Mutterglück

«Für eine Ballerina ist es ein mutiger Balanceakt, während der Karriere schwanger zu werden»

Tanzkarriere und Muttersein: Primaballerina Viktorina Kapitonova wagt den Spagat. Eine Herausforderung, wie sie beim Treffen im Opernhaus Zürich erzählt. Sechs Wochen nach der Geburt.

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«Tanz ist meine Berufung. Ich wünsche mir für mein Kind, dass es die seine finden kann»: Viktorina Kapitonova (31) mit Sohn Henry

Eine Traumrolle: Viktorina Kapitonova in «Schwanensee»

annabelle: Viktorina Kapitonova, Prinz Siegfried aus «Schwanensee» haben Sie gegen den kleinen Prinzen Henry getauscht. Aber Hand aufs Herz – hätten Sie sich als Primaballerina nicht lieber eine Tochter, eine kleine Ballerina, gewünscht?
Viktorina Kapitonova: Ich wäre wohl nicht sehr gut im Töchterlein-Frisieren (lacht). Aber Spass beiseite, die ehrliche Antwort ist: nein. Und ich hege keineswegs den Wunsch, dass mein Kind meine Leidenschaft für den Tanz erbt. Ballett ist ein Weg mit vielen Tränen und grossem Druck. Tanz ist meine Berufung. Ich wünsche mir für mein Kind, dass es die seine finden kann.

Sie sitzen im Ballettsaal, an den Füssen die Spitzenschuhe, an Ihrer Brust das Baby. Wie schaffen Sie diesen Spagat?
Der Weg zurück nach der Babypause ist für jede Frau hart. Die Anforderungen an eine Ballerina sind zumindest körperlich vielleicht noch ein bisschen höher. Aber ich mag Herausforderungen, sie machen mich stärker. Und ich habe das Glück, ein gutes Verhältnis zu Ballettdirektor Christian Spuck zu haben, und einen wundervollen Ehemann. Mit ihrer Unterstützung werde ich es zurück an die Spitze schaffen.

Die Konkurrenz in der Tanzwelt ist riesig. Wie viel Mut braucht eine Ballerina, um auf dem Höhepunkt ihrer Karriere für ein Baby zu pausieren?
Für eine Ballerina ist es ein mutiger Balanceakt, während der Karriere schwanger zu werden. Ein Baby zu haben, ist für mich wie ein Traum. Es schenkt dir ein neues Lebensgefühl, das sich auf der Bühne widerspiegelt. Ich weiss nun, wie sich Liebe anfühlt, aber auch die Angst, das Wertvollste verlieren zu können. Ich hoffe, ich kann mich dank diesen Erfahrungen auch auf dem Höhepunkt meiner Karriere weiterentwickeln.

Ursprünglich war Ihr Plan, zwei Monate nach der Geburt für «Schwanensee» auf die Bühne zurückzukehren. Weil Henry per Kaiserschnitt zur Welt kam, mussten Sie Ihr Tempo drosseln. Fühlen Sie sich unter Druck?
Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Aber die Doppelrolle der Odette und Odile in «Schwanensee» ist die Traumrolle jeder Ballerina. Der Druck kommt also vor allem von mir selber. Nächste Saison werden wir im Bolschoi-Theater in Moskau Christian Spucks «Nussknacker» zeigen. Das ist der Ort, an dem die weltbesten Ballerinas tanzen. Der Druck wird nicht weniger werden.

Ihr Körper ist Ihr Instrument, das Sie sich bis zur Perfektion erarbeitet haben. Eine Schwangerschaft verändert diesen Tänzerinnenkörper doch extrem?
Ein Kind zu gebären, erinnert einen daran, wie wundervoll der eigene Körper ist. Mein Körper fühlt sich noch nicht so an wie vor der Geburt. Doch erinnert er sich an seine frühere Form. Das hilft mir, wieder fit zu werden. Es kostet Zeit, viel Arbeit und Geduld, aber mit Henry als täglicher Motivation schaffe ich es.

Wie trainieren Sie sich wieder Primaballerina-fit?
Körperliche Stärke allein reicht nicht. Genauso wichtig sind Ausdruck und Grazie in allen Bewegungen. Deshalb ziehe ich jeden Tag meine Spitzenschuhe an und gebe Henry eine Privatvorstellung zu klassischer Musik. Ich verarbeite all die Gefühle, die ich dank ihm durchlebe. Nach dem Kaiserschnitt konnte ich meine Bauchmuskeln nicht mehr spüren. Mit Physiotherapie habe ich das Gefühl wiedergewonnen und bringe mich in Form mit Spaziergängen und Stillen.

Ist es immer noch ein Tabu, als Ballerina schwanger zu sein?
Diese Doppelrolle ist hart. Eine Tanzkarriere ist häufig kurz. Eine lange Pause kann Vertrauen und Ansehen innerhalb der Kompanie stören. Wenn das Vertrauensverhältnis nicht stimmt, wirst du sehr schnell von einer Tänzerin verdrängt. Ich schätze deshalb die Unterstützung meiner Kompanie umso mehr und arbeite eifrig, um möglichst schnell zurück zu sein.

Welche Reaktionen haben Sie erlebt?
Es war mir wichtig, dass Christian Spuck es als Erster ausserhalb meiner Familie erfährt. Ich war nervös und war sicher, dass er nicht damit gerechnet hatte. Ich glaube, er hat zuerst nicht ganz realisiert, was ich ihm sagte. Seine erste Frage war, ob ich immer noch Anna Karenina tanze. Dann lachte er und umarmte mich. Alle in der Kompanie haben wundervoll reagiert, auch wenn ich nur noch bis zum vierten Schwangerschaftsmonat auf der Bühne stand. Ich hätte zwar noch länger auftreten können, fühlte mich grossartig, aber meine Tanzpartner hatten Bedenken, sie könnten mich oder mein Baby verletzen. Ich war jedoch in den Ballettklassen dabei bis zu den letzten Tagen vor der Geburt.

Die Russin Viktorina Kapitonova ist Erste Solistin des Balletts Zürich. Sie tanzte die Hauptrollen in «Schwanensee», «Giselle» oder in Christian Spucks «Anna Karenina». Die 31-Jährige war unter anderem auch in Choreografien von Balanchine, Ek, Forsythe, Kylián und McGregor zu sehen

Interview: Sulamith Ehrensperger; Foto: Johanna Hullár, Carlos Quezada/Ballett Zürich

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