Interview mit Experte

«Der Detoxtrend ärgert mich schon sehr»

Interview: Kerstin Hasse; Foto: GettyImages; Giulia Marthaler/ETH Zurich

Ob mit Säften, Zusatzpräparaten oder Diätkuren – Detox-Kuren sind en vogue. Aber kann man damit wirklich den Körper entgiften? Michael Ristow, Professor für Energiestoffwechsel, über den Unsinn dahinter, sinnvolle Diäten und die 50 magischen Blaubeeren. 

annabelle.ch: Michael Ristow, woran denken Sie, wenn Sie den Begriff Detox hören?
Michael Ristow: Wissenschaftlich gesehen denke ich an Unsinn und häufig auch an den damit verbundenen Wunsch, mit diesem Begriff Geld zu verdienen.

Was ist denn der grösste Unsinn an Detox?
Detox findet im Körper prinzipiell immer statt, dafür gibt es Organe wie die Leber oder die Nieren – und die funktionieren sehr gut. Es ist ein Irrglaube zu denken, man könnte durch Wunderkuren diese Vorgänge im Körper aktivieren oder beschleunigen. Was man allerdings tun kann, ist, die Leber zu behindern, etwa mit Alkohol. Wenn die Leber damit beschäftigt ist, den Alkohol abzubauen, kann sie sich nicht um andere Dinge kümmern, die sie abbauen sollte. 

Was sind denn das für Gifte, die der Körper abbauen muss? Oft wird beim Entgiften ja von Schlacke und Ablagerungen gesprochen oder von Medikamentenspuren, die man loswerden will. 
Gifte, die in unserem Körper abgelagert werden, sind beispielsweise Substanzen wie Pestizide. Der Anteil ist in Schweizer Lebensmitteln nicht so hoch wie in anderen Ländern, aber wir importieren auch Produkte. Diese Gifte werden im Fettgewebe gespeichert und sind dort relativ ungefährlich. Wenn man abnimmt,  werden die Gifte wieder mobilisiert. 95 Prozent aller Gifte, die wir unserem Körper hinzufügen, scheiden wir wieder aus. Das ist auch bei Medikamenten so. Die werden von der Leber abgebaut und als harmloses Ausscheidungsprodukt  vom Körper entsorgt. Ein Entgiften durch Kuren oder Säfte funktioniert nicht. Was aber funktioniert: die Leber und die Nieren gesund zu halten.

Also Schluss mit Saftkuren?
Ich habe grad die Nieren angesprochen: Es ist durchaus sinnvoll, viel Wasser oder Tee zu trinken. Grundsätzlich gilt es, lieber ein bisschen mehr zu trinken als üblich, etwa vier Liter pro Tag. So viel Detox ist ohne jeden Zeitaufwand möglich und sehr gesund. Wenn wir aber von Detoxkuren reden, ist es etwas anderes. Ich sage nicht, dass alles, was während solcher Kuren angeboten wird, prinzipiell ungesund oder gefährlich ist, aber eine Kur für eine Woche oder drei Tage zu machen, ist unsinnig. Gesunde Gemüse-Smoothies sollte man, wenn man dies denn tun möchte, regelmässig zu sich nehmen, übers Jahr verteilt. Bei Obstsäften gilt allerdings Vorsicht, da diese nicht nur gesunde Stoffe, sondern auch viel Zucker enthalten.  

Welches Obst können Sie denn mit gutem Gewissen empfehlen?
Ich rate immer: Je kleiner die Frucht ist, desto gesünder ist sie. Das Gesunde im Obst steckt meist in der Schale und je mehr Schale, man bezogen aufs Gesamtvolumen isst, desto gesünder. Kleine Beeren oder allgemein alle kleinen Früchte, die rot, blau oder violett sind, kann ich empfehlen. Bei diesen Früchten ist die Chance höher, dass der ungünstige Zucker sich im Verhältnis zu den günstigen Polyphenolen lohnt. Polyphenolen sind nachweislich gesundheitsfördernde Pflanzenstoffe, die in Früchten und im Gemüse enthalten sind. 

