Steffi Buchli

Moderatorin Steffi Buchli: Ein echter Schweizer Fernsehpunk

Text: Barbara Loop; Fotos: Jozo Palkovits

Moderatorin Steffi Buchli: Ein echter Schweizer Fernsehpunk
Steffi Buchli: Ein echter Schweizer Fernsehpunk
Steffi Buchli: Ein echter Schweizer Fernsehpunk
Steffi Buchli: Ein echter Schweizer Fernsehpunk
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Steffi Buchli: Keine Frau am Schweizer Fernsehen hat derzeit mehr Sendezeit

Hat für den Respekt hart gearbeitet: Steffi Buchli mit den ZSC-Lions-Spielern Mark Bastl, Luca Cunti und Roman Wick (von links)

Steffi Buchli: «Ich in der Mitte und um mich herum 25 schwitzende Männer? Ui, nei!»

Steffi Buchli: «Man darf nie vergessen, wo man herkommt, denn das zeichnet anständige Leute aus. Und anständig will ich sein»

Schrill, bodenständig und selbst auf Glatteis souverän. Jetzt führt Steffi Buchli wieder durch die Eishockey-Playoffs.

Steffi Buchli: Ein Paradiesvogel

«Ui, ui, ui», quietscht sie und duckt sich unter den Tisch. Ein Vogel flattert verstört durch das Café, bevor er den rettenden Ausgang findet. «Aufgescheuchte Vögel habe ich gar nicht gern», sagt sie verdattert und setzt sich wieder gerade hin. «Hallo! Ich bin Steffi.» Steffi Buchli, auch sie ein Paradiesvogel: Die Haare kurz, aufgestellt und knallrot. Das psychedelische Muster ihres Pullovers entpuppt sich bei näherer Betrachtung als wilde Ansammlung kleiner farbiger Totenköpfe. Ihre Tasse Grüntee hat sie bereits halb leer getrunken. Zu einer Verabredung kommt Steffi Buchli nie zu spät, sondern immer zu früh. Und sie stellt als Erste die Fragen. Sie spricht leise, aber so konzentriert und interessiert, als würde sie nicht eine Journalistin, sondern Fussballgott Lionel Messi nach dem Wohlbefinden fragen.

Keine Frau am Schweizer Fernsehen hat derzeit mehr Sendezeit als Steffi Buchli – abgesehen von den «Tagesschau»-Moderatorinnen vielleicht. Sie moderiert «Sport aktuell», die «Sportlounge», «Sport live», die Sports Awards, sie interviewt Andre Agassi, Cristiano Ronaldo oder Roger Federer. Und sie ist die Miss Eishockey von SRF: Spengler-Cup, Weltmeisterschaft, Olympische Winterspiele in Sotschi oder die Playoffs, die Schweizer Eishockey-Finalspiele – überall ist sie dabei.

Glatte Karriere ohne Niederlage

Ihre berufliche Karriere gleicht einer Reihe souveräner Etappensiege: B-Matura, Allround-Praktikum bei der UBS, Redaktorin beim Radio, dann der sportliche Aufstieg bei SRF. Gab es denn keine Niederlagen? Steffi Buchli, 35 Jahre alt, überlegt, «hmm», ihr Blick wandert zur Decke, die Lippen gepresst. Vielleicht einmal ein Interview, das nicht so gut lief – aber eine echte Niederlage? Es kommt ihr nichts anderes in den Sinn als: «Ich finde es schlimm, Freunde und Familie zu enttäuschen, weil ich zu wenig Zeit habe. Oder dass ich meinen Eltern erst vor ein paar Tagen das Fernsehstudio gezeigt habe.» Steffi Buchli zieht ihr Handy aus der Tasche und zeigt die Bilder. Herr und Frau Buchli in den Kulissen des Fernsehens: auf der Couch des «Club», hinter dem Stehpult der «Tagesschau», in der «Arena», wo freitags die Politiker debattieren. «Ich hatte gar nicht realisiert, dass sie das interessieren könnte.»

