Editorial von Silvia Binggeli

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Text: Silvia Binggeli; Foto: Flavio Leone

annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli über die derzeitige Mode, die zwischen Vergangenheit und Zukunft feststeckt. 

Für das Modeshooting dieser Trendausgabe haben wir Models zwischen 19 und 60 ins Studio gebeten – und zeigen diese Vielfalt mit zwei unterschiedlichen Covers für dasselbe Heft: Die Jüngste, Naomi Trachsel aus Hünibach BE, will im Herbst nach Paris reisen, Französisch lernen und die Welt entdecken. Sandra Wildbolz hingegen blickt auf viele spannende Momente in der Branche zurück; ihre Ausdruckskraft überzeugte schon in den Siebzigern Designer wie Thierry Mugler oder Jean Paul Gaultier, übrigens beide Enfants terribles ihrer Zeit, die mit Stoff Konventionen brachen.

Heute steckt die Modebranche zwischen Vergangenheit und Zukunft fest. Die Vergangenheit haben die Designer in den letzten Saisons bis zum Abwinken zitiert, die Zukunft ist in der schnellen, digitalisierten Modebranche unsicher. Neue Formen, Längen, Muster kann man kaum mehr erfinden. Und jetzt?

Hussein Chalayan, der uns eines seiner seltenen Interviews gewährte, hat in seinen Kreationen schon vor Jahren mit neuer Technologie experimentiert und erzählt gleichzeitig, dass für ihn Erfindungen aus längst vergangenen Tagen – wie etwa die japanische Handwerkskunst – bis heute zukunftsträchtig seien.

Wir werden derzeit hin- und hergerissen: Zwischen der Sehnsucht nach Entschleunigung und dem Drang, sofort alles, was uns nicht einfällt, über Suchmaschinen herauszufinden.

Aber was bitte schön sollen wir anziehen, wenn selbst die Designer in diesem Spannungsfeld keine klaren Ansagen machen?

Die Mode liefert wenig Antworten. Sie wirft Fragen auf – und entspricht darin dem Zeitgeist. Sie wirft uns mit ihren vielen Optionen auf uns selbst zurück, auf die vertiefte Auseinandersetzung mit: Was will ich? Was macht mich aus? Was passt zu mir? Wie soll es sich anfühlen? Was will ich bewirken? Und vor allem: Was brauche ich überhaupt? Weniger ist mehr – auch in der Mode. Das Outfit auf Seite 81 zum Beispiel sehe ich mir zwar gern an, würde es aber nie komplett tragen, da käme ich mir verkleidet vor. Aber die Jacke, die könnte mir gefallen, als Hingucker zu schlichten Jeans und Sneakers. Vielleicht als das eine teure Teil, das ich mir diese Saison leiste.

In einem jedenfalls bleibt sich die Mode treu: Interessant wird sie immer nur durch die Trägerin, egal wie alt diese ist. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Erleben der vielfältigen Trends!

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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