40 Jahre im Milieu

Begegnung mit Ex-Stripperin und Schauspielerin Angélique Litzenburger

Redaktion: Yvonne Eisenring

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«Ich spiele doch nur mich selbst»: Angélique Litzenburger in «Party Girl»

Angélique Litzenburger arbeitete 40 Jahre im Milieu, mit Leidenschaft! Ihre Kinder haben daraus einen Film gemacht. Jetzt ist die Ex-Stripperin ein Schauspielstar – und muss wach sein, wenns hell ist.

Den Tag lernt sie erst gerade kennen. Bisher hat er sie wenig interessiert. Sie lebte für die Nacht. Arbeitete, wenn alle schliefen. Dunkel fand sie die Dunkelheit nie. Angélique Litzenburger ist 64 Jahre alt. Die letzten vierzig Jahre verbrachte sie im Rotlichtmilieu, war erst Stripteasetänzerin, dann Bardame. «Ich bin wie ein Falter, der immer um das Licht kreist, das rote Licht. Es zieht mich magisch an.» Angélique Litzenburger spricht mal deutsch, mal französisch, wild durcheinander. Sie wohnt im französischen Städtchen Forbach, unweit der Grenze zu Deutschland. Ihre kleine Wohnung ist üppig dekoriert, an den Wänden hängen überbelichtete Fotos von Las Vegas. Im Badezimmer stehen Elvis-Figuren, der WC-Deckel ist aus Leder, wenn man ihn aufklappt, zeigt er die New Yorker Skyline. In Amerika war Angélique Litzenburger noch nie. Sie entschuldigt sich, dass sie keinen Kuchen zum Kaffee servieren kann, wirkt unruhig, aufgekratzt. Die letzten Monate waren hektisch, alles sei jetzt anders. Kaum hat sie sich an den Küchentisch gesetzt, steht sie wieder auf, verschwindet im Wohnzimmer. Sie bringt drei selbst gebastelte Bilderrahmen mit kleinen Schwarzweissfotos darin: Angélique in früheren Jahren. Sie war eine sehr schöne Frau, hatte gelockte braune Haare, eine zierliche Figur und grosse hellblaue Augen. «Angélique la belle» wurde sie genannt.

Die Presse feiert sie

Jetzt ist sie nur noch Angélique, Angélique Litzenburger, wobei «nur» zu kurz gegriffen wäre, denn heute, mit 64 Jahren, ist Angélique ein Filmstar. Statt kleine Cabarets füllt sie Kinosäle. Als wolle sie dies beweisen, verschwindet sie erneut im Wohnzimmer und kehrt mit einem dicken Ordner zurück. Interviews, Texte, Fotos, alles fein säuberlich gesammelt, alles aus den letzten Monaten. Angélique Litzenburger wird von der Presse gefeiert, ihr Filmdebüt auf der Leinwand wurde mehrfach ausgezeichnet. «Dabei spiele ich doch nur mich selbst», sagt sie fast entschuldigend.

Jetzt kommt «Party Girl» in die Schweiz. Der Film erzählt die Geschichte einer alternden Stripteasetänzerin, die ihr Leben im Milieu verbrachte und nun den Ausstieg schaffen will, indem sie einem langjährigen Klienten das Ja-Wort gibt. Ihre vier Kinder hoffen, dass Maman dank der Hochzeit zur Ruhe kommt, und helfen tatkräftig bei den Vorbereitungen mit. Schnell wird klar: «Party Girl» ist Angéliques Geschichte, und selbst die Kinder im Film sind im realen Leben ihre eigenen. Abgesehen von Joseph Bour, der im Film den Verlobten mimt, spielen alle Protagonisten sich selbst. Geschrieben und co-realisiert wurde der Film von ihrem Sohn Samuel Theis. Der 37-Jährige war es, der seine Mutter vor die Kamera holte. Er wollte die letzten Jahre, die ewige Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit seiner Mutter zum Thema machen. Die Faszination für das Leben seiner Mutter ist verständlich, ihre Biografie ist filmreif:

Angélique Litzenburger, geboren 1951 in Lothringen, arbeitet als Kindergärtnerin, ehe sie mit Anfang zwanzig ihren Job an den Nagel hängt und mit ihrer Mutter nach Saarbrücken zieht. Nach wenigen Wochen als Servicemitarbeiterin in einer Diskothek wird sie abgeworben. Zwei Männer versprechen ihr das grosse Geld, sie sei doch jung und schön. Angélique wird Stripteasetänzerin. «Was ich machte, war kein billiger Tabledance. Das können ja alle! An der Stange rauf- und wieder runterkrabbeln. Ich war noch eine richtige Tänzerin, eine Künstlerin, ein Profi.» Sie habe Choreografien einstudiert, Kostüme genäht, hinter einem guten Striptease stecke hartes Training. Wenn sie vorzeigt, wie sie getanzt hat, erinnern ihre Handbewegungen an orientalische Tänze, scheppern unzählige Armreife.

Whiskey gegen die Nervosität

Angélique tanzt durch die Cabarets, tourt durch Europa, am liebsten tritt sie in Deutschland auf. Die Gage ist da am höchsten, es gibt 190 Mark pro Abend. Viermal muss sie dafür ihre zwanzigminütige Show zeigen. Sie geniesst es, liebt die bewundernden Blicke der Männer, die Nervosität bekämpft sie mit Whiskey. Jeden Abend leert sie zuerst eine halbe Flasche. Zwischen den Auftritten trinkt sie weiter, bessert so ihren Lohn auf – «Flaschen ziehen» heisst das im Fachjargon: Ein Kunde spendiert einer Bardame oder Tänzerin eine Flasche Champagner, als Gegenleistung bekommt er Zuwendung, vielleicht ein paar Streicheleinheiten, selten Küsse. Mehr liegt nicht drin. «Dass es nur um Sex geht, ist ein Irrtum. Ich zum Beispiel schlief nie mit diesen Männern», beteuert Angélique immer wieder. Zwischen 100 und 500 Mark kostet die Flasche Champagner, 25 bis 50 Prozent landen auf dem Konto der Frau. Dafür muss sie viel trinken. «Ich war immer besoffen, obwohl ich wie die anderen Mädchen einen Grossteil des Champagners wegkippte. Deshalb hat es in den Bars überall Teppichboden, damit man das Plätschern nicht hört.» Angélique wird Alkoholikerin, landet einmal mit einer Alkoholvergiftung im Spital, einmal fällt sie ins Koma. Erst mit sechzig macht sie einen Entzug. Wegen der Dreharbeiten. Zwei Monate lang stand sie für «Party Girl» vor der Kamera. Ihre vier Kinder ebenfalls. Sie sagten sofort zu, als ihr Bruder Samuel anfragte, ob sie mitspielen würden.

«Ich bin stolz, wenn man sagt, ich sei wie du. Für mich ist das ein Kompliment», sagt ihre Tochter Séverine in einer Szene während des Hochzeitessens. Es sei erstaunlich, aber ihre Kinder hätten ihr nie Vorwürfe gemacht, erzählt Angélique. Nie hätten sie sich beschwert, dass Maman nicht in die klassische Mutterrolle schlüpfen wollte. Angélique war zwar immer bei ihren Kindern, aber miterlebt, wie sie aufwuchsen, hat sie nicht. Sie war 26, als ihr erstes Kind Mario zur Welt kam, ein Jahr später war sie mit Samuel schwanger. Mit dem Vater der beiden Söhne war sie verheiratet, gehalten hat die Ehe jedoch nicht lange. «Ich verliebe mich sehr schnell. Und ich entliebe mich noch schneller.» Die zweite Ehe hielt immerhin sieben Jahre, aus ihr stammt Tochter Séverine. Dem Milieu den Rücken gekehrt hat Angélique nie. Ihre Mutter erzog die Kinder und führte den Haushalt, Angélique brachte das Geld nachhause. Dass über sie im Dorf gelästert wurde, störte sie nicht. Mit vierzig wurde sie, nach einem flüchtigen Abenteuer mit einem Musiker, zum vierten Mal schwanger. Sie tanzte noch im sechsten Monat an der Stange, bezirzte und feierte, einzig auf harten Alkohol verzichtete sie. Schliesslich kam Cynthia zur Welt, noch immer ein wunder Punkt in Angéliques Leben: Die Behörden entzogen ihr das Sorgerecht, und Cynthia wuchs bei Pflegeeltern auf. Leute aus dem Dorf hätten sie verpfiffen, weil sie sich daran störten, dass sie nachts durch die Cabarets tanzte, sagt Angélique. Acht Jahre lang sah sie ihre jüngste Tochter nicht. Deshalb habe sie auch ein drittes Mal geheiratet, obwohl sie gar nicht verliebt war: um ihre Familie für die Hochzeit zusammenzubringen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung.

Ein neuer Rhythmus

Heute hat Angélique zu allen Kindern einen engen Kontakt. Ihre drei Enkel, Séverines Kinder, hütet sie regelmässig. Die 23-jährige Cynthia wird ebenfalls bald Mutter und ist in ihre Nähe gezogen. Sohn Mario übernachtet hie und da bei ihr. Am weitesten weg, weil in Paris wohnhaft, aber doch am nächsten sei ihr Samuel, der Regisseur des Films. Er war das einzige Kind, das seiner Mutter manchmal mit Kollegen in der Bareinen Besuch abstattete. Als er ein Teenager war, wechselte Angélique von der Bühne hinter die Theke. Sie wurde eine Mutterfigur für die jungen Tänzerinnen, gab Tipps und umsorgte sie. Sie würde immer noch in den Bars arbeiten, wenn sich die Szene nicht so stark verändert hätte. Und wenn ihr Leben nicht komplett anders wäre: Sie reist an Filmfestivals, gibt Interviews und bekommt Angebote für Rollen. Nur noch einmal pro Woche geht sie in Bars, tanzt, flirtet. Séverine begleitet sie dabei. Das Nachtleben sei eine Sucht. Sie lechzt nach Bewunderung, braucht das Gefühl, begehrt zu werden. Sie fühle sich kein bisschen alt. «Ich habe immer noch Erfolg bei Männern», sagt sie. Mit Ehemann Nummer drei hat sie es knapp ein Jahr lang ausgehalten, heute ist sie wieder Single. Das ruhige Leben sei nichts für sie. Wegen all der Termine, die sie wegen des Films einhalten muss, ist sie dennoch gezwungen, ein geregeltes Leben zu führen. Sie muss sich dem Rhythmus der anderen anpassen, muss wach sein, wenn es hell ist. Leicht fällt ihr das nicht. Sie könne oft nicht einschlafen, sei nicht müde, wenn es Zeit wäre, ins Bett zu gehen. «Ich habe ein Leben lang für die Nacht gelebt, ich muss mich erst an den Tag gewöhnen», sagt sie.

— Ab 26. 3.: «Party Girl» von Samuel Theis, Marie Amachoukeli und Claire Burger. Der erste Film des jungen Regisseurentrios wurde 2014 in Cannes mehrfach ausgezeichnet

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