Meine Meinung

Wir müssen reden

Text: Carolina Müller-Möhl; Foto: istock

Unternehmerin Carolina Müller-Möhl fordert mehr spannende Rednerinnen und Podiumsteilnehmerinnen, damit Konferenzbühnen aber auch Führungsetagen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vielfältiger gestaltet werden.

Na toll. Da sitzt mit Serena Williams eine Superathletin und die weibliche Tennislegende auf der grossen Ted-Bühne in Vancouver, und der Moderatorin fällt nichts Besseres ein, als sie über ihre Schwangerschaft, ihre Verlobung und die Grösse der geplanten Hochzeit auszufragen. Typisch, habe ich mir gedacht und mich gefragt, ob sie die Prioritäten bei Roger Federer auch so gelegt hätte. Wo waren bei diesem Gespräch die «ideas worth spreading» – ganz nach dem Motto von Ted? Denn die Reden verbreiten sich tatsächlich wie ein Lauffeuer. Auch das Interview mit Serena Williams ging bereits viral. Zu Recht, denn mit Weltklasse konterte sie den Klatsch-und-Tratsch-Abtausch und lenkte auf wichtigere Themen wie Engagement, Zielstrebigkeit und Disziplin. Sie machte klar, dass sie ihr Leben und ihre Karriere weiterhin selbst bestimmt. Williams ist ein inspirierendes Vorbild – nicht nur für Sportlerinnen. Überhaupt strotzte die diesjährige Ted-Konferenz mit einem Anteil von über vierzig Prozent vor hochkarätigen Rednerinnen. Da wäre zum Beispiel Elizabeth Blackburn, die für ihre Genforschung zur menschlichen Alterung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ihr Aufruf: Kollektive Neugier hat die Macht, die Welt zu verändern, und deshalb sollten wir alle unsere eigene Neugier pflegen. Und dann war da die Neurobiologin und Autorin Lisa Genova, deren Buch «Still Alice» verfilmt wurde – Julianne Moore erspielte sich damit den Oscar für die beste Hauptdarstellerin. Ihr Tipp: Immer wieder ganz neue Dinge lernen hilft gegen Alzheimer. Ein anderes tolles Vorbild ist auch Katherine Freese, eine Astrophysikerin, welche die unsichtbare dunkle Materie erforscht. Iris Bohnet, Verhal- tensökonomin und Professorin an der Harvard Kennedy School, hält sichtbare weibliche Vorbilder für dringend nötig, um gelebte Gleichstellung glaubhaft zu machen. Deshalb braucht es Frauen wie Serena Williams, Elizabeth Blackburn, Lisa Genova oder Katherine Freese auf der Ted-Bühne. Nur so kann es gelingen, nicht nur weitere Konferenzbühnen, sondern auch die Führungsetagen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vielfältiger zu gestalten.

Und wie sieht es mit den Rednerinnen auf Schweizer Bühnen aus? Im Schweizer Fernsehen gibt es noch immer Talks, die reine Männerrunden sind – so zum Beispiel der «Club» zum Thema «Projekt R. David gegen Goliath». Auch ein kurzer Blick auf die wichtigsten Konferenzen ist ernüchternd: dreissig Prozent Frauenanteil am WEF in Davos, nur zwanzig Prozent am Swiss Economic Forum und am St. Gallen Symposium – notabene einer von Studierenden getragenen Tagung. Und das, obwohl ich mich seit Jahren bemühe, den Organisatoren konkrete Vorschläge zu machen und Anfragen zu platzieren. Ohne Erfolg, wie die Zahlen zeigen. Auch weil die Veranstalter erst seit kurzem an ihrer Pipeline von Rednerinnen arbeiten und es leider auch die unverbesserlichen Ignoranten gibt, die jeweils behaupten: «Es gibt einfach nicht genügend Frauen, die unsere Ansprüche erfüllen.» Serena Williams hat es vorgemacht. Sich aufzuregen, bringt nichts – aber am Ball bleiben und schlagfertig bessere Argumente liefern. Für mich heisst das entsprechend, dass ich weiterhin mit Engagement und Hartnäckigkeit Vorschläge für spannende Rednerinnen und Podiumsteilnehmerinnen anbringen werde. Denn steter Tropfen höhlt den Stein. Meine Meinung: Von Stereotypen sollte man sich nicht entmutigen lassen, sondern dafür sorgen, dass es immer mehr sichtbare Vorbilder gibt, die ihnen mutig widersprechen – es muss ja nicht immer auf der ganz grossen Ted-Bühne sein.

Der Ted-Talk mit Serena Williams

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