In England, Italien oder Spanien ködern Sportsender die Zuschauer mit Schönheiten. Etwa mit der Spanierin Sara Carbonero, laut dem US-Männermagazin FHM die schönste Sportjournalistin der Welt. Ihr amouröses Doppel mit Spaniens Nationalgoalie Iker Casillas macht die Sportnews noch schillernder. Die deutsche Sportberichterstattung hingegen ist eine ernste Sache, Spielstrategien werden analysiert wie Kriegseinsätze, Trainer in die Mangel genommen wie Politiker vor den Wahlen. Allianzen zwischen den Fronten sind ausgeschlossen. Und in der Schweiz? Hier stellt Steffi Buchli die Fragen mit einem einladenden Schmunzeln. Runzelt die Stirn, wenn ein Gast nach Worten ringt. Und lacht mit ihm, wenn er Witze macht. Sie steckt zwar mit dem Chef des Schweizer Eishockeyverbands, ihrem Mann Florian Kohler, unter einer Decke – aber nur privat, wie sie betont. Steffi Buchli, Beni Thurnheer, Rainer Maria Salzgeber oder Gilbert Gress: Bei Sportsendungen am Schweizer Fernsehen gibt man sich locker, bodenständig und gerne auch ein bisschen selbstironisch.

«Ich bin ein Streber»

Szenenwechsel ins Fernsehstudio Leutschenbach: In drei Minuten beginnt die Sendung, der HC Fribourg Gottéron spielt heute gegen die ZSC Lions. Steffi Buchli geht ein letztes Mal die Anmoderation durch. Die Stylistin pudert ihr das Décolleté und die Stirn, Steffi Buchli bedankt sich. Sie trägt einen braven Blazer, ein violettes Shirt und hochhackige Schuhe, «weil das Stehpult zu hoch ist für mich». Sie misst 1.68 Meter. Die knallviolette Jacke und die blauen Turnschuhe, mit denen sie im Studio erschienen ist, sind in der Garderobe geblieben, das mit Totenköpfen bedruckte Schminktäschli liegt auf einem der leeren Zuschauerbänke. Noch zehn Sekunden. Steffi Buchli reisst den Mund auf, schiebt den Kiefer hin und her, zieht den Mund breit, leckt sich die Schneidezähne, räuspert sich und blickt in die Kamera: «Guetenabig mitenand und härzlich willkomme.» Es ist gespenstisch ruhig im Raum. Die Lüftung rauscht leise. Nur der rote Punkt an der Kamera verrät, dass Steffi Buchli gerade Hunderttausende von Menschen begrüsst.

Ein einziger Fehler oder Versprecher könnte jetzt die Twitter-Community aufscheuchen, die Kommentarzeilen füllen, für Schlagzeilen sorgen. Denn schliesslich geht es hier um Sport. Bei aller Unterhaltung eine ernste Angelegenheit. Vor allem, wenn eine Frau vor der Kamera steht. «Einen Fehler verzeihe ich mir kaum», sagt Steffi Buchli. Oft schaut sie sich die Sendungen später nochmals an, sucht nach falschen Formulierungen, fehlerhaften Betonungen, einer unnatürlichen Bewegung. «Ich bin ein Streber.»

Aber es sind nicht die Fehler und Versprecher, die Moderatoren am meisten fürchten: «Wer vor der Kamera steht, hat Angst vor dem Moment, in dem ein neues Gesicht auftaucht und einem Konkurrenz macht», sagt Steffi Buchli. Ihr wurde das bewusst, als sie 2012 selbst durchstartete, überall gefragt war und erstmals Olympia und die Sports Awards moderierte. «Man darf sich nie allein über den Erfolg definieren, denn der Moment, in dem man nicht mehr so in ist, kommt so oder so.»

Der Social-Media-Profi

Steffi Buchli ist nicht nur am Fernsehen omnipräsent. Sie erschliesst sich auch die Kanäle der Sozialen Medien: Auf Twitter folgen ihr fast 16 000 Menschen. Zum Vergleich: Die Rapper Stress und Bligg kommen zusammen auf 12 000, Mona Vetsch hat gut 10 000 Follower, und Beni Thurnheer besitzt gar keinen Account. Mehr als 10 000 gefällt ihre Facebook-Seite, bereits nach wenigen Wochen hat ihr Auftritt bei Instagram über 1500 Fans.

Twittert Steffi Buchli vielleicht präventiv gegen das Vergessenwerden an? «Ich mache das ohne Berechnung.» So kleine Nebensächlichkeiten in die Welt hinauslassen, das finde sie lustig. Und: «Vielleicht entwickelt sich daraus ja einmal etwas Berufliches, für die Zeit nach der Fernsehkarriere.»

