Psychische Probleme

Wie ist es eigentlich, 55 Kilo leichter zu sein?

Aufgezeichnet von Stephanie Hess, Bild: Arcelia Vanasse/Freeimages.com
 

Sara Bachmann (32), Behindertenbetreuerin, erzählt, wie es ist, 55 Kilo leichter zu sein.

Ich verlor 40 Kilogramm in einem halben Jahr. Das ging so schnell, dass die körperliche Veränderung in meinem Hirn zuerst gar nicht ankam. Ich hätte beispielsweise längst wieder in einem Kinosessel Platz gehabt. Dennoch getraute ich mich nicht in eine Vorführung zu gehen, weil ich überzeugt davon war, dass ich beim Aufstehen aus dem Sessel noch immer zwischen den Armlehnen stecken bleiben würde.

Vor meiner Magenbypass-Operation hatte ich 130 Kilo bei einer Körpergrösse von 1.70 Meter gewogen. Ich war 24 Jahre alt, hatte kaum Freunde, ein schwieriges Verhältnis zu meinen Eltern, und ich steckte in einer unglücklichen Ehe. Als die Pfunde purzelten, veränderte sich nicht nur mein Körper, sondern mein ganzes Leben.

Ein Jahr nachdem mein Magen auf die Grösse einer Espressotasse verkleinert wurde, erreichte ich mein goldenes Gewicht, das Zielgewicht: 75 Kilogramm. Ich war also wieder normalgewichtig. Und ich realisierte, wie viel einfacher es war, Menschen kennen zu lernen, neue Freunde zu finden. Nein, das lag nicht daran, dass ich mich anders verhielt, dass ich öfter auf Leute zuging als früher, wirklich! Es lag schlicht daran, dass ich nicht mehr «die Dicke» war. Weil ich anders aussah, schien ich interessanter, mehr wert zu sein. Eine sehr schmerzhafte Erkenntnis.

Drei Jahre nach der Operation trennte ich mich von meinem Mann. Ich hatte lange gebraucht, um aus dieser von Gewalt geprägten Beziehung auszubrechen. Schliesslich war er der Einzige gewesen, der immer für mich da war, auch als ich noch dick war. Doch diese Verbindung, meine Unterwürfigkeit und meine Schwierigkeiten Nein zu sagen, gehörten zu meinem früheren Leben. Zu einem Leben, das mir nicht mehr passte – so wenig wie alle meine alten Hosen.

An die Männerblicke musste ich mich erst wieder gewöhnen. Lange interpretierte ich sie als abwertend. Ich dachte, es seien dieselben Blicke, wie ich sie früher von so vielen Leute gespürt hatte, wenn ich ein Glace gegessen oder einen Cappuccino getrunken hatte. Oder jene, die mir Verkäuferinnen von Warenhäusern zugeworfen hatten und mir dann sagten, dass ich bei ihnen nichts finden würde. Dabei hätte ich ja auch einfach einen Hut, Schmuck oder einen Schal kaufen können. Irgendwann realisierte ich dann, dass die Männer mich anschauten, weil sie mich wieder als Frau wahrnahmen.

Die Magenoperation war für mich die Brücke zu einem neuen Leben. Es gab zwei Leute, ohne die ich diesen Weg nicht geschafft hätte, darum möchte ich sie hier auch erwähnen. Renward Hauser, mein behandelnder Arzt, hatte von Anfang an genau hingehört. Genauso wie Johanna Friedli, die mich bis heute psychologisch begleitet. Wichtig ist mir auch zu sagen, dass eine Magenverkleinerung allein die Probleme nicht löst. Die Kilos sind ja vor allem ein Symptom. In meinem Fall eines für psychische Probleme, die mit meiner Familiensituation zusammenhingen.

Schon als Kind sagte man mir, dass ich die Einzige in der Familie sei, die ein Pummel sei. Was nicht einmal stimmte. Wenn ich heute Fotos von mir als Kind anschaue, sehe ich ein ganz normales, schlankes Mädchen. Aus der Zuschreibung wurde aber Realität: Je älter ich wurde, desto mehr Kilos brachte ich auf die Waage. Meine Mutter fand: Schau dich doch mal an, mach etwas dagegen. Mein Vater schwieg. Ich probierte tausend Diäten, aber nichts half. In der Therapie lernte ich mit diesen Prägungen umzugehen, mich von meinen Eltern abzugrenzen und wieder ein Gefühl für meinen Körper zu entwickeln.

Heute bin ich 32 Jahre alt. Stehe mit meinen Eltern in einem mehr oder weniger geklärten Verhältnis, habe Freunde. Und ich bin glücklich verheiratet mit einem Mann, den ich bei der Arbeit kennen gelernt habe. Vor kurzem sind wir Eltern von Zwillingen geworden. Ich wiege nun wieder etwas mehr als 75 Kilogramm, da die Schwangerschaftspfunde noch nicht runter sind. Das macht mir Mühe. Aber ich kenne nun Strategien, wie ich damit umgehen kann.

Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

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