, ins Kino. Der Film ist so entzückend wie sein Titel und so melancholisch wie Haders Augen. Wir treffen ihn zwei Stunden vor seinem Auftritt (als Kabarettist) im ausverkauften Basler Volkshaus. Nach der Vorstellung werden er und sein Techniker Gerhard zurück nach Wien fahren. Im Auto, neun Stunden. Passt schon. Die Termine rufen.

Josef Hader, bis jetzt kannten wir Sie als Kabarettisten und Schauspieler mit Kultstatus. Offenbar sind Sie auch ein mindestens so begabter Filmregisseur. Warum haderten Sie so lange mit der Regie?
Ich hatte ja schon früh begonnen, an den Filmen mitzuschreiben, in denen ich spielte. Da arbeitete ich immer mit sehr freundlichen und guten Regisseuren zusammen und fühlte mich nie veranlasst, das selber auszuprobieren – bis ich beschloss, mal ganz allein ein Drehbuch zu schreiben, aus reiner Neugierde, was dabei herauskommt. Während der Arbeit an «Wilde Maus» wurde mir dann immer klarer, dass ich auch Regie führen wollte.

Und die Hauptrolle spielen Sie gleich auch noch.
Diese Entscheidung kam ganz zum Schluss. Das wollte ich erst nicht, doch es drängte sich halt auf, weil ich solche Antihelden wie Georg – passiv, egoistisch, dickköpfig – bereits in der Vergangenheit verkörpert hatte.

Wie führt man mit sich selbst Regie?
Indem man seine Leute mit einbindet. Alle am Set waren eingeladen, sich zu äussern. Das ist für mich der Inbegriff eines guten Filmteams. Dass alle nachdenken und ich mir als Regisseur dann aussuchen darf, welche Ideen mir am besten gefallen.

Sie haben weder Schauspiel noch Regie studiert, richtig?
Ja. Und ich bin als Regisseur auch an meine Grenzen gestossen, weil ich bestimmte Dinge eben nie gelernt habe. Ich versuchte das aber von Anfang an als Vorteil zu sehen, weil ja auch durch Nichtbeherrschen etwas Eigenes, Persönliches entstehen kann.

Humor kann man auch nicht studieren. Trotzdem gehören Sie zu den erfolgreichsten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum.
Wenn wir Kabarettisten eine Schauspielausbildung hätten, würden wir nie die Umwege gehen müssen, die unsere Persönlichkeit auf der Bühne formen. Umwege können ein Projekt sogar interessanter machen, wenn man bereit ist, mangelndes Wissen durch sehr viel Hingabe und Zeit zu ersetzen.

Trotzdem, als Regisseur sind Sie der Kapitän. Sie tragen die Verantwortung für den Kurs und die Passagiere auf dem Dampfer.
Das ist ein ziemlich guter Vergleich. So ein Schiff ist ein träges Gefährt, wie eine Filmproduktion. Man muss sich lange im Voraus überlegen, wo man hinwill. Wenn ich in letzter Sekunde das Steuer herumreisse, weil ein Eisberg auftaucht, ist es schon zu spät. Am Anfang machte mir diese Haftbarkeit grosse Angst, mit der Zeit erfüllte mich das Gefühl der Freiheit.

Sie sind also gern Kapitän.
Ich mag daran vor allem, dass man seiner Crew ein positives Gefühl vermitteln kann. Das fängt damit an, wie man seine Leute begrüsst, wie man mit ihnen umgeht und redet … Ich bevorzuge die freundliche konzentrierte Arbeit und fühle mich nur wohl, wenn sich alle anderen auch wohlfühlen. Aus einem Konflikt heraus kann ich nichts Grosses leisten. Das halte ich nicht aus. Wenns kracht, bin ich eine Mimose. Ich blühe nicht auf, ich gehe zu.

«Unsere Jugend wird dahin sein wie der Rauch aus dem Schornstein», singt die Band Bilderbuch in einer Szene in «Wilde Maus». Georg, Anfang fünfzig, merkt das an allen Fronten: zu alt für die Vaterrolle, zu alt als Journalist, zu alt, das Leben neu anzupacken.
Mich interessierte weniger die Frage des Alterns, sondern wie ein narzisstischer Mann wie Georg mit seinem Scheitern umgeht. Es gibt Männer, denen die Arbeit das ganze Leben bedeutet. Wenn ihnen das Berufliche wegbricht, implodieren oder explodieren sie …

… oder sie zerkratzen das Auto des Chefs.
Richtig, Georg haut auf eine Art zurück, wie Sie und ich es uns trauen würden, nämlich mit einer kleinen Sachbeschädigung. Das fand ich schön zu schreiben, weil man dafür die eigene Haltung benutzen kann. Was würde ich an Georgs Stelle tun? Mich interessierte die minime Grenzüberschreitung, nicht der Amoklauf.