Steffi Buchli tippt sich so gewandt durch die Sozialen Medien, dass sie von der Hochschule für Wirtschaft Zürich eingeladen wurde, Kurse zu geben. Selfies, Wortwitze, Kommentare, Hinweise auf Sendungen oder Antworten an Zuschauer, «das wirkt alles locker-flockig, doch eigentlich sind es kleine Communiqués. Ich entscheide sehr bewusst, was ich rauslasse und was nicht.» Ein privates Bild ihrer Familie würde sie nie öffentlich machen. Und sie will nicht, dass man sie orten kann: «Ich finde es krass, wenn man die Leute auf Schritt und Tritt verfolgen kann und immer weiss, wo jemand gerade ist.» Und schiebt gleich hinterher: «Also nicht, dass das in meinem Fall jemanden interessieren würde.»

«Sport ist eine ernste Angelegenheit»

Eishockey-Foren liest Steffi Buchli nicht mehr, und sie hat es aufgegeben, ihren Namen zu googeln. Denn für viele ist Sport nicht nur eine ernste, sondern eine todernste Angelegenheit. Besonders primitive Voten würden sie schon treffen, sagt sie, aber sie habe gelernt, dass man nicht allen gefallen könne. Anders als Leistungen im Sport lässt sich der Auftritt einer Moderatorin nicht exakt bemessen. Ihr Hochdeutsch klingt für die einen gekonnt, für die anderen gestelzt, ihr Lachen ist für manche erfrischend, für andere unerträglich. «Hören Sie endlich auf zu lachen. Es ist ernst», habe ihr einmal ein Zuschauer geschrieben. «Würkli ernst!», imitiert sie den aufgebrachten Mann und haut auf den Tisch.

Steffi Buchlis Vorliebe für Nagellack in allen Farben, für aufwendige Kurzhaarfrisuren, für schrille Kleider, die nur Unerschrockene tragen, nimmt die Boulevardpresse nur allzu gern auf. Zwar legt ihr Kollege Rainer Maria Salzgeber einen ähnlichen Hang zur Exzentrik an den Tag, aber Steffi Buchlis Kleiderschrank spaltet die Schweiz wie die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Nachdem 54.7 Prozent bei der «Blick»-Abstimmung für ihre neue Haarfarbe votierten, sprachen sich bei einer SRF-Abstimmung 54 Prozent gegen ihren Kleidungsstil aus.

Steffi Buchli sagt: «Ich weiss, dass ich nicht ganz mehrheitsfähig bin.» Wenn sie auch knapp nicht mehrheitsfähig ist, so ist sie für die meisten doch absolut tragbar. Ein fröhlicher Fernsehpunk, der so manche Eigenschaften vereint, die sich die Schweizer gern zuschreiben: Fleiss, Anstand und Bodenständigkeit, mit einem Schuss Ehrgeiz und einer Prise Aufmüpfigkeit. Steffi Buchli hat nichts Anarchistisches, eher etwas Ausgeflipptes. Die äussere Exzentrik ist echt, nicht aufgesetzt, aber nach einer inneren sucht man vergebens: Abgründe findet man bei der Sportreporterin keine.

«Man darf nie vergessen, wo man herkommt»

Das Haus, in dem Steffi Buchli mit ihrem Mann wohnt, ist in diesen Tagen von einem Gerüst umgeben. Die Fassade wird gerade renoviert, innen ist schon alles neu. Steffi Buchli sitzt am weissen Tisch im Wohnzimmer, in dem alles seinen Platz hat. Ein grosses weisses Sofa, Weingläser in Glasvitrinen, ein rot-violettes Telefon und ein kleines Bücherregal: T. C. Boyle, Nick Hornby, Moritz von Uslars «100 Fragen an …». Das Haus steht in Kilchberg, einem Dorf zwischen Stadt und Land, nur wenige Minuten von Zürich entfernt. Der Lärm der Handwerker dringt von draussen ins Wohnzimmer, wo Steffi Buchli laut auflacht. Sie sehe aus «wie ein Husky auf Ecstasy», hat ein besonders origineller Kolumnist geschrieben. «Grossartig», sagt sie und doppelt nach: «Wie ein Kind auf Ritalin!» Muss man masochistisch veranlagt sein, um diesen Job zu machen? Nein, sie bekomme ja auch viele positive Rückmeldungen. «Dem Mann, der da draussen die Fassade renoviert, sagt selten jemand: Das hast du jetzt aber wieder toll gemacht.»

