Weltfrauentag 2017

Wir engagieren uns!

Text: Miriam Suter; Fotos: Jenny Mayfield (1), Nessie Spencer / Flickr (1)

Die aktuelle Weltlage erfordert soziales und politisches Engagement – gerade im alltäglichen Leben. Anlässlich des Weltfrauentags haben wir bei acht Frauen nachgefragt, was sie künftig bewirken wollen und wie sie sich im Alltag dafür engagieren. 

Am 8. März feiert die Welt ihre Frauen: Entstanden in der Zeit um den Ersten Weltkrieg als Initiative sozialistischer Organisationen, proklamierten die Vereinten Nationen den Tag später zum internationalen Weltfrauentag. Und der ist nötiger denn je in einer Zeit, in der Sexismus und Frauenhass nicht nur in den höchsten politischen Rängen wieder offen praktiziert werden. Unzählige Frauen formierten sich rund um den Globus zu Women's Marches nach Donald Trumps Vereidigung zum Präsidenten der USA und gingen auf die Strasse, um zu demonstrieren.

Auch in der Schweiz tut sich viel: Ein loses Bündnis aus Aktivistinnen und Aktivisten ruft am 18. März zu einem zweiten Schweizer Women's March auf und fordert gar einen Frauenstreik – am Weltfrauentag selbst. Es ist eine rebellische Zeit, die Hoffnung macht. Vergessen gehen dabei aber schnell die Frauen, die sich tagtäglich gegen Diskriminierung und für eine fortschrittliche Welt einsetzen. Anlässlich des Weltfrauentags stellen wir Ihnen acht Frauen vor, die genau dies tun. Das Engagement dieser Frauen inspiriert und zeigt, dass wir zwar noch einen langen Weg vor uns haben, sich die Frauenbewegung aber auch hierzulande wieder stärker formiert hat und ein breites Spektrum an Ideen bietet, sich konkret zu engagieren.

Franziska Schutzbach, Geschlechterforscherin an der Universität Basel, Bloggerin und Mitherausgeberin von «Geschichten der Gegenwart»

Was wollen Sie künftig bewirken?
Ich wünsche mir, dass Frauen wieder mehr für ihre Belange, ihre Anliegen und Bedürfnisse einstehen. Der Mythos, wir seien gleichgestellt, hat uns träge und mundtot gemacht. Tatsache ist, dass die Bedingungen, unter denen viele Frauen leben und arbeiten, nicht gleichberechtigt sind. Frauen machen die meiste Familienarbeit, sie werden sexuell belästigt und verdienen weniger. Aber im Zuge der Individualisierung wurde so getan, als ob jede alles schaffen könnte, wenn sie sich nur genug anstrengt. Ich versuche durch meine Forschung und meine feministische Arbeit aufzuzeigen, dass es sich um ungleiche gesellschaftliche Machtverteilungen handelt und nicht einfach um individuelle Probleme. Und dass wir dies verändern können. Aber dazu braucht es politische Bewegungen und politisches Bewusstsein.

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Ich versuche, Menschen durch meine Texte zu erreichen, oder ich halte öffentliche Vorträge. Zum anderen engagiere ich mich, indem ich mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten gerade das Netzwerk We can't keep quiet aufbaue. Ein feministisches Netzwerk in der Schweiz, das sich mit den globalen und neu erstarkenden Frauen*bewegungen und Streiks gegen den Rechtsrutsch solidarisiert. Wie sich am Beispiel der USA, aber auch von Polen oder der Türkei zeigt: reakionäre und nationalistische Politikern richten sich immer gegen Frauen. Dagegen müssen wir uns auch in der Schweiz wehren.

Ursula Keller, ETH Zurich Physics Department / Institute of Quantum Electronics 

Was wollen Sie künftig bewirken?
Mehr Frauen in MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Naturwissenschaften und Technologien haben einen riesigen Einfluss auf unser tägliches Leben und unsere Zukunft. Ich wünsche mir, dass auch mehr Frauen mithelfen können, unsere Zukunft mitzubestimmen. 

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Solange in MINT-Berufen die Anzahl von Frauen unter 30 Prozent ist, brauchen wir flankierende Massnahmen, damit diese Frauen erfolgreich arbeiten können. Und damit mehr Frauen motiviert werden, sich in diese Richtung zu spezialisieren. Darum sollten sich erfolgreiche Frauen organisieren, um gemeinsam konkrete und effektive Massnahmen zu definieren. Das war eine Motivation für mich, das ETH Women Professors Forum zu gründen.

Helena von Känel, Co-Geschäftsführerin Rock Your Life! Schweiz

Was wollen Sie konkret bewirken?
Dass sich Jugendliche mit bildungsfernem Hintergrund während der Berufswahl auch wagen, ihren Traumberuf anzustreben; sie ihre Potenziale und Talente benennen können und in dieser wichtigen Phase auch die nötige Unterstützung bekommen.

