Nächtliche Überraschung

Wie ist es eigentlich, einen Einbrecher beim Filetbraten zu ertappen?

Hört man nachts ein Geräusch, geht man vom Schlimmsten aus: ein Einbrecher. Doch was, wenn man diesen beim Filetbraten überrascht?

Vor zwei Monaten wurde ich nachts durch ein Geräusch geweckt. Ich horchte in die Schwärze um mich herum, konnte aber nichts anderes hören als meinen Atem. Ich realisierte, dass mein Mann nicht wie erwartet neben mir lag, sondern zwischen Bett und Tür umhertigerte. «Hast du es auch gehört?», fispelte Hanspeter. Ich war unsicher. Wir verharrten einen Moment lang regungslos – im Unklaren, was uns geweckt hatte und worauf wir warteten. Der Wecker zeigte halb vier.

Plötzlich war es wieder da, das schabende Geräusch, das in etwas Dumpfem endete. Es kam aus dem Parterre. Aus der Küche unseres Restaurants, die sich unter dem Schlafzimmer befindet. Es klang, als ob eine Schublade aus Chromstahl kraftvoll zugestossen wurde.

Hanspeter trat zur Türschwelle. «Hast du gestern unten das Licht ausgemacht?», fragte er. Ich war ganz sicher, der Vorabend war wie immer verlaufen: Wir hatten mit den letzten Gästen und einer Mitarbeiterin einen Schlummertrunk getrunken. Um halb zwei löschte ich vor dem Zubettgehen alle Lichter.

«Jetzt brennt es», sagte Hanspeter, «ich schau mal nach.» Kurz darauf hörte ich ihn meinen Namen rufen. Ich rannte die Treppe hinunter. «Marlis, ruf die Polizei! Da ist ein Einbrecher!» Ich war so überrumpelt, dass mir die Notrufnummer nicht einfiel. Ich musste im Internet nach ihr suchen. «Die Streife kommt gleich», beruhigte mich die Notrufzentrale.

Im Treppenhaus roch es warm und gut, leicht süsslich nach frischem Fleisch. Hanspeter hielt im Neonlicht der Restaurantküche einen Mann fest. Der wehrte sich kaum. Seine Hosentaschen waren prall gefüllt. Er sah aus wie ein Känguruh. Und auf der Grillplatte brutzelte ein Schweinsfilet in seinem Saft.

Ich kannte ihn. Bis vor kurzem hatte er in der Gegend gewohnt und war regelmässig zu uns in den «Lindenhof» gekommen, um Zigaretten zu kaufen. Er blieb jeweils am Buffet stehen und beobachtete, wie ich aus einer Schubladen ein Zigipäckli holte und danach mein Portemonnaie in der Lade verstaute. Der Mann hatte nichts Auffälliges an sich. Er verhielt sich auch jetzt ruhig, machte keine Anstalten auszubüchsen. Er schien müde, und sein Atem roch nach Alkohol. Zehn Minuten nach meinem Anruf trafen zwei Polizisten ein. In Handschellen führten sie den Einbrecher zur Einvernahme in die Gaststube. Dort herrschte ein ziemliches Chaos. Die Schubladen des Buffets waren herausgezogen, Bierdeckel, Stumpen, Zigarren, Münzen und Kopfwehtabletten lagen auf dem Boden verstreut.

Ein Polizist befahl dem Mann, seine Taschen zu leeren. Auf den Stammtisch kamen etliche Päckchen Marlboro zu liegen, Münzrollen im Wert von 500 Franken und etwa ein Kilo vakuumiertes Straussenfilet. Er habe einfach so einen Hunger verspürt, rechtfertigte sich der Einbrecher.

Die Situation erschien mir absurd. Aber auch wenn der Mann sich widerrechtlich verhalten hatte, konnte ich in ihm keinen richtigen Verbrecher sehen. Viel zu tölpelhaft war er vorgegangen. Er schien viel eher eins über den Durst getrunken und dann etwas angestellt zu haben, was zwar kriminell ist, vor allem aber einfach superdumm.

Während der Einvernahme fragte Hanspeter den Mann, ob er das Filet noch wolle, das er sich da auf den Grill geworfen habe. «Ja», sagte er. Die Polizisten lösten ihm die Handschellen, Hanspeter reichte ihm Brot und stellte eine Flasche Ketchup auf den Tisch.

Ich wusste, ich würde dem Mann nichts nachtragen können. Ich würde ein paar unangenehme Dinge zu tun haben, die ich ohne sein Einsteigen nicht zu erledigen gehabt hätte: aufräumen, mit der Versicherung telefonieren, das Türglas ersetzen lassen. Aber der Mann würde sich von seiner korrekten Seite zeigen und sich in ein paar Tagen bei uns entschuldigen – und so kam es denn auch.

Gegen sieben Uhr legte ich mich nochmals kurz aufs Bett. An Schlaf war nicht zu denken. Ich fragte ich mich, worin unser Vertrauen in andere gründet? Und wozu wir selber unter bestimmten Umständen fähig sein können, ohne heute davon nur das Geringste zu ahnen?

Text: Peter Ackermann; Foto: freeimages