Good Girls Revolt

Wie 46 Frauen Pressegeschichte schrieben

Interview: Miriam Suter; Fotos: Astrid Stawiarzr  / Getty Images

  • Lynn Povich (Mitte) mit den «Good Girls Revolt»-Darstellerinnen Grace Gummer, Erin Drake, Genevieve Angelson und Joy Bryant (von links nach rechts) 2015 in New York

1970 verklagte eine Gruppe von Journalistinnen ihren Arbeitgeber wegen Sexismus – und gewann. Lynn Povich war eine davon. Wir haben mit der Journalistin und Autorin über die Geschichte hinter der Serie «Good Girls Revolt» gesprochen. 

Seit Ende letzten Jahres läuft die Serie «Good Girls Revolt» auf Amazon Prime. Die Geschichte basiert auf Lynn Povichs Buch «The Good Girls Revolt» und dreht sich um eine Frauengruppe, die in den Siebzigerjahren ihren Arbeitgeber, das US-Nachrichtenmagazin «Newsweek», wegen Geschlechterdiskriminierung verklagte. 

Die Frauen zogen vor Gericht, weil in der Zeitschrift nur Texte von Männern abgedruckt wurden. Frauen arbeiteten ausschliesslich als Sekretärinnen oder erledigten Recherche-Arbeiten für die Reporter der Redaktion – und schrieben nicht selten deren Texte ins Reine.

Die Serie beleuchtet damit ein unliebsames Kapitel der US-Pressegeschichte und trifft gleichzeitig den Zeitgeist: Erst letztes Jahr hat die deutsche «Frontal 21»-Journalistin Birte Meier gegen die Lohnungleichheit zwischen ihr und einem gleichgestellten Kollegen beim ZDF geklagt. Die Gerichtsverhandlungen beginnen diesen Februar.  

Die US-Journalistin und Autorin Lynn Povich war eine der insgesamt 46 Frauen, die sich gegen die Geschlechterdiskriminierung am Arbeitsplatz aufgelehnt hatten und schliesslich, nach zwei Anklagen, Recht bekamen. Wir haben mit der 73-Jährigen über ihren Kampf für Gleichstellung und den heutigen Stand der Frauenbewegung gesprochen.

annabelle.ch: Lynn Povich, Sie hatten bei «Newsweek» als Sekretärin angefangen und wurden später die erste Chefredaktorin des Magazins. Wollten Sie schon immer Journalistin werden?
Lynn Povich: Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nach dem College einfach nach Paris ziehen und bewarb mich an vielen Orten – einer davon war «Newsweek», und die haben mich genommen. Dort habe ich als Sekretärin gearbeitet und teilweise Recherche-Arbeit für die Reporter erledigt. Ich fand die Arbeit toll. Als ich 1966 nach New York zurückkam, habe ich im dortigen Büro von «Newsweek» als Rechercheurin angefangen. Aber dass eine Frau Karriere machen will, war damals schlicht kein Thema. Ich und die Frauen in meinem damaligen Umfeld mochten unsere Arbeit aber sehr, und wir waren zudem Teil der Frauenbewegung. Das führte dazu, dass wir Karrierefrauen werden wollten – und es schlussendlich auch wurden.

In der Serie «Good Girls Revolt» wird gezeigt, wie sich die Mitarbeiterinnen des Magazins «News Weekly» heimlich auf der Toilette besprechen und sich in ihren Wohnungen verabreden für die Besprechungen, die schlussendlich zu einer Revolte geführt haben. Inwiefern entspricht das der Realität?
Die Serie gibt sehr treffend wieder, wie es damals war. Wir haben uns tatsächlich während der Arbeit organisiert und besprochen, wie wir unsere Arbeitgeber verklagen. Also mussten wir uns im Geheimen treffen. Der einzige Ort, wo Frauen unter sich sein konnten, war nun mal die Damentoilette. Und später haben wir uns abends in den Wohnungen der Frauen getroffen, die allein lebten oder gerade sturmfrei hatten.

Wann war für Sie klar, dass Sie Klage gegen Ihren Arbeitgeber einreichen?
Das war eine Reihe von Ereignissen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Geschichte von Judy Gingold, die an der Klage massgeblich beteiligt war. Sie hatte damals über den amtierenden Bürgermeister von New York berichtet, der 1968 als Präsident kandidierte. Als die Tagungen seiner Republikanischen Partei begonnen hatten, durfte sie nicht mehr weiter berichten, sondern musste ihre Recherchen an einen Mann abgeben, der die Geschichte übernahm. Judy traf sich daraufhin mit einer Anwältin, die ihr klarmachte, dass dieses Vorgehen illegal ist. Ebenso wenig sei es in Ordnung, dass wir keine Texte veröffentlichen durften, bloss weil wir Frauen waren. Das war für mich der Schlüsselmoment, und mir wurde klar: Eine Klage ist unumgänglich. Hier ging es nicht mehr um Fairplay, sondern um einen Verstoss gegen das Gesetz – und vor allem ging es um Moral.

