Interview Anton Corbijn

«Fotografieren überlässt die Leute ihrer Vorstellungskraft»

Anton Corbijn gehört zu den bekanntesten Fotografen der Welt. In wenigen Tagen gastiert der Niederländer an der Werkschau Photo 17 in Zürich. Wir haben nachgefragt, warum er nicht Musiker geworden ist und was ihm an Instagram gefällt.

  • Die Band U2, fotografiert von Anton Corbijn

Es gibt kaum einen Star der Pop- und Rockgeschichte unserer Zeit, der nicht vor der Kameralinse des niederländischen Fotografen Anton Corbijn gestanden ist: die Rolling Stones, Tom Waits, David Bowie, Frank Sinatra, Nick Cave und Nirvana, um nur einige zu nennen. 

Der 61-Jährige blickt auf eine Karriere zurück, die seit über 40 Jahren andauert und mit einem Foto eines kleinen Konzerts in einem holländischen Vorort begann. Heute zählt er zu den Legenden in seiner Branche. Weltweiten Erfolg brachten Corbijn seine Arbeiten für die Bands U2 und Depeche Mode, für die er seit über 30 Jahren als Art Director arbeitet und so nicht nur den Look der Musikvideos, sondern den gesamten visuellen Auftritt – Bühnenbilder, Konzertfilme und Albumcovers – der Musiker entscheidend prägt. 

Obwohl Corbijns Arbeiten ihm den Ruf als weltbestem Musikfotografen einbrachten, beschränkt sich der Niederländer nicht nur darauf: Sein erster Kinofilm «Control», der die Geschichte von Joy Division-Frontmann Ian Curtis erzählt, erschien 2007 und wurde unter anderem an den Filmfestspielen in Cannes als bester europäischer Film ausgezeichnet. Auch bei den Spielfilmen «A Most Wanted Man» mit Philip Seymour Hoffman und «Life», der Verfilmung der Freundschaft zwischen James Dean und dem Fotografen Dennis Stock, führte Corbijn Regie.

Grund genug also, die Ikone an die Photo 17, die grösste Werkschau für Schweizer Fotografie, einzuladen. Im Januar gastiert Corbijn in der Zürcher Maag-Halle und reflektiert sein bewegtes Leben als Fotograf. Wir haben mit dem 61-Jährigen darüber gesprochen, wie er zur Fotografie kam und was die Geschichte hinter seinem Lieblingsfoto ist.

annabelle.ch: Anton Corbijn, Sie gehören zu den bekanntesten Musikfotografen der Welt. Wollten Sie schon immer Fotograf werden?
Anton Corbijn: Nicht direkt. Ich wuchs auf einer holländischen Insel auf, und als die Beatles in den Sechzigern aufkamen, hatte ich das Gefühl, alles Spannende findet abseits dieser Insel statt. Diese Welt hat mich angezogen, schien aber immer so weit weg. Mir gefiel die Idee, Teil dieser Musikwelt zu sein. Eigentlich hatte ich mich nicht sehr für Fotografie interessiert, aber durch die Kamera hatte ich eine Möglichkeit, an all diese Künstler heranzukommen. Mich haben schon immer Menschen interessiert, die kreativ sind – ich habe ja später meinen fotografischen Horizont erweitert und ab den Siebzigerjahren unter anderem auch Schauspielerinnen und Schauspieler, Künstler oder Regisseure abgelichtet.

Warum wurden Sie dann nicht selber Musiker?
Ich glaube, ich wäre kein guter Musiker. Ausserdem war ich als junger Mann sehr schüchtern, selber im Rampenlicht zu stehen, war also nicht wirklich mein Ding. In den Neunzigern bin ich zweimal als Schlagzeuger von Depeche Mode im englischen Fernsehen aufgetreten, aber dabei ist es dann auch geblieben.

Die ersten Fotos von Ihnen, die veröffentlicht wurden und Ihnen mit 19 Jahren bereits viel Aufmerksamkeit als Konzertfotograf einbrachten, waren Aufnahmen des niederländischen Musikers Herman Brood. Wie kamen Sie dazu?
Die Leute machen da ein viel zu grosses Ding draus. Ich habe Herman kennen gelernt, als er in einer sehr kleinen Bar in einem holländischen Vorort – da waren vielleicht dreissig Leute – mit einer kleinen Band Piano spielte. Das war im Jahr 1973, es gab noch praktisch keine Regeln, wie sich Fotografen an Konzerten zu verhalten haben. Jeder hätte an diesem Konzert ein Foto von ihm machen können.