Was ist mit grösserem Obst?
Äpfel, Birnen oder Orangen sind sicher gesünder als vieles anderes, was wir zu uns nehmen, aber es sind keine Früchte, die ich besonders empfehlen würde. Besser sind Gemüse und Beeren. 

Also das Spirchwort «AnAapple a Day, keeps the Doctor away» zählt nicht mehr?
Nein, es wären eher 50 Blaubeeren a Day. 

Detoxkuren werden nicht selten auch angewendet, um Gewicht zu reduzieren. Ich nehme an, auch das macht für Sie keinen Sinn.
Nein, denn dann kann man auch einfach sagen, dass man abnehmen will. Es macht wenig Sinn, für zehn Tage eine Abnehmkur zu machen und dann weiterzuessen wie vorher. Man muss die Ernährung grundsätzlich umstellen. Was auch gut funktioniert für die Gewichtsreduktion, ist, die Kohlehydrate zu reduzieren oder zumindest die schnell verdaubaren Kohlehydrate, also Zucker oder Weissmehl, zu meiden. Das ist der wesentliche Anteil, der zum Übergewicht führt. Es gibt diverse Studien, die belegen, dass die Zufuhr von Fetten fast egal ist – aber die Zufuhr von Kohlehydraten für die Gewichtszunahme oder für erhöhte Cholesterinwerte verantwortlich ist. Als weitere Möglichkeit kann man eine Mahlzeit komplett auslassen, auch hierzu gibt es eine Reihe von überzeugenden Studien. 

Das nennt man auch Kurzfasten oder 12-Stunden-Fasten. Man lässt zum Beispiel eine Mahlzeit am Abend aus ...
Genau. Das kann man aber auch am Morgen machen. Ich habe beispielsweise kein Problem damit, kein Frühstück zu essen, und finde es schöner, am Abend zu essen, da das auch sozial eine wichtige Mahlzeit ist. Es geht darum, unseren Stoffwechsel dazu zu bringen, so lang keine Nahrungszufuhr zu erleben, dass er damit beginnt, die körpereigenen Reserven abzubauen. Das ist gesünder als – wie lang empfohlen – mehrere kleine Mahlzeiten über den ganzen Tag verteilt zu essen. 

Nervt es Sie, dass Detoxkuren noch immer so im Trend sind, oder haben Sie sich bereits damit abgefunden?
Nein, es ärgert mich schon sehr – und zwar auf verschiedenen Ebenen. Viele dieser Detoxprodukte sind nicht sinnvoll, und wenn man den Zucker- oder Kaloriengehalt anschaut, auch alles andere als gesund. Die zweite Ebene ist: Vom Gesetzgeber wird keinerlei Nachweis für die Wirksamkeit oder auch nur Unschädlichkeit eingefordert. Bei Medikamenten ist es richtigerweise so, dass der Hersteller nachweisen muss, dass Medikament wirkt, welche Nebenwirkungen es hat, ob der Preis gerechtfertigt ist – sonst wird das Produkt gar nicht erst zugelassen. Dagegen ist der Markt der Nahrungsergänzungsmittel und Kuren gar nicht reguliert. Das ist insbesondere problematisch, wenn Schäden entstehen können. Sowohl in der Schweiz als auch in der EU läuft diesbezüglich relativ wenig auf politischer Ebene, um dies zu verhindern. Schauen wir uns die fehlende Diskussion um fettlösende Antioxidantien wie Vitamin A, Vitamin E oder Beta-Karotin an: Seit mindestens zehn Jahren wissen wir, dass sie keinerlei Nutzen haben, der Gesundheit sogar eher schaden – und trotzdem wird fast jedes Kleinkind mit Multivitaminprodukten gefüttert. Das finde ich verantwortungslos.

