Hans Feurer

Hans Feurer: Der Schweizer Starfotograf im Gespräch

Interview: Silvia Binggeli, Foto: Joan Minder

  • Meister und Model: Hans Feurer und Tamy Glauser beim Shooting «Tamy Blue» auf dem Zürcher Sechseläutenplatz

Hans Feurers Fotos – ja, er selbst – sind längst Ikonen der Mode- und Beautywelt. Zurücklehnen? Geht nicht, dafür ist der Toggenburger derzeit viel zu gefragt. annabelle-Chefin Silvia Binggeli hat den 74-jährigen Nimmermüden getroffen.

Bei unserem ersten Interview vor ein paar Jahren zeigte mir Hans Feurer bei sich zuhause im Zürcher Oberland seine Sammlung afrikanischer Voodoo-Figuren und erzählte, wie er sich in Sierra Leone einmal mit Jodeln aus der Gewalt von Rebellen befreite. Bei unserem zweiten Treffen erlebte ich den grossen Schweizer Modefotografen auf dem Anwesen von Roberto Cavalli in Florenz, wo er die neuste Kollektion des Designers fotografieren sollte – in aller Herrgottsfrühe, etwas ungehalten, weil er fürchtete, das von ihm so geliebte Licht der aufgehenden Sonne könnte verflachen, bevor die Crew parat sei. Nun inszenierte der Meister des Gegenlichts für uns Jeansmode an der Bernerin Tamy Glauser. Und erzählt von seinem reichen Leben hinter der Kamera, in dem er wie kein anderer Traumwelten schafft, nebenbei Iman unsterblich gemacht hat, für Kenzo schwärmte und kurz mal Anna Wintour im Regen stehen liess.

ANNABELLE: Hans Feurer, wie war das Shooting mit Tamy Glauser?
Prima. Sie konnte fast sie selber sein. Die meisten Jeanssachen würde sie vermutlich auch privat tragen.

Du wolltest Tamy vor dem Shooting kennen lernen. Warum?
Auf Castingfotos kann ich zwar erkennen, ob eine Frau schön ist, aber nicht unbedingt, ob sie Persönlichkeit hat. Beim Treffen mit Tamy spürte ich eine Wärme und eine Sinnlichkeit, die mir sehr gefielen.

Beim Shooting war Tamy anfangs zurückhaltend. Du hast ihr szenische Tipps gegeben, etwa: «Renn los, wie wenn du dringend das Tram erwischen müsstest.» Das wirkte fast väterlich.
Es ist ja nicht unbedingt natürlich, mit einem riesigen Federschmuck auf dem Kopf herumzurennen. Trotzdem muss jede Szene echt wirken, sonst versteht die Betrachterin das Bild später nicht und schaut weg.

Welche Schönheit magst du?
Nicht die perfekte. «Playboy»-Ästhetik ist für mich der Horror. Ich bin ein Feminist – ich mag freie, selbstständige Frauen.

Und wie genau setzt du diese Freiheit in Bilder um?
Mit Traumprojektionen. Jede Frau fragt sich doch beim Anziehen: Wie möchte ich mich fühlen, wer möchte ich sein? Sie gibt sich eine Rolle. Die Betrachterin meiner Bilder soll sich fragen: Könnte ich das sein? Entspricht mir diese Rolle? Allerdings: Projektionen interessieren mich nur, wenn sie auch etwas Störendes haben.

Inwiefern?
Ein versteckter Ausdruck genügt, vielleicht eine Pose, die als unanständig gilt. Aber bitte subtil. Nacktheit um der Nacktheit willen ist vulgär.

In dieser annabelle geht es um Idole.Wen hast du in deiner Jugend bewundert?
Jazzmusiker von Charlie Parker bis Ray Charles. Jimi Hendrix lernte ich in London als Nachbarn kennen. Musik war immer Teil meines Lebens. Und die Fotografie? Die war für mich als gelernten Grafiker Alltag wie das Zeichnen. Anfangs war ich ja Art Director und arbeitete mit Fotografen wie William Klein, Frank Horvat, Edouard Bouba, Helmut Newton. Ich sah, wie sie Träume Realität werden liessen.

Warum wolltest du Modefotograf werden?
Ganz einfach: Ich wollte schöne Frauen kennen lernen. Als Art Director in Paris und London sah ich, welch gutes Leben Modefotografen führen.

In London hast du dich ja dann auch als Modefotograf etabliert. Wie hast du die Swinging Sixties erlebt?
Das war unglaublich spannend. Plötzlich zählte, was du machst, und nicht mehr, ob du aus einer guten Familie kommst. Die jungen Frauen auf der Strasse trugen nicht mehr teure Costumes, sondern T-Shirts und Turnschuhe

Du hast regelmässig für «Nova» fotografiert – ein ebenso legendäres wie progressives Magazin.
«Nova» sagte die Wahrheit. Für eine ihrer Geschichten fotografierte ich eine nackte Frau auf einem Tisch. Ein Baby schmierte ihr Johnson-Baby-Öl auf den Rücken. Wir schrieben dazu, das Öl für wenig Geld wirke besser als die meisten teuren Produkte. Die Beautykonzerne strichen sofort ihre Anzeigen – das Magazin ging letztlich (1975, die Red.) an seiner eigenen Radikalität zugrunde.

Zu deinen Weggefährtinnen gehörte Grace Coddington – die grosse Stylistin und heutige Modechefin der US-«Vogue».
Ja. Grace war zuerst Model, dann Redaktorin bei der britischen «Vogue». Deren Zugang zu Mode war sehr elitär. Wir Macher von «Nova» waren für «Vogue», «Elle» & Co. ein Haufen Hippies, mit denen sie nichts anfangen konnten. Trotzdem sind Grace und ich über die Jahre gute Freunde geworden. Sie ist eine grossartige Lady und besitzt ein enzyklopädisches Wissen über Mode wie kaum jemand sonst.

