Wie ist es eigentlich

Wie sich ein K.o. anfühlt

Aniya Seki (37) ist Profiboxerin. Die Bernerin erzählt, wie es ist, nach einen Kinnschlag Sternchen zu sehen.

Ich war hässig. Und hässig zu sein, ist nie gut beim Boxen. Dann denkt man nicht mehr nach, ist ungeduldig, wartet nicht auf seine Chance. Und so ist es passiert: Ich lief in den Hammer. Eine rechte Gerade aufs offene Kinn. Da hat es mich grad auf den Hintern geworfen, ich kam aber sofort wieder hoch. Das Gefühl nach so einem Treffer ist komisch. Man spürt nichts, keine Schmerzen, gar nichts, aber die Kraft im Körper lässt nach. Man ist chancenlos, sich dagegen zu wehren. Das war bei einem Sparring, also im Training. Während eines Kampfs bin ich noch nie zu Boden gegangen. Houz alängä!

Ich bin zäh, kann viel wegstecken. Aber im Grunde leben Boxer mit einem Glaskinn, die nach einem Treffer sofort k. o. gehen, natürlich gesünder. Wird man nach einem Niederschlag angezählt, muss man bei acht wieder stehen, sonst ist der Kampf vorbei. Nach einem klassischen Knockout wird man automatisch für zwei Monate gesperrt. Weltweit. Zur eigenen Sicherheit. So richtig schmerzhaft sind aber weniger Schläge an den Kopf, sondern Lebertreffer. Die tüe weh wi ne More.

Ich habe in meiner Karriere bisher 35 Profikämpfe bestritten: 30-mal habe ich gewonnen, 2-mal war unentschieden, 3-mal habe ich verloren, 2-mal davon durch technischen K. o. Das eine Mal habe ich einfach meine Fäuste hochgenommen, mich dahinter verbuddelt und bin nicht mehr aus der Deckung gekommen. Beim anderen Mal wollte ich einfach nicht mehr. Ich drehte der Gegnerin den Rücken zu, was beim Boxen verboten ist, und der Ringrichter brach ab. Beim technischen K. o. wird man nicht ausgezählt, sondern ohne Anzählen aus dem Kampf genommen, weil man aufgegeben hat, zum Beispiel durch Handtuchwerfen, oder weil man verletzt oder der Gegnerin so krass unterlegen ist, dass ein Weiterboxen gefährlich wäre.

Ich bin eine vorsichtige Kämpferin, boxe aus der langen Distanz heraus: Bamm – weg! Bamm – weg! Aber ungeschoren komme auch ich nicht davon. Blute ich während eines Kampfs, schmiert mir Bruno, mein Trainer, irgendwelche Crèmes ins Gesicht. Er schwört auf Hämorrhoidensalbe. Die ist zwar verboten, und de Brünu wird verwarnt, wenn er erwischt wird. Aber die stille halt das Blut am besten, meint er – ich will ja gar nicht wissen, wie de Brünu das herausgefunden hat.

Am Tag nach einem Kampf spürt man vor allem den Muskelkater. Aber auch die Kopftreffer; ich bin dann einfach nicht mehr ganz so flott im Kopf wie normal. Und ein blaues Auge habe ich fast immer. Dann schauen mich die Leute auf der Strasse mit grossen Augen an. Diese Blicke sind grässlich. Denn fragen, was passiert ist, tut niemand. Si gaffä nume blöd. Ich muss dann immer an die Frauen denken, die von ihren Männern geschlagen werden. Diese Blicke auf der Strasse machen einen gleich noch mal zum Opfer. Denn wenn niemand fragt, kann man sich auch nicht erklären.

Ich bin in Japan geboren, kam mit vier Jahren allein mit meiner Mutter in die Schweiz. Ich bin kein aggressiver Mensch. Gar nicht. Ich bin Buddhistin. In den Ring zu steigen, bedeutet für mich immer eine riesige Herausforderung. Danach bin ich superstolz auf mich. Im Grunde kämpfe ich im Ring gegen mich selber, nicht gegen meine Gegnerin. Im Leben musst du ein gutes Herz haben, davon bin ich überzeugt. Aber im Ring musst du mala sein, böse. Boxen ist kein Spiel. Wenn du gewinnen willst, musst du auch bereit sein, den Kampf zu beenden. In meiner Karriere habe ich zwei Frauen auf die Bretter geschickt, einmal mit einem Schlag ans Kinn, einmal mit einem Leberhaken. Das war beide Male nicht schön. Aber gäbig: Geht die Gegnerin k. o., musst du nicht mehr weiterboxen.

Text: Sven Broder / Foto: istockphoto.com/_jure

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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