Kino

Das berauschende Leben der Lady Shiva

Text: Aleksandra Hiltmann

Lady Shiva Kino
  • Ikone des Zürcher Nachtlebens:

    Irene Staub hat als Lady Shiva mit David Bowie gefeiert, von Mick Jagger fünfzige Rosen geschenkt bekommen und Frederico Fellini begeistert.

Lady Shiva war mehr als nur die «berühmteste Prostituierte Zürichs». Sie wurde gefeiert als glühende Erscheinung. Das zeigt der neue Dokumentarfilm von Gabriel Baur. Doch auf der Leinwand mag der Funke nicht so recht überspringen.

«Glow» ist eine Reise durch das aufregende, aufreibende Leben der Lady Shiva alias Irene Staub. Im biederen Zürich der 70er- und 80er Jahre stand sie als Ikone dieser Zeit für eine Künstlerszene, die wild, mutig, laut und schrill war. Irene war Model für ein Schweizer Designlabel mit Pionierstatus, Muse internationaler Rockstars, Schauspielerin, Sängerin und Prostituierte. Männer zog es zu ihr wie die Motten zum Licht. Frauen erlagen gleichermassen der einzigartigen Ausstrahlung von Irene. Im Dokumentarfilm «Glow» erzählen damalige Weggefährten, wie es war, mit Irene durch diese Zeit zu rauschen. Sie öffnen der Filmemacherin Gabriel Baur ihre privaten Fotoalben. Bilder von zeitloser Schönheit wechseln sich ab mit Zeugnissen ausschweifender Nächte. Bisher teilweise unveröffentlichtes Archivmaterial gewährt weitere Einblicke in das wilde Sein und Schaffen der Lady Shiva, das nicht spurlos an ihr vorbeiging. Irene taumelte zwischen Erfolg, Freiheit und Selbstzerstörung. Mehrere Drogenentzüge hatte sie bereits hinter sich, als sie beschloss, weit weg von Zürich ein neues Leben anzufangen, mit einer neuen Liebe. Sie sollte ihr Glück nicht finden. 1989 starb sie unter bis heute ungeklärten Umständen bei einem Motorradunfall in Thailand.

In Gabriel Baurs Film kommt Irene Staub scheinbar aus dem Nichts auf die Leinwand. Sie hat keine Vergangenheit, lebt nur im jetzt. Das kommt «Glow» gleichermassen zugute wie es einen etwas orientierungslosen Beigeschmack hinterlässt. Der Film sei kein klassisches Portrait, eher eine Annäherung, sagte Baur anlässlich der Vorpremiere in Zürich. Irene habe viele Identitäten gehabt und viele parallele Leben. Auch die interviewten Weggefährten zeichnen in «Glow« ein bewegtes Bild von Irene Staub, sprechen neben ihrer ungebremsten Kraft auch über ihre nachdenkliche, tiefgründig Seite. Der Zuschauer kann diese Tiefe indes nur erahnen. «Glow» wirkt wie ein Bild von Irene für Freunde, in welchem sich Aussenstehende fremd fühlen. Viele Interviewpassagen sind langatmig und mangeln an Aussagekraft. Und wenn Boris Blank von Yello Irene sängerisches Talent attestiert, mag man das aufgrund der gezeigten Filmaufnahmen nicht so richtig ernst nehmen. Meistens sieht man Irene und ihre Bandkollegen im Rausch. Dieser hat ihnen oft den klaren Verstand und auch die klaren Worte geraubt. Wahre Zerbrechlichkeit blitzt selten durch, von Glut ist wenig zu spüren.

Zu den spannendsten Figuren, die sich in «Glow» an Irene erinnern, gehört die wunderbare Zürcher Mode-Pionierin Ursula Rodel. Leider bietet der Film kaum Einblicke in die Rahmenbedingungen, unter welchen Rodel ihr Label «Thema Selection» mit Irene Staub als Model gross gemacht hat. Erst bei der Podiumsdiskussion nach der Vorpremiere hob sie den Pioniergeist der Mode in der damaligen Zeit klarer hervor. «Erotik in der Mode ist für mich selbstverständlich, sie war die Basis meines Schaffens, sie war essenziell,» sagte Rodel. «Heute ist die Erotik zu etwas Oberflächlichem und Unbedeutendem verkommen.» Diese Aussagen unterstreichen die bedeutende Rolle von Irene, die dieses modische Understatement hinaus auf die Strassen des biederen Zürichs und weit darüber hinaus trug.

Unvollständig wirkt auch der Blick auf Irenes Arbeit als Prostituierte. Fotos zeigen eine selbstbestimmte Frau im wehenden Mantel und in Strapsen, die an der Schoffelgasse steht und mit Freiern umspringt, als würden sie ihr und nicht sie ihnen gehören. Sie erzählt, wie sie einen Uniprofessor durch ihre Wohnung jagt. Er verkleidet auf allen Vieren, sie mit den Manieren einer Domina ihm hinterher. Manchmal rede sie auch nur mit den Männern. Doch «Glow» verschweigt, dass Staubs Arbeit als Domina auch dazu diente, weniger Sex mit Freiern haben zu müssen. Dies gehe aus ihren Tagebüchern hervor, berichtete die NZZ vor einigen Jahren. Ebenso spart der Film die Tatsache aus, dass Irene Mutter war – der Vater des Kindes war ihr erster Zuhälter. Ihr Film sei aus dem Material herausgearbeitet, nicht strikt linear, beschreibt Gabriel Baur ihr Vorgehen. Eine Herausforderung sei gewesen, sich nicht in der Vielfalt und Unmenge an Material und Personen zu verlieren. Das ist nachvollziehbar, doch «Glow» hinterlässt – trotz spannender Archivaufnahmen – den Eindruck, dass die Filmemacherin gerade diese Herausforderung nicht ganz zu meistern vermochte. Immerhin wird sie damit Irene Staub gerecht – auch sie war nebst einer unglaublichen Bereicherung ebenso eine Herausforderung für sich selbst, ihre Zeit und ihr Umfeld. Soviel ist einem beim Verlassen des Kinos klar.

– Der Film «Glow» von Gabriel Baur mit Irene Staub/ Lady Shiva, Ursula Rodel, Tabea Blumenschein, Frederico Emanuel Pfaffen, Karl Lienert, Christoph Müller, Boris Blank und Isabella Glückler läuft jetzt in den Schweizer Kinos. 

Aleksandra Hiltmann ,
Reportagepraktikantin
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