1983 hast du eine stilprägende Kampagne für Kenzo fotografiert. Was gefiel dir am japanischen Designer?
Mir gefiel, wie er Ethno-Elemente aus aller Welt in seine Mode brachte. Das zeugt von Toleranz und einem offenen Herzen. Dieses «Parfum» sollten auch meine Kampagnenbilder haben. Als Models wählten wir die Somalierin Iman und die Japanerin Sayoko, eine Frau mit unglaublich starker seelischer Ausstrahlung – und das beim Nichtstun!

Die «Vogue» schrieb später, du habest Iman, die heutige Frau von David Bowie, «unsterblich» gemacht.
Ach was! Iman war vorher schon berühmt. Der Fotograf Peter Beard hatte die Tochter eines Hoteliers in Nairobi entdeckt, da war sie noch ein Teenager. Iman besitzt die Gabe, sich total zu konzentrieren, das wirkt dann fast magisch.

Was reizt dich daran, Frauen zu Idolen zu machen?
Das ist gar nicht mein Ziel. Im Gegenteil, ich gebe mir Mühe, keine Göttinnen zu präsentieren.

Dennoch: Du giltst als Meister des Gegenlichts, was bewirkt, dass Frauen auf deinen Bildern oft fast schon einen Heiligenschein tragen.
Auf meinen Reisen in Afrika hat mich ein Anblick immer wieder fasziniert: Wenn die Frauen am frühen Morgen Wasser am Brunnen holen, wenn das Licht sie von hinten beleuchtet – einfach grossartig! Als Fotograf will ich solche Stimmungen herausarbeiten. Ich arbeite jedoch nie mit Reflektoren. Das Licht muss sich genau an der Grenze abheben, damit es die volle Leuchtkraft entwickelt und nicht milchig wird. Die meisten Fotografen behaupten, im Gegenlicht müsse man Reflektoren einsetzen. Aber man muss nur den richtigen Moment erwischen. Dann braucht es keine Verfälschung.

In den Achtzigerjahren gab es eine Begegnung mit US-«Vogue»-Chefin Anna Wintour – allerdings eine eher kurze …
Ja. Sie wollte unbedingt, dass ich mit einem bestimmten Model arbeite. Aber das Mädchen gefiel mir nicht. Ich sagte Nein. Sie sagte: Doch. Am nächsten Tag erschien Anna Wintour am Set mit dem Model. Ich packte zusammen und ging. Ich lasse mir keine Etikette aufs Füdli kleben.

In einem französischen Magazin präsentierte kürzlich ein Fotograf ein Bild, das einer deiner frühen Arbeiten verdächtig ähnlich sieht. Ärgert es dich, kopiert zu werden?
Letztlich ist ein Konzept für ein Bild immer das Ergebnis einer Vielzahl von Eindrücken, die man irgendwo gesammelt hat. Auch bei mir ist das so. Alles 1:1 zu übernehmen – Pose, Ausdruck, Hintergrund, Styling –, ist natürlich einfallslos, aber ja, auch ein Kompliment.

Was bringst du jungen Kollegen bei?
Offenbar sind alle meine ehemaligen Assistenten zufrieden. Einer aus Korea mailte mir sogar, er verdanke mir alles. Dabei hab ich doch gar nichts gemacht.

Jetzt kokettierst du aber!
Nein. Ich spreche ja nie mit meinen Assistenten über Fotografie. Ich bin kein Lehrer, nichts liegt mir ferner, als zu dozieren.

Wie bleibt man in der schnelllebigen Modebranche fast fünfzig Jahre so erfolgreich?
Ich hatte auch schwierige Phasen. War eine Zeit lang vergessen. Als in den Neunzigern glatt polierte, bis zur Künstlichkeit retouchierte Bilder gefragt waren, galt ich als ewiggestrig – und fragte mich schon, ob ich bald mein Haus verkaufen müsse und wovon ich dann leben sollte

Derzeit fotografierst du aber wieder für alle Hochglanzmagazine von New York bis Tokio, gibst Fotobände heraus, deine Bilder werden ausgestellt – letztes Jahr in Paris, jüngst in Rom, auch in Moskau ist eine Werkschau geplant. Wie behältst du die Ruhe?
Eine kleine Gedankenübung hilft eigentlich immer: Zuerst stelle ich mir vor, dass ich in der Schweiz bin, dann sehe ich mich auf dem Planeten Erde und von da denke ich mich ins Universum, endlos weit hinaus. Irgendwann komme ich langsam wieder zurück, wie ein Reisender, und dann sage ich mir: So, da bin ich, was könnte ich jetzt anstellen? Nach solchen Kopfreisen kann ich mein Leben wieder einrichten und etwas Neues anfangen. Meine grösste Motivation ist meine Sucht nach Unabhängigkeit.

Bist du vor Shootings eigentlich noch nervös?
Immer! Ich denke jedes Mal wieder: Diesmal gehts krumm. Nächste Woche etwa reise ich für die chinesische «Vogue» nach Marokko. Ich frage mich jetzt schon: Wie werde ich diese Models fotografieren? Ich bin wie ein Anfänger. Am liebsten würde ich am Set jeweils alle stehen lassen, meine Sachen packen und abreisen.

— Bildband «Hans Feurer» mit 105 ganz- und doppelseitigen Fotografien, Damiani Editore, 2013, ca. 70 Franken

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox