Interview mit Allergie-Spezialist

Warum werden wir immer allergischer?

Wie schlimm wird die Heuschnupfensaison 2017? Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich, über aggressive Pollen, provokanten Sellerie und gesunden Hundedreck.

annabelle: Peter Schmid-Grendelmeier, die Heuschnupfensaison hat begonnen. Kann man vorhersagen, wie schlimm sie wird?
Peter Schmid-Grendelmeier: Es gibt einen Zusammenhang mit dem Wetter des Vorjahrs. Nach einem warmen, feuchten Sommer geht es den Bäumen und Gräsern gut – sie bilden viele Pollen aus.

Das zweite Halbjahr 2016 war sehr trocken. Das wäre demnach eine gute Nachricht für Allergiker?
Durchaus. Wobei natürlich auch das aktuelle Wetter eine Rolle spielt. Nach dem intensiven und langen Pollenjahr 2016 kann man immerhin sagen, dass 2017 ruhig angefangen hat, auch dank des sehr kalten Januars. Aber das ist keine Garantie, dass es so weitergeht.

Stimmt es, dass die Heuschnupfensaison immer früher beginnt?
Das hat mit dem Klimawandel zu tun: Viele Bäume und Gräser blühen heute zwei, drei Wochen früher als noch vor einigen Jahren. Manche angepflanzten oder eingeschleppten Arten sind ausgesprochene Früh- oder Spätblüher und verlängern die Heuschnupfenzeit zusätzlich. Potenziell dauert die Saison heute neun Monate.

Wie viele Pollenallergiker gibt es in der Schweiz?
Knapp zwanzig Prozent der Bevölkerung. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren stabilisiert.

Aber noch vor sechzig Jahren war die Krankheit wenig verbreitet.
Das stimmt. In den letzten Jahrzehnten gab es bei den Allergien einen massiven Anstieg. Dies hat mit unseren veränderten Lebensbedingungen zu tun, der Ernährung, der Hygiene. Auch die Umweltbelastung spielt eine Rolle: Das Ozon, das bei Sommersmog in der Luft ist, reizt die Schleimhäute, was Atemwegserkrankungen verursachen oder verschlimmern kann. Ausserdem machen Abgase die Pollen teilweise aggressiver.

Aggressiver?
Wenn ein Baum vielen Schadstoffen ausgesetzt ist, bildet er mehr Stress-Eiweisse. Leider sind es oft diese Eiweisse, die beim Menschen Allergien hervorrufen. Von gestresstem Pollen genügt schon eine geringe Konzentration, um Beschwerden auszulösen. Darum setzen vielen Allergikern die Pollen in der Stadt mehr zu, obwohl es vielleicht weniger davon hat als auf dem Land.

Gibt es diesen Mechanismus nur bei Bäumen?
Man hat ihn vor allem bei Birkenpollen nachgewiesen. Aber viele Birkenallergiker vertragen auch Äpfel schlecht, und interessanterweise hat man dort einen ähnlichen Effekt gefunden: Gestresste Äpfel enthalten mehr allergene Eiweisse.

Gestresste Äpfel?
Zum Beispiel solche, die auf schnelles Wachstum gezüchtet wurden. Mit alten, langsam wachsenden Sorten haben Allergiker meist weniger Probleme.

Wie soll man mit Heuschnupfen umgehen?
Abends die Haare ausbürsten oder waschen, weil sich der Pollen darin verfängt. In der Pollenzeit eine Sonnenbrille tragen und Sport draussen reduzieren. Auch beim Velo-, Töff- und Cabriofahren bekommt man viel Pollen ab. Wenig lüften oder Pollenschutzfilter an den Fenstern anbringen.

Wie steht es mit Medikamenten?
Die sind heute wirksam und gut verträglich. Antihistaminika gibt es als Augentropfen, Nasenspray oder Tabletten. Sie neutralisieren das Histamin – jenen Botenstoff, der im Körper die Allergiereaktion auslöst. Bei starken Beschwerden empfehlen wir eine Desensibilisierung. Dabei wird das Allergen regelmässig unter die Haut gespritzt, bis sich der Körper daran gewöhnt hat.