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Als Mitgründerin und Co-Geschäftsführerin des Mentoring Programms «Rock Your Life!» führen wir jährlich über 100 Schülerinnen und Schüler (Mentees) mit Bedarf an Unterstützung im Berufswahlprozess mit einem Studierenden (Mentor) zusammen. Dies mit dem Ziel, dass auch diese Jugendlichen einen erfolgreichen Übergang von der Schule in den Beruf schaffen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.

Virginia Koepfli, Geschäftsleitungsmitglied Juso Schweiz

Was wollen Sie zukünftig bewirken?
Es geht jetzt darum, dass die feministische Bewegung in der Schweiz sich inhaltlich positioniert. Mein Feminismus ist intersektional und stellt sich gegen jegliche Unterdrückungsformen. Ausserdem möchte ich in der Juso einen Safespace für Frauen* und Trans*menschen etablieren und ihnen so die Möglichkeit geben, einen Raum ohne strukturelle Unterdrückungsformen zu haben. 

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Es fängt bei der Sprache an, denn Sprache konstruiert und prägt die Realität. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die männliche Form im täglichen Sprachgebrauch zu verwenden, sei dies im Gesprochenen oder auch im Geschriebenen. Ganz wichtig finde ich es, unter Frauen solidarisch zu sein und sich auch gegenseitig zu bestätigen. So geht zum Beispiel in Sitzungen oft vergessen, dass eine Idee von einer Frau kommt aber erst als gut empfunden wird, wenn der Kollege sie wiederholt. In solchen Situationen ist wichtig, darauf hinzuweisen, von wem die Idee kam. Ebenfalls wichtig ist es, Sexismus anzusprechen, wenn ich ihn sehe. Das erfordert einiges an Mut, und ich muss selber zugeben, dass ich diesen Mut nicht immer habe. Aber nur schon der Versuch macht einen grossen Unterschied. 

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Künstlerin, Moderatorin, Politikerin

Was wollen Sie zukünftig bewirken?
Ganz besonders am Herzen liegt es mir, mich für die Frauenrechte allgemein und von Migrantinnen insbesondere einzusetzen. Als Teil der Schweizer Gesellschaft sind sie alle von unseren politischen Entscheidungen betroffen. Sie sollten deshalb auch auf allen politischen Ebenen an diesen mitwirken können. Das Recht zur politischen und gesellschaftlichen Mitwirkung ist eines der fundamentalen demokratischen Prinzipien. Ganz konkret bedeutet das, dass ich mich zum Beispiel dafür einsetze, dass der Frauenanteil in unseren Parlamenten nicht weiter sinkt, sondern ansteigt.

Wie setzen Sie sich im Alltag konkret dafür ein?
Ich versuche durch mein Engagement als Künstlerin und Politikerin, uns Frauen in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Erst kürzlich versuchte ich, die Portale der Rathäuser in Zürich und Dietikon im Rahmen der weltweiten Women's-March -Bewegung in Rosa als Teil der Pussyhat-Aktion zu dekorieren. Ein weiteres Gebiet, in dem ich mich betätige, ist das Thema Racial Profiling. Hier geht es darum, dass bei uns Angehörige von Minderheiten überdurchschnittlich oft von der Polizei kontrolliert werden. Ich organisiere hierzu runde Tische und versuche, die Polizei und VertreterInnen dieser Minderheiten miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich möchte durch meine verschiedenen Tätigkeiten weitere Frauen und auch insbesondere Migrantinnen ermutigen, sich auch aktiv einzubringen. 

Marit Neukomm hat die Flüchtlingsorganisation Volunteers for Humanity gegründet und wurde dafür 2016 zur Aargauerin des Jahres gewählt,  arbeitet Teilzeit als Sportlehrerin und hat zwei Kinder

Was wollen Sie künftig bewirken? 
Ich sehe es als ein Stück meiner Verantwortung, Kriegsflüchtlingen zu helfen, die von grossen Organisationen teils total im Stich gelassen werden. In der Schweiz geboren zu sein, ist ein Privileg, das man erst zu schätzen weiss, wenn man die Ungerechtigkeit hautnah miterlebt hat. Ich versuche, hauptsächlich zwischen 20 und 24 Uhr am Abend zu arbeiten, wenn meine Kinder schlafen. Oft muss ich aber fast rund um die Uhr online sein, um agieren oder reagieren zu können, wenn etwa ein Transport geplant ist und es Schwierigkeiten gibt. Praktisch meine gesamte Freizeit geht für diese Arbeit drauf. Doch der Aufwand lohnt sich, die Arbeit erfüllt mich sehr. Zu wissen und zu sehen, dass die Hilfe direkt bei den notleidenden Menschen ankommt, die vor Terror und Krieg fliehen, ist ein dankbares Gefühl. Und ich kann mit dieser aktiven Arbeit ein wenig besser mit dem Elend, das dort herrscht, umgehen.