Wie geht eine Gruppe von Frauen vor, die Ihren Arbeitgeber wegen sexistischer Diskriminierung anklagen will?
Einige Frauen innerhalb der Bewegung fanden, dass wir zuerst mit der Geschäftsführung von «Newsweek» sprechen sollten – die ausschliesslich aus Männern bestand. Judy Gingold entgegnete, dass sich die Männer wahrscheinlich selber nicht bewusst waren, dass ihr Vorgehen illegal war. Klar, es waren fünf Jahre vergangen seit dem Civil Rights Act (amerikanisches Bundesgesetz, das Rassentrennung und -diskriminierung verbietet, Anm. d. Red.), aber wir kamen nicht auf die Idee, dass die Gesinnung dahinter auch auf uns zutraf: Wir wurden aufgrund unseres Geschlechts diskriminiert. Dass sich die Männer dessen aber ebenso wenig bewusst waren wie wir selbst lange Zeit auch, war die eine Sache. Und andererseits dachten viele von uns, dass sich ein Aufbegehren nicht lohnen würde – immerhin waren wir die niedrigsten Angestellten. Wo liegt da die Motivation der Geschäftsführung, sich für uns einzusetzen? Sie konnten uns einfach entlassen und neue Leute einstellen. Also hatten wir das Bedürfnis nach Schutz, wenn wir Klage erheben, und holten uns eine Anwältin.

Hatten Sie keine Angst, Ihren Job zu verlieren?
In der Zeit, in der wir uns heimlich während der Arbeitszeit organisierten, schon. Wir mussten das stets geheim halten, was uns auch gut gelungen ist. Was mich aber bis heute erstaunt und froh macht, ist, dass die Frauen bei «Newsweek» untereinander einen sehr starken Zusammenhalt hatten. Natürlich waren einige von uns privat befreundet, aber wir waren im Arbeitsalltag auch Konkurrentinnen. Diese Entscheidung, dass wir nicht gegeneinander kämpfen sollten, sondern gegen ein System, das uns alle diskriminiert, das war eine wahnsinnig beeindruckende und bereichernde Erfahrung für mich. Wir haben eine Schwesternschaft kreiert, eine Gruppe aus 46 Frauen. An dem Tag, an dem wir die Klage einreichten, haben insgesamt sogar sechzig Frauen unterschrieben. Und keine Einzige hat uns verraten. Beim Einreichen der Klage wussten wir also bereits, dass wir auf der gesetzlich sicheren Seite sind – wir durften nicht entlassen werden deswegen. Man konnte uns das Leben zur Hölle machen, aber man durfte uns nicht entlassen. Und wir waren bereit, jede Form von Vergeltung in Kauf zu nehmen, um das zu tun, was wir für richtig hielten.

Warum wollten Sie weiterhin für jemanden arbeiten, der Sie aufgrund Ihres Geschlechts diskriminierte?
In erster Linie, weil «Newsweek» eine grossartige Umgebung zum Arbeiten war, ein tolles Magazin und ein liberales noch dazu: «Newsweek» war für die Bürgerrechtsbewegung, für die Frauenbewegung, gegen den Krieg in Vietnam. Solche Orte machen Bewegungen wie unsere erst möglich. Liberale Arbeitgeber stellen tendenziell genügend Leute an, die mit Diskriminierung zu kämpfen haben – Frauen, Hispanoamerikaner, Schwarze –, damit sich Gruppierungen bilden können und die Leute nicht für sich allein kämpfen müssen. Wir haben «Newsweek» geliebt und wollten das Magazin zu einem besseren Arbeitgeber für Frauen machen.

Wie war die Stimmung in der Redaktion, nachdem bekannt wurde, dass Sie klagen?
Von vielen der Männer, mit denen wir zusammen arbeiteten und teilweise auch befreundet waren, kam grosse Unterstützung. Sie kannten uns und wussten, dass wir klug und talentiert sind und massgeblich dazu beitrugen, dass ihre Geschichten noch besser wurden. Der Tenor war also: Oh Gott, warum ist uns das nicht aufgefallen, ihr habt absolut Recht! Das «Newsweek»-Büro in San Francisco, das ausschliesslich aus Männern bestand, sandte uns sogar ein Telegramm, in dem die Redaktion ihre Unterstützung ausdrückte. Es gab aber natürlich auch Gegenstimmen: Einige der Männer, die schon lange bei «Newsweek» als Reporter arbeiteten, und einige Chefredaktoren waren sehr wütend. Es gefiel ihnen nicht, dass wir öffentlich auf diesen Missstand aufmerksam machten anstatt erst zur Geschäftsleitung zu gehen. Uns wurde auch vorgeworfen, dass wir darauf abzielten, dass Frauen wegen ihres Geschlechts gar beruflich bevorzugt werden – und nicht etwa, weil sie Talent haben. Es herrschte also eine etwas angespannte Stimmung in den höheren Etagen, aber wir waren zuversichtlich.