Viele Allergiker wollen sich dieser Behandlung nach wie vor nicht unterziehen.
Sie bedeutet natürlich einen gewissen Aufwand, zeitlich und finanziell. Aber wenn man jedes Jahr wochenlang starken Heuschnupfen oder Asthma hat, lohnt es sich auf alle Fälle. Vier von fünf Patienten haben danach über Jahre deutlich weniger Beschwerden. Ausserdem kann die Desensibilisierung präventiv vor anderen Allergien schützen.

Man kann statt mit Spritzen auch mit Lutschtabletten desensibilisieren. Ist das empfehlenswert?
Auch die Tabletten funktionieren gut. Es gibt sie allerdings nur für ausgewählte Allergieformen, und wir haben noch wenig Daten über die Langzeitwirkung.

Sie haben das Beispiel von Birken und Äpfeln genannt: Manche Allergien scheinen auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden zu sein.
Wir sprechen von Kreuzreaktionen. Wer auf Haselpollen allergisch ist, verträgt oft auch Haselnüsse nicht gut – das ist naheliegend. Andere Kreuzreaktionen haben damit zu tun, dass sich die allergenen Eiweisse ähneln. Ein bekanntes Beispiel dafür sind Hausstaubmilben und Meeresfrüchte.

Latex und Ananas?
Auch das. Latex bildet Kreuzreaktionen mit exotischen Früchten. Kiwi, Banane, Mango, Avocado.

Haben Lebensmittelallergien etwas damit zu tun, dass wir immer exotischere Dinge essen?
Schon. Vor dreissig Jahren gab es bei uns noch gar keine Kiwis. Und heute sind sie der dritthäufigste Auslöser von Nahrungsmittelallergien.

Was ist der häufigste Auslöser? Nüsse?
Bei uns ist es Sellerie. Die Nüsse liegen auf Rang zwei.

Von Sellerie-Allergie habe ich noch nie gehört.
Auch sie ist oft Ausdruck einer Kreuzreaktion – mit Birken- oder Beifusspollen. Für die Betroffenen ist das sehr lästig, weil Sellerie nicht selten als Geschmacksverstärker in Saucen versteckt ist.

Derzeit scheint es bei Lebensmittelallergien einen Boom zu geben. Wie viel davon ist echt?
Die eigentlichen Allergien, wo das Immunsystem beteiligt ist, haben eher zugenommen. Da gibt es nichts zu beschönigen: Diese Patienten sind stark eingeschränkt, und es ist wichtig, dass sie genau auf ihre Ernährung achten. Dann gibt es den breiten Bereich der Nahrungsmittelintoleranz. Davon spricht man, wenn jemand einen bestimmten Stoff nicht gut verträgt, nicht so rasch abbauen kann. Auch das hat wohl etwas zugenommen – vor allem aber ist die Öffentlichkeit wesentlich mehr darauf sensibilisiert.

Ist es nicht so, dass viele Leute sich das einbilden?
So würde ich es nicht sagen. Wir sprechen bei solchen Fällen vielmehr von fehlenden objektiven Symptomen. Subjektiv haben diese Leute die Beschwerden ja schon.

Neun Prozent aller Deutschen meiden Gluten, aber nur 0.3 Prozent haben eine Zöliakie, also eine echte Glutenunverträglichkeit.
Eigentliche Zöliakien sind tatsächlich selten. Das bedeutet aber nicht, dass sich die anderen alles nur einbilden. Es gibt neuerdings wissenschaftliche Hinweise darauf, dass manche Leute etwa Produkte mit Weissmehl schlecht vertragen, obwohl keine herkömmliche Allergie oder Unverträglichkeit nachweisbar ist. Es gibt eben Dinge, die unter unserer Messgenauigkeit liegen oder einfach noch zu wenig erforscht sind.

Eine der Geisseln unserer Zeit ist Neurodermitis, die mit Juckreiz und Ekzemen verbunden ist.
Neurodermitis ist eine der häufigsten Hautkrankheiten, 15 bis 20 Prozent der Kinder sind betroffen. Zum Glück verschwindet sie bis ins Erwachsenenalter bei zwei Dritteln von selber wieder. Die Ursachen sind noch nicht völlig geklärt. Aber es gibt Hinweise, dass Neurodermitis in der Stadt häufiger vorkommt als auf dem Land.