Also können wir uns auch Vitamintabletten und Zusatzpräparate sparen. 
Es ist wichtig zu wissen, dass es ausserordentlich schwierig ist, in unserem Lebensraum unterversorgt mit Mineralstoffen und Vitaminen zu sein. Wenn man trotzdem etwas zu sich nehmen will, was gesundheitsfördernd sein soll, dann sollte man genau nachlesen, was diese Tabletten bewirken und welche Inhaltsstoffe sie haben – vor allem, wenn es um Produkte geht, die nicht verschreibungspflichtig sind. Bei mindestens 80 Prozent davon gibt es keinen Wirkungsnachweis, manche sind sogar schädlich. Es gibt wenige Ausnahmen: Vitamin D, besonders im Winter, Folsäure für Frauen, die schwanger werden möchten, Eisen für Frauen mit nachgewiesenem Eisenmangel und Selen für Männer. 

Es ist also eigentlich gar nicht so schwierig, gesund zu leben. Möglichst wenig Zucker, weniger Kohlehydrate, genügend Wasser – und ein paar Blaubeeren. 
Nein, ist es nicht kompliziert. Es gibt immer mehr extreme Ernährungsformen, bei denen man auf gewisse Dinge achten muss, Eisenmangel bei veganer Ernährung ist keine Neuheit. Wenn man sich aber im Mainstream gesund ernähren will, dann ist das hierzulande überhaupt kein Problem. 

Letzte Frage: Vor allem in Spas wird gern Gurkenwasser angeboten, weil das besonders erfrischend und gesund sein soll. Wie lautet das Verdikt des Experten?
Gurkenwasser hat genau die gleiche Wirkung wie normales Wasser – so lang es keinen Zucker enthält. Es schmeckt einfach interessanter. Ernährungswissenschaftlich gibt es keinen mir bekannten Unterschied. Es ist auf jeden Fall preisgünstiger, einfach normales Leitungswasser zu trinken.

Prof. Dr. Michael Ristow ist Arzt und Wissenschafter und als Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich tätig

 

Die Tipps des Experten:

1. Lichteinwirkung: Wer sich schlapp und unfit fühlt, sollte dafür sorgen, dass er mehr Licht bekommt. Das können auch Speziallampen mit besonderen Wellenlängen sein, unter die man sich stellt. Noch besser ist natürliches Licht, auch wenn das im Sommer einfacher ist als im Winter. Lichtzufuhr ist sehr häufig stimmungsaufhellend.

2. Bewegung: Das Gleiche gilt für körperliche Aktivität: Es muss kein Leistungssport sein, aber körperliche Bewegung – das können auch nur schon ausgedehnte Spaziergänge sein – sind gut dafür, den Stoffwechsel anzuregen, sodass mögliche Giftstoffe schneller abgebaut werden.

3. Vernünftige Ernährung: Eigentlich alles, was wir in den letzten 20 Jahren gehört haben, ist grösstenteils überholt. Ich bin kein Freund von vielen kleinen Mahlzeiten. Ich finde es besser, wenn man es schafft, zwölf Stunden am Stück nichts zu essen und in der übrigen Zeit vielleicht ein bisschen weniger zu essen, als man eigentlich sollte. Konkret heisst das: Für die normal aktive, normalgewichtige Frau ein wenig unter 2000 Kalorien, bei den Männern sind es ein bisschen mehr.

4. Ballaststoffe: Ich empfehle, Lebensmittel zu essen, die lang sättigend sind. Das gelingt am besten mit Lebensmitteln, die viele Ballaststoffe enthalten. Die Auswahl an diesen Lebensmitteln ist gross, viele Hülsenfrüchte und Gemüsesorten gehören dazu. 

5. Wenig rotes Fleisch: Der Verzehr von rotem Fleisch, dazu gehört übrigens auch Schweinfleisch, ist ungesund. Einmal pro Woche reicht aus, das ist auch für die Umwelt besser. Fisch ist deutlich gesünder, besonders, wenn er aus kalten Gewässern kommt. 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

Alle Beiträge von Kerstin Hasse

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox