Interview mit Regisseurin Léa Pool

«Ich will den Kindern eine Stimme geben»

Die schweizerisch-kanadische Regisseurin Léa Pool porträtiert in ihrem neuen Dokfilm «Double peine» inhaftierte Mütter und ihre Kinder in Bolivien, Nepal, Québec und den USA. Wir haben mit der 66-Jährigen darüber gesprochen, was sich am Justizsystem ändern muss und warum sie den Film nicht in der Schweiz gedreht hat.

e
f

Léa Pool wuchs in Lausanne auf und produziert seit 1978 Kinofilme. Zu ihren grössten Erfolgen zählt das Teenagerdrama «Emporte-moi» und die dramatische Komödie «Maman est chez le coiffeur» 

Klare Trennung: In Nepal sehen die Kinder ihre Mütter nur hinter Gitterstäben

In den USA können inhaftierte Mütter eine sogenannte Elternausbildung machen. Für die Abschlusszeremonie werden die Kinder eingeflogen – manche haben ihre Mütter seit sieben Jahren nicht gesehen

Wenn Mütter ins Gefängnis kommen, leiden ihre Kinder nicht nur darunter, oft werden sie mitbestraft: Von der Gesellschaft geächtet, vom Justizsystem nicht genügend aufgefangen, vom Vater verlassen. Die Regisseurin Léa Pool erzählt in ihrem neuen Dokfilm von diesen Schicksalen. Der Film lässt aber auch die Mütter und Sozialarbeiterinnen, die sich um die Kinder kümmern, zu Wort kommen.

In den USA etwa sitzt die Mutter der 15-jährigen Andrea eine langjährige Haftstrafe nahe der kanadischen Grenze ab. Andrea selbst lebt in New York und sieht ihre Mutter regelmässig – per Videokonferenz. In Québec kämpfen die Geschwister Karolyne-Joanny (9) und Audrey-Kym (8) mit ambivalenten Gefühlen aufgrund der Haft ihrer Mutter. Diese sitzt wegen Diebstahls hinter Gittern und steht kurz vor der Entlassung. Bei jedem Treffen gibts ein bisschen Schimpfe der älteren Tochter, gleichzeitig planen beide Mädchen schon, was sie anstellen wollen, wenn ihre Mutter wieder in Freiheit ist.

Der 8-jährige Isaac lebt in Bolivien tagsüber in einem Heim für Kinder von inhaftierten Müttern. Die Nächte hingegen verbringt er bei seiner Mama im Gefängnis. Im Gegensatz zur 14-jährigen Allison sieht Isaac seine Mutter so täglich. Das Teenagermädchen hingegen verbringt nur die Wochenenden mit seiner Mutter und leidet unter der Trennung.

Léa Pool zeichnet mit ihrem Film ein feinfühliges Bild der Gefühlswelt der Kinder und ihrer Mütter. Neben den Porträts zeigt Léa Pool, wie lückenhaft die Justizsysteme in den jeweiligen Ländern noch immer sind, wenn es um Kinder von inhaftierten Müttern geht. Der Film wird somit zum Sprachrohr dieser Kinder – und ein gefühlvolles Manifest für ihre Rechte.

annabelle.ch: Léa Pool, der Film porträtiert Kinder und ihre Mütter in Nepal, Québec, Bolivien und den USA – warum nicht in der Schweiz?
Léa Pool: Weil es schlichtweg unmöglich war, in einem Schweizer Gefängnis zu filmen. Es war wahnsinnig schwierig, überhaupt eine Drehgenehmigung zu erhalten. Ausserdem hätten wir die Gesichter der Kinder unkenntlich machen müssen. Und das ist das Gegenteil von dem, was ich mit dem Film erreichen will.

Was ist denn die Botschaft des Films?
Ich will den Kindern eine Stimme geben. Ihnen einen Platz geben und zeigen, dass sie sich nicht schämen oder verstecken müssen. Und ich versuche aufzuzeigen, dass grosse Missstände bestehen. Viele Kinder von inhaftierten Müttern werden allein gelassen mit der Situation. Das Problem ist, dass man eine Mutter, die ins Gefängnis muss, nicht gleich behandeln kann wie einen Vater.

Wie meinen Sie das?
Ich habe während der Recherchen und der Dreharbeiten gemerkt, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen Müttern und Vätern, die zurückbleiben, wenn der Partner oder die Partnerin inhaftiert wird: Geht der Vater ins Gefängnis, bleiben die Mütter bei den Kindern zuhause und sorgen weiterhin für sie, gehen den Vater besuchen und so weiter. Plakativ formuliert: Geht die Mutter ins Gefängnis, verschwinden die Väter und lassen die Kinder allein. Je nach Land kommen die Kinder dann in ein Heim oder bleiben sogar bei den Müttern im Gefängnis. Das führt dazu, dass sie sich mitschuldig fühlen. Und das fällt auch auf die Mutter zurück, die gleichzeitig den Schmerz der Inhaftierung trägt und die Sorge um ihr Kind. Darum habe ich den Film «Double peine», Doppelter Schmerz, genannt.

Welche Herausforderungen gab es während des Drehs?
Zum einen ist es sehr schwierig, mit einem Filmteam Zutritt zu einem Gefängnis zu bekommen. Wir haben im Durchschnitt ein Jahr daran gearbeitet, bloss eine Drehgenehmigung zu erhalten. Und dann war es meistens so, dass wir eine Stunde Drehzeit bekamen, um die Kinder mit den Müttern im Gefängnis zu filmen. Das ist nicht viel. Wir haben deshalb auch praktisch das ganze Material für den Film verwendet. Im Film sieht man den 8-jährigen Isaac, der tagsüber in einem Hort für die Kinder inhaftierter Mütter lebt und abends wieder zu ihr ins Gefängnis zurückkehrt. Während der Dreharbeiten haben die anderen Mütter im Gefängnis eine Sitzung einberufen und beschlossen, dass sie nicht mitgefilmt werden wollen, weil sie anonym bleiben möchten. Das habe ich natürlich verstanden, es hat die Situation aber nicht einfacher gemacht.

Im Film sieht man vom Kleinkind bis zum Teenager alle Altersstufen. Welches sind jeweils die grössten Probleme?
Eines haben alle gemeinsam: Sie vermissen ihre Mütter. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Für Mädchen im Teenageralter ist es zum Beispiel wichtig, dass sie sich mit ihren Mütter über Themen austauschen können, die sie als weibliche Teenies beschäftigen. Egal, ob schwerwiegend oder nicht. Es gibt eine Szene im Film, in der man das gut sieht. Andrea ist 15 Jahre alt, ihre Mutter sitzt in der Nähe der kanadischen Grenze im Gefängnis, sie selbst lebt in New York. Das US-Gesetz erlaubt es den beiden, sich regelmässig per Videokonferenz zu unterhalten.

Und worüber spricht Andrea mit ihrer Mutter zum Beispiel?
Über Lippenstift! Das war erfrischend und schön zu sehen, dass so zumindest ein bisschen Normalität erhalten wird. Die kleineren Kinder hingegen vermissen jemanden, der auf sie aufpasst und ihnen eine Routine gibt.

Verstehen kleine Kinder, warum ihre Mütter im Gefängnis sind?
Ja, die allermeisten verstehen das. Sie erfahren auch immer die wahre Geschichte. Was ich allerdings beobachtet habe: Manche Kinder haben einen sehr starken Beschützerinstinkt. Es gab einen kleinen Bub in Nepal, bei dem in den Gesprächen mit ihm schnell klar wurde, dass er sich als Beschützer der Mutter sieht. Diese Kinder formulieren anders. Sie sagen zum Beispiel: «Die behaupten, meine Mutter habe geklaut und sitze darum im Gefängnis.» Sie knüpfen diese Geschehnisse, die Schuld eher an die Behörden als an ihre Mütter.

Werden die Kinder auch psychologisch betreut?
Das ist sehr unterschiedlich. In Bolivien zum Beispiel gibt es gezielt Therapie für die Mütter im Gefängnis. Die Kinder leben dort in einem Heim, in dem sie jeden Abend den vergangenen Tag reflektieren. Aber da werden eher Dinge besprochen wie «Heute bin ich glücklich, weil die Sonne scheint». Da findet keine wirkliche Aufarbeitung statt. Untereinander sprechen die Kinder aber immer sehr offen miteinander, gerade wenn sie zusammen in einem Heim leben. In der Schweiz sieht das übrigens anders aus. Hier haber ich zwar nicht gedreht, erlebe die Situation aber auch so als sehr vertrackt: Oft wissen nicht einmal die Lehrpersonen, dass die Mutter eines Kinds im Gefängnis sitzt. Dieses Thema wird einfach totgeschwiegen.

Sie haben selber eine Tochter. Was haben die Dreharbeiten bei Ihnen als Mutter ausgelöst?
Ich hatte schon immer eine sehr starke Bindung zu meiner Tochter. Die Arbeit am Film hat diese aber noch verstärkt. Dieses Gefühl, immer für sie da sein zu wollen, spüre ich jetzt noch intensiver als vorher. Meine Tochter ist adoptiert, sie wurde in China geboren. Auch sie ist jetzt nicht mehr bei ihrer leiblichen Mutter und nicht mehr in ihrer Heimat. Ich habe mich während der Dreharbeiten immer wieder gefragt, was sie wohl für ein Mädchen geworden wäre, was für ein Leben sie geführt hätte, wenn ich sie nicht adoptiert hätte.

Die Justizsysteme, nicht nur in den von Ihnen porträtierten Ländern, sind nicht auf Kinder spezialisiert, deren Mütter im Gefängnis sind. Wo sind die grössten Lücken?
Eins haben alle diese Länder gemeinsam: Bei gerichtlichen Entscheidungen wird der Fakt, dass eine Frau Kinder hat, stets aussen vor gelassen. Das ist eine schwierige Diskussion. Frauen begehen in der Tendenz eher Verbrechen wie Diebstähle oder Drogenhandel, gerade in den Ländern, in denen ich gedreht habe. Und das rührt oft daher, dass diese Frauen selber Opfer sind – Opfer der Gesellschaft. Viele von ihnen sind arm und lassen sich zu einer Straftat verführen, weil sie damit etwas verdienen können. Stellen Sie sich vor, Sie sind Mutter und können ihr Kind kaum durchfüttern. Nun kommt jemand mit einem Angebot auf Sie zu: Schmuggel diese Drogen für mich über die Grenze und ich gebe dir dafür genug Geld, um dein Kind ein Jahr lang ernähren zu können. Würden Sie das ablehnen?

Was muss sich ändern?
Eine Mutter, die wegen Diebstahls im Gefängnis sitzt, hat zu mir gesagt: «Warum können sie uns nicht einfach elektronische Fussfesseln anlegen? So könnten wir trotzdem zuhause bei den Kindern bleiben.» Und vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Natürlich ist das keine Universallösung, und ich bin auch dafür, dass man Mörderinnen mit Gefängnis bestraft. Aber man müsste die Frage stellen: Wie gefährlich ist die Frau für die Bevölkerung? Gäbe es auch eine andere Möglichkeit als Haft im Gefängnis? Zudem spielt der Faktor, dass in den entscheidenden Positionen vor allem Männer sitzen, auch eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass die Lage anders wäre, wenn es mehr Frauen in den Regierungen und Gerichten gäbe.

Interview: Miriam Suter

«Double peine» läuft ab dem 13. April im Kino

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

Alle Beiträge von Miriam Suter

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox