Jürgen Schmieder wagte das Experiment

Wie fühlt es sich an, eine Frau zu sein?

Jürgen Schmieder wollte wissen, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein. Und ganz nebenbei ein besserer Ehemann werden. Ein gewagtes Experiment samt simulierter Menstruation und schmerzhaften Selbsterkenntnissen.

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«Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen machen doch das Zusammenleben erst richtig aufregend»: Jürgen Schmieder in Beverly Hills

Jürgen Schmieder: Der Frauenversteher. C.-Bertelsmann-Verlag, 2016, 224 S., ca. 23 Franken

annabelle: Jürgen Schmieder, Sie wollten lernen, die Frauen besser zu verstehen. War das Ihre eigene Idee oder diejenige Ihrer Frau?
Jürgen Schmieder: Alles fing damit an, dass ich mich in einer Talkshow ins Fettnäpfchen setzte. «Bei einer Diskussion will meine Frau nicht meine Meinung hören – sondern ihre eigene in einer tieferen Stimme», hatte ich dort gesagt. Das fand Hanni etwa so lustig, als hätte ich ihr die Unterhose bis zu den Achseln hochgezogen. «Du hast echt null Ahnung von Frauen», meinte sie.

Und, hatte sie damit recht?
Ich befürchte ja. Manchmal kann ich ein ziemlicher Ignorant sein. Deshalb schrieb ich über die sozialen Medien sämtliche Frauen an, die ich kannte, und bat sie um eine Liste von Erfahrungen, die ich machen müsste, um besser zu verstehen, wie Frauen ticken. Etwa 400 bis 500 der Befragten aus allen Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten antworteten mir.

Fielen die Antworten in etwa so aus, wie Sie es erwartet hatten?
Überhaupt nicht. Ich rechnete mit: «Erlebe multiple Orgasmen.» Oder: «Lass dich von Männern umschmeicheln und zu teuren Getränken einladen.» Stattdessen schrieben die Frauen: «Leite menstruierend ein börsenkotiertes Unternehmen.» Oder: «Räume die dreckige Wäsche deines Partners weg.» Oder: «Habe andauernd geschwollene Knöchel.» Das klang, als wäre Frausein das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.

Ein Expertinnengremium, bestehend aus Ihrer Frau, Ihrer Schwiegermutter, Ihren Schwägerinnen und Freundinnen, suchte aus den vielen Vorschlägen die geeignetsten aus. Wo schickten sie Sie als Erstes hin?
In eine Cougar-Bar in Los Angeles, wo reiche ältere Frauen sehr offensiv auf die Jagd nach jüngeren Männern gehen. Hier sollte ich lernen zu verstehen, warum es Frauen so nervt, wenn sie im Ausgang andauernd von Männern angemacht werden.

Wie war es, für einmal Gejagter statt Jäger zu sein?
Die ersten zwei Stunden fühlte ich mich wie im Paradies. Gleich mehrere attraktive Frauen kamen auf mich zu und sagten, dass ich hübsch sei, sie spendierten mir Drinks und baten mich, für sie ein bisschen mit dem Hintern zu wackeln. Das ist doch super, dachte ich erst, du gibst keinen Cent aus, und alle sind nett zu dir. Was habt ihr Frauen denn bloss!

Lassen Sie mich raten: Als die Sperrstunde nahte, kippte die Stimmung.
Ja, ab Mitternacht wurde es plötzlich offensiver, die Frauen wollten ihren Partner für die Nacht klarmachen. Auf meinen Hinweis, ich sei verheiratet, antworteten sie: «Ja und? Ich auch.» Dann fingen sie an, mir an den Hintern zu fassen und sogar an die Genitalien. Es fielen Sprüche wie «Wow, nice package!». Das fand ich dann weniger lustig. Eine meinte: «Ich habe dir doch zwei Drinks spendiert, du musst jetzt mit mir heimgehen.» Als ob sie mich damit gekauft hätte – total nervig, dieser Besitzanspruch! Da erst wurde mir klar, wie oft ich als Teenager selbst einer Frau einen Drink ausgegeben hatte und fest davon ausgegangen war, sie komme nun mit mir nachhause. Wie bescheuert ich war zu glauben, dass so Flirten funktioniert! Kein Wunder, habe ich damals keine Freundin gefunden.