Weshalb?
Möglicherweise stecken andere Ernährungsweisen, andere Waschgewohnheiten oder der vermehrte Einsatz von Antibiotika der Städter dahinter. Genaueres weiss man noch nicht. Aber man findet den Stadt-Land-Unterschied weltweit, selbst in Afrika – Neurodermitis ist dort nicht seltener als bei uns.

Was kann man gegen die Krankheit tun?
Das Wichtigste ist, die Haut gut zu fetten. Damit lässt sich ein Stück weit kompensieren, dass bei Neurodermitis die natürliche Barrierefunktion der Haut eingeschränkt ist. Wenn das nicht reicht, kann man auch entzündungshemmende Salben und juckstillende Medikamente geben. Die gute Nachricht lautet, dass bald ein neuartiges Medikament auf den Markt kommt, Dupilumab, das die Symptome bei vielen Patienten fast völlig zum Verschwinden bringt. Es ist allerdings teuer, sodass es nur für schwere Fälle infrage kommt.

Neurodermitis ist eine sichtbare Krankheit, was für die Betroffenen sehr unangenehm sein kann.
Mit der richtigen Behandlung bringt man viele Beschwerden unter Kontrolle. Es gilt, proaktiv vorzugehen, also beim ersten kleinen Juckreiz gleich wieder mit der Behandlung zu beginnen. So kann man die Ekzeme bremsen und eine Narbenbildung verhindern.

Stimmt es, dass Stress Allergien auslösen kann?
Von auslösen würde ich nicht sprechen. Aber Stress kann Allergien beeinflussen. In Stressphasen steht unser Nervensystem in engerem Kontakt zu jenen Zellen, die das Histamin freisetzen und damit die Allergiesymptome hervorrufen. So kann es vorkommen, dass nur schon die Angst, es könnte Nüsse im Essen haben, Symptome provoziert. Auch Atemwegprobleme sind häufig stressgesteuert.

Laut Website bietet Ihre Allergiestation auch «Aufklärung über Sinn und Unsinn von alternativen Methoden» an. Ist das ein Anliegen der Patienten?
Diese Verfahren erleben oft eine wellenartige Beliebtheit – sei es beispielsweise Homöopathie, Bioresonanz oder spezielle Diäten. Solche Methoden können im Einzelfall ihre Berechtigung haben. So lassen sich etwa mit Akupunktur erwiesenermassen Heuschnupfensymptome lindern. Auch Entspannungstechniken können hilfreich sein, grad wenn Stress die Allergie verstärkt.

Haben Allergiker auch Vorteile?
Es gibt Hinweise, dass Allergiker besser gewappnet sind gegen Schlangenbisse oder Skorpionstiche. Offenbar vertragen sie höhere Giftmengen.

Stimmt es, dass Stillkinder weniger Allergien bekommen?
Ja.

Und Kaiserschnittkinder mehr?
Sie neigen etwas mehr zu Nahrungsmittelallergien. Bei Neurodermitis gibt es kaum einen Unterschied. Eine Rolle dürfte der fehlende Kontakt mit der Bakterienflora der mütterlichen Vagina spielen, wodurch das Immunsystem anders geprägt wird.

Die Hygiene-Hypothese erklärt die Zunahme der Allergien damit, dass wir heute so sauber leben. Weil das Immunsystem kaum noch in Kontakt mit echten Keimen kommt, wird es falsch geprägt und reagiert irrtümlicherweise auf harmlose Stoffe wie Pollen.
Der beste Beweis dafür sind die Bauernkinder, die ja oft mit Dreck und Tieren in Berührung kommen: Sie haben weniger Allergien als Stadtkinder. Unsere hygienische Lebensweise hat unschätzbare Vorteile, wir haben wenig Infektionen, die Kinderlähmung ist fast verschwunden und so weiter. Offenbar sind Allergien der Preis, den wir für diese Errungenschaften zahlen müssen.

Sollen Stadtkinder Bauernhof-Ferien machen?
Das würde nicht viel bringen. Der Kontakt mit dem Stall muss möglichst intensiv sein und möglichst früh beginnen, das heisst im ersten Lebensjahr. Mit fünf ist der Zug für diese Effekte offenbar abgefahren.