Steffi Buchli ist in Dübendorf aufgewachsen. An der Tür ihres Kinderzimmers, das sie mit ihrer Schwester teilte, hing ein Poster von Maria Walliser, an der Wand eines von Andre Agassi und der Achtzigerjahre-Popband A-ha. Die Mutter, gelernte Coiffeuse, arbeitet, seit die Kinder aus dem Haus sind, in einer Bäckerei mit Café, der Vater, «ein gradliniger Schaffer», war bis zur Pensionierung Einkaufsleiter. Sie wohnen noch heute in der Wohnung, in der Steffi gross geworden ist. «Man darf nie vergessen, wo man herkommt, denn das zeichnet anständige Leute aus. Und anständig will ich sein», hat sie einmal in einem Zeitungsinterview gesagt.

«Ich in der Mitte und um mich herum 25 schwitzende Männer? Ui, nei!»

Jetzt, da die Playoffs beginnen, steht Steffi Buchli wieder mitten drin. Wie an jenem sonnigen Frühlingstag vor einem Jahr, als der SC Bern Schweizer Eishockey-Meister wurde. 17 000 Fans waren im Stadion. Steffi Buchli verfolgte den Match am Spielfeldrand und in den Katakomben. Dort, wo ungeschriebene Gesetze regeln, wer wo hintreten und wen man wie ansprechen darf: Goalies sind tabu, die verschwitzen Spieler mundfaul, die Funktionäre abwägend, bis der Final entschieden ist. Im Eishockey lassen sich die Männer während der Playoffs Bärte wachsen, sie prügeln sich auf dem Eis und halten stolz ihre Zahnlücken in die Kameras. «Mit meiner burschikosen Art kann ich in den testosterongeschwängerten Gängen die Spieler runterholen, wenn die Gefühle hochkochen», sagt Steffi Buchli. Es habe einige Zeit gebraucht, bis man sich an sie gewöhnt habe. Da sie lange erfolgreich Unihockey gespielt hatte, war sie für den Job als Eishockey-Expertin prädestiniert. Trotzdem habe sie wohl härter arbeiten müssen als ihre männlichen Kollegen, um sich Respekt zu verschaffen. Aber das sei längst kein Thema mehr.

Nach dem Schlusspfiff wird es auch in diesem Jahr wieder Champagner geben, die abgekämpften Sieger werden sich Zigarren anzünden. Steffi Buchli wird Spieler interviewen, gratulieren, sich die Trainer vor die Kamera holen, Hände schütteln und auf Schultern klopfen. Wenn dann die Spieler in den Kabinen verschwinden, wird sie wieder den Kameramann hinterherschicken. Wie beim letzten Playoff-Final, als sie sagte: «Ich in der Mitte und um mich herum 25 schwitzende Männer? Ui, nei! Da gehöre ich nicht hin.»

«Jetzt erst recht»

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Steffi Buchli bewegt: da die raue Eishockey-Welt, hier die glamourösen Gala-Auftritte, da die Sportberichterstattung, dort das Infotainment. Nachdem der «Blick» sich tagelang mit der Frisur beschäftigt hatte, die sie sich für die Sports Awards zugelegt hatte, dachte sie sich «Jetzt erst recht» und eröffnete auf Instagram ein persönliches Fotoalbum. Sie nennt es Lookbookli. Dort zeigt sie Bilder ihrer diversen Outfits, tollkühne Highheels und enge Hosen mit Zebrastreifen, knallige Pullis und zahlreiche Mützen, Schnappschüsse aus dem Alltag, buntes Allerlei. Irgendwo dazwischen das Fotos eines Spruchs: «Don’t worry about those who talk behind your back, they’re behind you for a reason!» Auf Deutsch: Kümmere dich nicht um diejenigen, die hinter deinem Rücken über dich sprechen, sie sind aus gutem Grund hinter dir.

Barbara Loop

Die Lifestyle-Redaktorin interessiert sich für den Stoff, der die Gesellschaft warm und bei Laune hält. Sie schreibt über Mode, ihre Ikonen und ihre Industrie.

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