Frauen bekommen in solchen Situationen oft Angst, weil sie einem aufdringlichen Verehrer physisch unterlegen sind. Sie auch?
Nein, ich bin ja 1.80 gross und 95 Kilo schwer, ich konnte mir diese Frauen schon vom Leib halten. Wenn man aber eine kleine Frau ist, und da steht so ein baumlanger Kerl … Ich gehe jetzt öfter mal dazwischen, wenn ich irgendwo in einer Bar bin und sehe, dass eine Frau dumm angemacht und bedroht wird.

«Wie halten Frauen diese Qualen bloss aus! Ich krümmte mich im Bett vor Schmerzen, fühlte mich gereizt, hässlich und unverstanden und konnte unmöglich arbeiten»

Als Nächstes haben Sie die Symptome einer Menstruation simuliert. Wie soll das denn bitte gehen, so ganz ohne Gebärmutter?
Ich weiss, es klingt wie totaler Quatsch, aber ich habe trotzdem eine Menge daraus gelernt. Die Symptome sollten so realistisch wie möglich sein, deshalb konsultierte ich eine auf Menstruationsprobleme spezialisierte Ärztin. Sie empfahl mir, drei Wochen lang jeden Abend mindestens eine Flasche Rotwein zu trinken und den Kater am nächsten Morgen mit Espresso zu bekämpfen. Das war der spassige Teil des Experiments. Nach Ablauf der drei Wochen ging ich auf kalten Entzug, sowohl mit dem Alkohol wie auch mit dem Koffein – was wie gewünscht entsetzliche Kopfschmerzen und Müdigkeit auslöste. Um Bauchweh zu bekommen, hatte ich zudem an den letzten beiden Tagen der Vorbereitungsphase je zwei Liter Milch getrunken – trotz meiner Laktoseintoleranz. Für die Stimmungsschwankungen bekam ich ein Pflaster mit weiblichen Hormonen verschrieben. Und für die Krämpfe sorgte ein Reizstromgerät, dessen Elektroden ich mir zwischen Hodensack und Anus festklebte.

Herr Schmieder, kann es sein, dass Sie ein Masochist sind?
Eigentlich nicht. Nach dieser Erfahrung sehe ich mich vielmehr als ziemliches Weichei. Wie halten Frauen diese Qualen bloss aus – jeden Monat! Ich krümmte mich im Bett vor Schmerzen, fühlte mich gereizt, hässlich und unverstanden und konnte unmöglich arbeiten. Aber natürlich rief genau an dem Tag die Redaktion an und schickte mich zu einem Interview mit Hilary Swank. Das Gespräch ging total in die Hose, der Artikel wurde nie gedruckt.

Was hat Ihnen diese Erfahrung gebracht, ausser ein paar schrecklichen Tagen?
Ich verstehe jetzt, warum Hanni so empfindlich und ruhebedürftig ist, wenn sie ihre Menstruation hat. Das ist kein Witz, was da abläuft, und wir Männer machen ja oft despektierliche Witze darüber. Ich auch: Trau keinem Wesen, das länger als drei Tage blutet und nicht stirbt, hö hö hö … Ich war derselbe Vollidiot wie alle anderen. Aber jetzt kapiere ichs. Schade übrigens, dass ihr Frauen es uns nicht wissen lassen wollt, wenn ihr eure Tage habt. Wenn wir Bescheid wüssten, könnten wir viel besser Rücksicht auf euch nehmen.

Sind Sie jetzt netter zu Ihrer Frau?
Der perfekte Ehemann bin ich ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil, ich muss immer noch heilfroh sein, dass meine Frau bei mir bleibt. (Ruft durch die Wohnung) Hanni, bin ich jetzt netter? HANNI: Doch, du zeigst schon mehr Mitgefühl als früher. (Schmieder lächelt, überrascht über das unerwartete Lob.)