Sich in der Stadt eine Kuh zuzulegen, dürfte auch nicht ganz einfach sein.
Ein Hund ist womöglich ein guter Kompromiss. Da mussten wir umlernen: Früher rieten wir Allergikern von Haustieren ab – heute empfehlen wir, diese zu behalten, wenn man sie verträgt. Bei Kindern können Hunde vor Allergien schützen, ganz generell, nicht nur vor Tierhaarallergien. Am besten ist die Wirkung auch hier im ersten Lebensjahr. Und der Hund muss rauskönnen, damit er gesunden Dreck nachhause trägt.

Kommt es auf die Hunderasse an?
Es scheint, dass Hunde mit gekrausten Haaren am wenigsten Allergien auslösen, also etwa Pudel oder Wasserhunde. Auch gibt es Patienten, die nur auf Rüden allergisch reagieren, nicht aber auf Hündinnen.

Wie steht es mit Katzen?
Davon würde ich bei Allergikern oder allergiegefährdeten Kindern nach wie vor eher abraten.

Ich habe von Eltern gehört, die den Nuggi nicht mehr waschen, wenn er auf den Boden fällt, damit das Kind zu seinen Bakterien kommt.
Ich würde das jetzt nicht direkt empfehlen, aber etwas meh Dräck kann in der Tat nicht schaden. Eine Studie hat gezeigt, dass es für die Allergieprävention nützlich ist, wenn Eltern den Nuggi ablutschen, bevor sie diesen dem Säugling wieder in den Mund stecken.

Helfen Krippen gegen Allergien?
Zumindest haben Krippenkinder seltener Atemwegallergien. Weil in Krippen viele Keime kursieren, sind Infekte zwar am Anfang häufig, aber so wird das Immunsystem günstig beeinflusst.

Auch Rohmilch soll vor Allergien schützen. Empfehlenswert?
Warum nicht? In der Schweiz hat die Milch einen hohen Hygienestandard, da hätte ich keine grossen Bedenken. Generell würde ich vor übertriebener Vorsicht warnen. Früher haben wir allergiegefährdeten Kindern alles verboten, was Allergene enthält. Heute empfehlen wir eine möglichst vielfältige Ernährung. Man fängt vielleicht mal mit Reis an und führt dann schrittweise neue Nahrungsmittel ein, Getreide, Kartoffeln, Fleisch und so weiter. Es gab da in den letzten Jahren einen richtigen Paradigmenwechsel. So hat jüngst eine grosse Studie gezeigt, dass es zur Prävention von Erdnussallergien am besten ist, in den ersten Lebensjahren regelmässig mit Erdnussbestandteilen in Kontakt zu kommen. Aber Kleinkindern bitte keine ganzen Erdnüsse füttern, wegen der Erstickungsgefahr.

Können Tiere Allergien bekommen?
Ja. Pointiert gesagt: Hunde haben Neurodermitis, Katzen haben Nahrungsmittelallergien, Pferde haben Gräser-Asthma – was lästig ist, weil sie beim Fressen Atemnot bekommen können.

Und Wildtiere?
Da hat man nichts Vergleichbares beobachtet. Allergien scheinen auch bei Tieren eine Zivilisationskrankheit zu sein.

Interview: Mathias Plüss; Foto: iStockPhoto (1)

Peter Schmid-Grendelmeier

Der 57-Jährige ist seit 2003 Leiter der Allergiestation des Zürcher Universitätsspitals. Er hat in Freiburg und Zürich Medizin studiert und als Oberarzt zwei Jahre in Tansania gearbeitet. Das Land ist ihm zur zweiten Heimat geworden: Er besucht es regelmässig mit seiner Familie und spricht Kisuaheli. Als Forscher verfolgt Schmid-Grendelmeier unter anderem die Idee, Allergikern gezielt Hakenwürmer zu verabreichen. Um im Körper überleben zu können, dämpfen Würmer das Immunsystem, was Allergiesymptome lindern kann. Entsprechende Versuche liegen derzeit jedoch auf Eis, weil die Ethikkommission die Einwilligung verweigerte. Schmid-Grendelmeier ist Stiftungsrat und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats von Aha, Allergiezentrum Schweiz – der ersten Online-Anlaufstelle für Allergiker (aha.ch).

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