Ich würde gern über die wundervollen Bilder sprechen, die einem nach «Wilde Maus» im Kopf hängen bleiben: das gelbe Auto im Schneefeld, die Liliputbahn im Prater … Das ist doch ein Bereich, über den Sie sich als Kabarettist, Drehbuchschreiber und Schauspieler nie Gedanken machen mussten, oder?
Eine meiner grössten Sorgen war tatsächlich, dass ich das visuell nicht hinkriege. Ich suchte eine Bildsprache, die nicht wie die typischen Brenner-Krimis daherkommt, wo alles ein bisschen lustig und heruntergerockt und hässlich sein darf. Und auch nicht wie diese österreichischen Arthouse-Filme, die aus möglichst kühlen, unbewegten Bildern bestehen. Dann bin ich auf die jungen Kameramänner Xiaosu Han und Andreas Thalhammer gestossen, die – wie ich – auf keiner Filmschule waren, aber tolle Filme drehen. Wir haben uns gut zugehört, zusammen viele Filme geschaut, versucht, miteinander da hinzukommen, wo wir allein nicht hinge- kommen wären.

Schön auch die Schlussszene: Ein Stau löst sich auf, es regnet in Strömen, und die Musik von Strawinsky setzt ein. Grosses Hollywoodkino aus Wien!
Es gab Leute, die vorschlugen, dass da ein richtiges Happy End hermuss. Mir hat aber diese Einstellung wahnsinnig gut gefallen, wie sich der Stau auflöst und die Autos davonfahren. Und dann dachte ich mir, wenn ich jetzt noch eine Musik finde, die Hollywood für ein Happy End benutzen würde, dann löst sich auch die Spannung von allein auf. Strawinskys «Feuervogel» war ja so etwas wie die Blaupause für die spätere Filmmusik Hollywoods. Darum klingt der Abspann auch bei mir wie in einem alten Hollywoodstreifen.

Hören Sie auch privat Klassik?
Ja, aber ich wusste vor allem als Fan von Stanley Kubrick, dass ich in meinem Film viel klassische Musik haben wollte. Beethoven kann nie schaden! Und für die Szene, in der Georg kurz davorsteht, seine erste Grenze zu überschreiten, fand ich das Stück «La follia» – der Wahnsinn – von Vivaldi, vorgetragen vom Ensemble Il Giardino Armonico, das Barockmusik spielt wie Punkrock.

Die Österreicher sind Meister des Abgründigen. Man denke an Ulrich Seidl, Manfred Deix, Thomas Bernhard oder Wolf Haas. Woher kommt dieser Sinn fürs Bissige, der uns Schweizern eher fehlt?
Ich glaube, das ist ein Vorurteil. Die frühen Nummern von Emil waren schon fast absurdes Theater, mit einem tiefen Blick in die Volksseele. Und als ich zum ersten Mal bei «Giacobbo/Müller» eingeladen war, war ich erstaunt über die Schärfe, mit der die das gemacht haben. Hazel Brugger kenne ich zu wenig, aber auch von ihr höre ich nur Gutes. Bei den Schriftstellern fällt mir nebst Dürrenmatt und Frisch Markus Werner ein, den ich sehr schätze. Auch er bewies, dass Abgründigkeit keine österreichische Eigenschaft ist.

Ich muss gestehen, dass ich Sie noch nie als Kabarettisten auf der Bühne erlebt habe. Heute ist meine Premiere. Ich habe beim Kabarett immer Angst, dass ich alle zwanzig Sekunden eine Pointe kapieren muss.
Das ist verständlich. Als ich begonnen hatte, politisches Kabarett zu machen, legte ich es tatsächlich darauf an, möglichst viele Pointen zu setzen. Als ich mich dann entschieden hatte, daraus einen Beruf zu machen, fand ich das schnell uninteressant. Ich wollte nicht ein Buchhalter der Schlechtigkeiten unserer Politiker sein und daraus ein witziges Programm zusammenstellen. Also versuchte ich, Geschichten zu schreiben.

Gab es Vorbilder?
Die angelsächsische Comedy. Als Student entdeckte ich in einem Wiener Plattenladen ein Live-Doppelalbum von Woody Allen aus den Sechzigern. Wie der allein auf der Bühne stand und absurde Geschichten erzählte, das haute mich um. Ich hatte keine Ahnung, dass so was überhaupt funktioniert. In der Folge stiess ich auf den grossen Lenny Bruce, der zwar auch mit Pointen arbeitete, diese aber ganz nebenbei in eine Story bettete. Als entstünden sie aus dem Nichts.

Humor in Zeiten von Donald Trump, Massenflucht und Terror: Müssen Sie sich als Kabarettist neu in Stellung bringen?
Unbedingt. Auch deshalb, weil es mich immer gereizt hat, Kabarett über schwierige und ernste Dinge zu machen. Gleichzeitig habe ich auch grosse Lust, einen neuen Film zu einem drängenden globalen Thema zu drehen, jetzt, wo ich Blut geleckt habe … Auf jeden Fall wartet auf mich nun eine Zeit des Schreibens – der vielleicht angenehmste Teil meines Berufs.

Wirklich? Nicht das Auftreten und der Applaus?
Nein. Am glücklichsten bin ich, wenn ich mich zum Schreiben in ein Café zurückziehen kann. Schreiben ist die einzige legale Droge, die mir in Momenten totaler Verzweiflung zur absoluten Glückseligkeit verhilft. Das geht sonst nur mit verbotenen Substanzen.

Hinweis: Ab 9. März ist der Film  «Wilde Maus» von Josef Hader im Kino zu sehen. Mit Josef Hader, Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Jörg Hartmann und Nora von Waldstätten

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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