Was haben Sie sonst noch über Frauen gelernt?
Aufräumen ist bei uns ein grosses Thema, weil ich ein Messi bin, eine echte Wildsau. Meine Mutter kommt uns morgen besuchen, deshalb will Hanni, dass alles tipptopp ist. Ich sage: Meine Mutter weiss, dass ich ein Schwein bin, also ist es doch egal, wies bei uns ausschaut. Doch nun hat mir Hanni erklärt, warum es ihr so viel bedeutet, dass die Wohnung gut aussieht. Dass die Leute sagen, Mensch, bei euch ists aber schön, zu euch komme ich gern. So habe ich mehr Verständnis für ihre Sicht entwickelt. Könnte sie umgekehrt ruhig auch mal bei mir machen.

«Ich weiss nach wie vor nicht, wie ich meine Frau ins Bett kriege. Mal will sie kuscheln, mal will sie hofiert werden, mal will sie streiten»

Sie fühlen sich ebenfalls unverstanden?
Ja, ich kriege hier täglich meinen Anschiss, weil ich schon wieder irgendwas nicht weggeräumt habe. Aber Nörgeln hilft bei mir nicht. Es braucht positive Ansprache. Wenn ich tatsächlich mal meinen Saustall aufräume, müsste sie mich loben und mit mir kuscheln. Das würde mich ungleich mehr anspornen. Wir feiern nächste Woche den zehnten Hochzeitstag, doch meine Frau hat das noch immer nicht kapiert. (Aus der Küche ist prustendes Kichern zu hören.) Ja, lach du nur, Hanni!

Sie haben auch den gesamten Kanon an Frauenliteratur und -filmen studiert. War das Spass oder harte Arbeit?
Serien wie «Sex and the City» oder «Desperate Housewives » fand ich total witzig und unterhaltsam. Doch das Buch «Fifty Shades of Grey» hat mir fast schon körperliche Schmerzen bereitet. Wenn man wenigstens nach fünf Seiten Lust auf Sex bekäme, doch es ist einfach nur todlangweilig. Mein Knochenbrechermoment war, als Mr. Grey seiner menstruierenden Gespielin einen Tampon aus der Vagina zieht und in den Mülleimer wirft, was sie angeblich in höchste Sphären der Lust katapultiert. Wer das erotisch findet, wird vermutlich auch durch das Betrachten von Naturkatastrophen sexuell erregt.

Was sagt es über Frauen aus, dass Millionen von ihnen dieses Buch gekauft haben?
Ich bin darüber total konsterniert. Das Frauenbild, das die Hauptfigur repräsentiert, ist doch aus den spiessigen Fünfzigerjahren! Kleines Heimchen angelt sich reichen Firmenchef. Der behandelt sie wie Scheisse, aber am Ende kommen sie doch zusammen – die ollste Kamelle der Welt. Warum, liebe Frauen, macht ihr so ein dummes und frauenfeindliches Buch zum Besteller? Weshalb redet ihr von Gleichberechtigung und kauft euch dann so was? Ich kann daraus nur schliessen, dass wir noch lange nicht so weit sind, wie wir sein sollten – und dass das nicht nur an den Männern liegt.

Gibt es andere Dinge, die Sie an Frauen noch immer rätselhaft finden?
Ich weiss nach wie vor nicht, was ich tun muss, um meine Frau ins Bett zu kriegen. Mal will sie kuscheln, mal will sie hofiert werden, mal will sie streiten – es ist wie ein Spiel, dessen Regeln ich nicht kenne. Aber wäre es nicht schrecklich langweilig, wenn ich sie kennen würde? Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, das faszinierend Rätselhafte macht doch das Zusammenleben erst richtig aufregend. Ein paar Geheimnisse sollten wir unbedingt bewahren.

Der Selbstversucher

Der Deutsche Jürgen Schmieder (37) arbeitet als Reporter für die «Süddeutsche Zeitung» und ist spezialisiert auf Selbstversuche. Bevor er lernte, sich wie eine Frau zu fühlen, testete er mit derselben Akribie Abspeckmethoden und Weltreligionen, er versuchte, ein Jahr lang gesetzestreu zu leben und vierzig Tage nicht zu lügen (was ihn beinah seine Ehe und sehr viel Geld kostete). Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau Hanni und seinem Sohn Finn in Los Angeles. Das Interview fand per Skype statt.

Interview: Claudia Senn; Foto: Tomo Muscionico

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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