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Wir führen regelmässig öffentliche Sammelaktionen durch. Hierbei sammeln wir jeweils die am dringendsten vor Ort benötigten Gegenstände, welche aus der Bevölkerung in grösseren Mengen beigetragen werden können, sowie medizinische Hilfsgüter. Wir arbeiten mit regionalen und Kantonsspitälern und mit Schweizer Medical-Equipment-Herstellern zusammen. So konnten wir schon drei Container voll mit medizinischer Ausrüstung für Spitäler in Syrien losschicken. Diese öffentlichen Sammlungen möchten wir bis Ende Jahr weiterführen. Wie bisher werde ich weiterhin selbst an die Brennpunkte reisen, um zu helfen und zu schauen, wie wir schnell und effektiv helfen können. Ausserdem kommen immer wieder Anfragen für Freiwilligeneinsätze, welche ich in Zusammenarbeit mit vier Ländern koordiniere. Wir arbeiten unter anderem auch daran, Leute zu suchen, welche Familien in einem syrischen Flüchtlingscamp pro Monat ein Essenspaket ermöglichen. Ebenfalls planen wir, eine Schule in einem syrischen Flüchtlingscamp zu bauen. Aus diesem Grund möchte ich noch viel mehr Menschen begeistern und ihnen zeigen, dass man mit kleinen Sachen bei uns ganz konkret und direkt den Flüchtlingen helfen kann. Viele möchten die Menschen aus dem Krieg unterstützen, wissen aber nicht wie. Die Möglichkeit, dass alle direkt helfen können, ist bei uns gebeben.

Judith Bühler, Gründerin des gemeinnützigen Vereins Just a Simple Scarf 

Was wollen Sie künftig bewirken?
Ich möchte mich für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben und für die Beteiligung aller an der Gesellschaft einsetzen. Wir leben in einer Welt, in welcher der Ton rauer geworden ist und Angehörige von Minderheiten mehr Ablehnung erfahren. Die Leitmaxime von sozial Arbeitenden ist die Beteiligung aller an der Gesellschaft. Diese Leitmaxime verfolge ich auch privat aus Respekt gegenüber jedem Menschen. Das fordert von mir auch zukünftig, die Stimme für Menschen zu erheben, welche Diskriminierung, Ausgrenzung, Ablehnung, Hass, Hetze und Rassismus erleben. Denn nur gemeinsam können wir das wichtigste Gut unserer Gesellschaft wahren: den sozialen Frieden, der nur mit dem Leben in Co-Existenz möglich ist.

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Ich arbeite im Verein JASS – Just a Simple Scarf. Der Verein setzt sich für Toleranz und gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Dazu organisieren wir verschiedene Veranstaltungen, bei welchen wir den Gegenstand der Vorurteile bearbeiten. Dies tun wir einerseits mit Informationen gegen Stammtischweisheiten, Angstfantasien, Hörensagen und Fake News. Andererseits bringen wir Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern und mit unterschiedlichem Glauben über das gemeinsame Kochen und Essen in Kontakt.

Regula Frei, Geschäftsstellenleiterin Helvetia rockt

Was wollen Sie künftig bewirken?
Ich will das System Gender und Musik bewegen. Alle sollen die gleiche Möglichkeit haben, ihre Kreativität zu entdecken, weiterzuentwickeln und auszudrücken. Dass dies in der Umsetzung und aufgrund unserer Geschichte und Sozialisierung eine Herausforderung ist, wissen wir alle. Eine Frau spielt Schlagzeug, ein Mädchen will Tontechnikerin werden. Na und? Das weibliche Geschlecht soll sich nicht mehr für seine musikalischen und technischen Aktivitäten rechtfertigen müssen. Das ist laut Forschung erreicht, wenn die Minderheit 30 Prozent der Gesamtheit ausmacht. Ich setze mich, einfach gesagt, für diese Quote ein. Quoten sind scheisse, aber es braucht sie. Was dahinter steckt, ist verspielt, komplex, lustvoll und an manchen Tagen deprimierend.

Wie setzen Sie sich im Alltag dafür ein?
Ich arbeite viel für die Finanzierung der verschiedenen Projekte von Helvetia rockt. Bei unserer Arbeit geht es um Empowerment, Bildung, Sensibilisierung, Bildung und Pflege von Netzwerken und darum, Vorbilder zu schaffen, die sichtbar und spürbar sind. Ich will in dieser Thematik offen und sensibel bleiben. Im Gespräch bleibe ich positiv, respektvoll, aber bestimmt für die Sache.

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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