Ihrer Klage wurde vor Gericht stattgegeben. Wie ging es danach weiter bei «Newsweek»?
Das erste Jahr war schwierig. Ich selbst wurde zwar schnell zur Reporterin befördert. Aber ich erinnere mich daran, wie in der Redaktion gefragt wurde: «So, ihr Frauen wollt also schreiben, wer will zuerst?» Darauf haben sich drei Frauen gemeldet, die bereits als freie Journalistinnen Artikel veröffentlicht hatten – und ihre Texte wurden trotzdem nicht von der Chefredaktion abgesegnet. Keine der Praktikantinnen aus diesem Jahr wurde angestellt – die Männer hingegen bekamen alle einen Job. Und obwohl die Geschäftsleitung eine Vereinbarung unterzeichnet hatte, wurden zwar mehr und mehr Journalistinnen neu eingestellt, aber die Frauen, die bereits bei «Newsweek» arbeiteten, wurden nicht befördert. Da hegte man also intern noch Groll gegen uns. Deswegen haben wir ein Jahr nach der ersten Klage erneut eine Anwältin zurate gezogen und Ende 1972 eine zweite Beschwerde eingereicht, mit der zusätzlichen Klage wegen Vertragsbruchs. Dieses Mal waren wir sehr spezifisch mit unseren Forderungen: Wir forderten, dass ein Drittel der Angestellten in der Redaktion Frauen sind und ein Drittel der Leute, die die Recherche machen, Männer sein müssen. Damit wollten wir zeigen, dass die Aufgabe der Recherche keine Frauenarbeit ist, sondern ein Einstiegsjob. Und zuletzt forderten wir eine Chefredaktorin in unserer Redaktion. Wir gaben der Geschäftsleitung zwei Jahre, um alle unsere Forderungen umzusetzen. Das hat auch funktioniert: 1975 wurde ich die erste Chefredaktorin in der Geschichte von «Newsweek».

«Newsweek» gehörte damals einer Frau, der Verlegerin Katharine Graham. Wie hat sie auf die Klage reagiert?
Wir hatten uns ja dagegen entschieden, mit der Geschäftsleitung zu verhandeln, bevor wir die Klage einreichten. Wir wollten also auch nicht mit der Inhaberin verhandeln. Ausserdem waren wir nicht sicher, wie Katharine zur Frauenbewegung stand. Im weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlungen haben wir sie jedoch getroffen, um sie mit einzubeziehen. Ihre Antwort war: «Die Männer arbeiten in der Redaktion, die Männer verhandeln.» Eine sehr klare Antwort.

Wie fühlten Sie sich nach dieser Ablehnung?
Damit haben wir uns nicht aufgehalten. Sie machte ihren Anwälten Druck, den Fall schnell abzuschliessen. Gleichzeitig wurde sie nämlich von afroamerikanischen Angestellten der «Washington Post» wegen Rassendiskriminierung verklagt, also war sie wohl einfach genervt und wollte unsere Klage schnell vom Tisch haben. Katharine war keine Feministin, sondern Geschäftsfrau – allerdings eine mit sehr starkem moralischem Bewusstsein zum Glück.

Wo steht die Frauenbewegung heute?
Der Feminismus hat keinen guten Job gemacht. Das Klischee der männerhassenden Feministin, die sich seltsam anzieht und vielleicht noch lesbisch ist, hält sich noch immer hartnäckig. Aber je mehr sich junge Frauen und Prominente – etwa Beyoncé oder die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie – mit Stolz als Feministin bezeichnen, umso eher lösen sich diese Klischees auf. Das sind starke Statements, die eine neue Kultur prägen können. Die US-Wahlen vom 9. November haben sicherlich viele Frauen dahingehend radikalisiert, die sich bisher sicher waren, dass die Zeiten von Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorüber sind. Jetzt stellen sie fest, dass das überhaupt nicht der Fall ist. Eine ganze Generation von jungen Frauen wurde hoffentlich wachgerüttelt, sich mehr für Frauenrechte einzusetzen.

Uns Millennials wird allerdings immer vorgeworfen, wir seien faul und setzten uns zu wenig für gesellschaftliche Veränderungen ein. Glauben Sie an uns?
Bis zur diesjährigen Präsidentschaftswahl hatte ich ehrlich gesagt eine ähnliche Meinung. Aber seither sprechen so viele junge Menschen – nicht nur in den USA – wieder die gleichen Probleme an wie wir damals: Menschenrechte, Frauenrechte, Diskriminierung, Sexismus. Und wenn sich diese Jungen gleichzeitig am Wort Feministin stossen, muss ich sagen: Mir ist egal, wie ihr euch bezeichnet. Wichtig finde ich, dass ihr euch für Angelegenheiten wie Chancengleichheit und Gleichberechtigung einsetzt.

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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