Die Liste der Stars, die vor Ihrer Linse posierten, ist lang und beeindruckend: von Musikern wie Tom Waits, die Rolling Stones, David Bowie über die Schauspielerin Isabella Rossellini bis zum US-Topmodel Christy Turlington. Machte Sie das anfangs nicht nervös?
Naja, ich habe ja meine Karriere nicht mit Bildern von Mick Jagger begonnen, sondern allmählich aufgebaut. Aber natürlich war ich anfangs nervös. Vor allem hatte ich Angst, Fehler zu machen. Dazu kam, dass ich während eines Shootings nie wirklich viele Bilder machte – auch weil die Entwicklungskosten im analogen Zeitalter der Fotografie sehr hoch waren. Wenn ich mir heute alte Filme von mir anschaue, sind da manchmal Aufnahmen von vier verschiedenen Leuten auf einer Filmrolle drauf. Da war also schon ein gewisser Druck da.

Ihr erster Kinofilm war «Control», die Verfilmung des Lebens von Joy-Division-Frontmann Ian Curtis. Warum haben Sie ihn ausgewählt?
Mir haben immer alle aus meinem Umfeld gesagt, ich solle Filme machen. Ich fand das anfangs keine gute Idee. Ich kannte mich ja, und ich dachte, das kriege ich nicht hin, ich wüsste nicht, wie. Mir haben die Leute auch immer wieder Drehbücher geschickt, die ich verfilmen sollte, ganze 14 Jahre lang. Aber bei keinem hatte ich das Gefühl, dass ich der passende Regisseur sein könnte. Die Geschichte von Ian Curtis hatte für mich aber einen emotionalen Wert, weil ich ihn selber kannte: Mit 24 bin ich nach England gezogen und habe dann angefangen, mit Ian zusammenzuarbeiten. Als ich das Drehbuch bekam, war für mich klar: Weil ich einen emotionalen Zugang zu der Geschichte habe, kann ich bei diesem Film Regie führen.

Einige der Musiker, die Sie über die Jahre porträtiert haben, lebten einen Rock’n’Roll-Lifestyle und standen öffentlich zu ihrem Drogenkonsum. Wie haben Sie sich von diesem Lebensstil abgegrenzt?
Ich war ja nicht ständig umgeben von Leuten, die Drogen nehmen. Und ich hatte nie das Bedürfnis, die Kontrolle zu verlieren oder mir eine Injektionsnadel in den Arm zu stechen.Wenn man in den Siebzigerjahren in Holland aufwächst, ist es schwierig, keine Joints zu rauchen. Aber mehr als das hat mich schlichtweg nicht gereizt.

Sie fotografieren noch immer analog, haben aber seit über einem Jahr auch einen Instagram-Account. Was gefällt Ihnen daran?
Am Fotografieren mit dem iPhone mag ich die Unmittelbarkeit, ich benutze mein Smartphone praktisch nur dazu.

An der Photo 17 in Zürich sind Sie als Gast eingeladen, was werden Sie erzählen?
Ich werde nicht erklären, wie ich meine Fotos mache, sondern generell über das Fotografieren sprechen. Fotografieren überlässt die Leute ihrer Vorstellungskraft: Was passierte vor und nach dem Abdrücken? Was ist die Geschichte dahinter? All diese Dinge kann man sich selber ausdenken, wenn man ein Foto anschaut – und es spielt keine Rolle, ob es stimmt oder nicht. Wenn ich als Fotograf die Geschichte dahinter erzählen würde, ist diese Kraft weg.

Sie sind seit über 40 Jahren als Fotograf tätig. Wenn Sie sich für ein Lieblingsbild entscheiden müssten, welches wäre das?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt dieses eine Bild von U2, das ich für ihr Album «The Joshua Tree» aufgenommen habe. Die Band steht nahe an der Linse, und in der Ferne sieht man einen Baum. Für dieses Foto habe ich eine Kamera benutzt, die ich vorher noch nie ausprobiert habe, weshalb ich nicht wusste, wie ich richtig fokussiere. Darum ist die Band auf dem Foto eher unscharf, der Baum dafür im Fokus. Die Erde sieht aus wie ein Halbmond, und links unten im Bild sieht man Teile meiner Ausrüstung. Diese Imperfektion sieht man immer wieder in meinen Arbeiten, das mag ich sehr. Das Foto lebt, es atmet.

Woran arbeiten Sie momentan?
An einem neuen Musikvideo und am Art Work für das nächste Album von Depeche Mode, für die ich auch das Bühnendesign für die nächste Tour ausarbeite. Ich arbeite ausserdem an neuen Sachen für Arcade Fire und U2 und an einem neuen Film. Kein Kinofilm, sondern ein Teil einer TV-Serie.

Anton Corbijn (links) mit Win Butler, Frontmann der Band Arcade Fire

– Photo 17, 6. bis 10. Januar 2017, Maag-Halle, Zürich, 11 bis 20 Uhr; photoForum mit Anton Corbijn am Sonntag, 8. Januar, 15.30 Uhr, mehr Infos auf photo-schweiz.ch

Interview: Miriam Suter; Fotos: Anton Corbijn, Instagram / antoncorbijn4real

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

Alle Beiträge von Miriam Suter

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox