Phobie

Wie ist es eigentlich, Angst vor Knöpfen zu haben?

Text: Stephanie Hess; Foto: freeimages.com/Sabine Simon

Lehrerin Elisabeth Beerli (25) erzählt, wie es ist, Angst vor Knöpfen zu haben.

Plastikknöpfe sind am schlimmsten. Diese kleinen an Hemden und Blusen, die so glänzen. Uah, da schüttelts mich schon, wenn ich nur dran denke.

Seit ich ein kleines Mädchen bin, habe ich Angst vor Knöpfen. Ich trug damals nur Leggins und T-Shirts. Wollte mir meine Mutter etwas anderes anziehen, rannte ich weg und schrie, dass mir die Knöpfe wehmachen würden. Ein anderer Horror: Betten beziehen! Wenn niemand da war, der mir helfen konnte, hielt ich als Mädchen jeweils die Luft an, knöpfte die Wäsche ganz schnell zu und wusch mir danach die Hände. Heute habe ich nur noch Bettwäsche mit Reissverschluss.

Woher diese Abneigung kommt? Keinen blassen Schimmer. So geht es den meisten Koumpounophobikern, wie wir in Fachkreisen genannt werden. In Internetforen habe ich gelesen, dass die meisten Betroffenen den Ekel vor Knöpfen seit ihrer Kindheit kennen. Viele berichten, dass in ihrer Familie mehrere Personen betroffen sind. In meiner Familie bin ich die Einzige.

Als Lehrerin kann ich glücklicherweise ziemlich frei entscheiden, was ich zur Arbeit trage. Während des Studiums wurde ich jedoch einmal für einen Promo-Job gebucht, bei dem ein Poloshirt Pflicht war. Als sie mir das Shirt in die Hände drückten, dachte ich nur: Scheisse! Nach Arbeitsschluss habe ich es mir richtig vom Leib gerissen. Es war schrecklich, die Knöpfe so eng am Hals zu haben. Ich fühlte mich eingeschränkt, zugeschnürt. Als ich bei einem anderen Event wieder ein Poloshirt tragen musste, griff eine Kollegin ein – und schnitt einfach die Knöpfe ab.

Mir widerstreben Knöpfe nicht nur, wenn ich sie selber trage oder anfassen muss. Sondern auch, wenn ich sie an anderen Menschen sehe. Ich bin überzeugt, dass mein Freund und ich uns nicht kennen gelernt hätten, wäre er beim ersten Treffen in einem Oberteil mit Knöpfen erschienen. Er ist Musiker und trägt an seinen Konzerten gern Hemden, für mich zieht er sich aber nach seinem Auftritt jeweils um. Hat ein Mann Kleidungsstücke mit Knöpfen an, macht ihn das für mich einfach unattraktiv, da kann er noch so gut aussehen.

Meine Knopfphobie ist mir nicht unbedingt peinlich. Trotzdem erzähle ich nicht sofort davon, wenn ich jemanden kennen lerne. Die Leute verstehen diese Angst nicht, sagen mir: Aber die Knöpfe tun dir doch nichts! Das weiss ich ja, aber diese Angst ist einfach in mir drin wie bei anderen Leuten die Angst vor Schlangen oder Spinnen. Im Alltag komme ich mit meiner Phobie mehr oder weniger klar. Aber ich würde sehr gern unbefangen shoppen gehen, mal einen edlen Blazer tragen können oder ein schönes Jäckchen. Ich habe darum versucht, mich selber von der Angst zu heilen, indem ich mich immer mal wieder in Kleidungsstücke mit Knöpfen gezwängt habe. Ich dachte, dass ich mich so schon irgendwann daran gewöhnen würde. Keine Chance! Ich konnte die Stücke einfach nicht länger als ein paar Sekunden tragen. Immerhin: Druck- und Jeansknöpfe gehen inzwischen. Das heisst, ich kann sie an Kleidungsstücken akzeptieren, die ich trage. Freudlos zwar, aber es geht. Plastikknöpfe allerdings gehen nach wie vor überhaupt nicht.

Meine nicht fruchtenden Selbsttherapieversuche haben mir gezeigt: Allein werde ich es nicht schaffen, meine Angst gänzlich in den Griff zu kriegen. Momentan spiele ich darum mit dem Gedanken, in eine psychologische Behandlung oder zur Hypnose zu gehen.

Ob es noch andere Dinge gibt, die bei mir solchen Ekel auslösen wie Knöpfe? Nein. Im Gegenteil. Ich bin diejenige, die problemlos eine Spinne in die Hand nehmen und rausbringen kann, wenn alle anderen schreien.

Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

Alle Beiträge von Stephanie Hess

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox