Interview mit der Schweizer Schauspielerin

Ella Rumpf als Elternschreck

Text: Sven Broder; Fotos: Pathé Films

  • Ab April im Kino: Ella Rumpf als «Tiger Girl»

In ihrem neuen Film «Tiger Girl» spielt die Zürcherin Ella Rumpf erneut einen jungen Outlaw – und ist darin schon wieder eine Wucht.

Mit 21 Jahren und noch weit von einem eigenen Kind entfernt, ist Ella Rumpf nicht unbedingt prädestiniert dafür, einem dreifachen Vater wie mir Erziehungstipps zu geben. Zumal ihre oberste Erziehungsmaxime «Haltung zeigen. Haltung weitergeben» auch nicht besonders revolutionär anmutet – zumindest nicht auf Anhieb. Warum ich ihr trotzdem an den Lippen hänge, während wir in einem Café in Berlin-Neukölln auf einem ausgeleierten Federkernsofa Schulter an Schulter übers Erwachsenwerden reden und an einem heissen Aufgussgetränk nippen – sie Lindenblütentee, ich fancy libanesische Kräutermischung mit Milch und Honig –, liegt daran, dass ich sie gut finde. Irgendwie. Oder aus der Warte des Vaters gesprochen, der das Ergebnis seiner eigenen Erziehung noch nicht abzuschätzen vermag, weil die Kinder noch zu jung sind für ein ehrliches Fazit: Gut herausgekommen, diese Ella.

Dies – das sollte man an dieser Stelle wohl offenlegen – ist in meinem Fall insofern von besonderer Bedeutung, weil Ella im gleichen Zürcher Stadtquartier gross geworden ist, in welchem auch meine Kinder aufwachsen (Oberstrass), dieselben Hotspots besucht hat (Letten, Langstrasse) und genauso verdächtig mit den Augen rollt wie mein Teenager zuhause, wenn das Stichwort Stolze fällt; das grösste Gratis-Openair der Stadt, wo sich die Quartierjugend – so zumindest geht die Legende unter uns Erwachsenen – ihre ersten kleineren und grösseren Einträge ins Jugendsündenregister abholt: erster Zungenkuss, erstes Bier, erster Joint.

Dass Ella Rumpf ein durchaus passables Role Model für meine Kinder abgeben würde, dachte ich in Ansätzen bereits, als ich sie zum ersten Mal traf. Das war vor rund drei Jahren. Ella Rumpf, damals 18 und eben allein nach London gezogen, um die Schauspielschule zu absolvieren, war zurück in Zürich, um für den Film «Chrieg» die Werbetrommel zu rühren. «Chrieg», ein raues Coming-of-Age-Drama, war eine bildgewaltige Arschbombe vor den Bug eines jeden überambitionierten Erziehungsberechtigten. Drei sogenannte Problemjugendliche werden auf eine Alp verbannt, um fern von Elternhaus und Peergroup sozial verträglich nachjustiert zu werden. Das Vorhaben scheitert gründlich, die drei Kids übernehmen auf dem Berg die Macht und fallen wie ein Rudel wütender Jungwölfe über Stadt, Land und Leute her. Ella Rumpf spielte Ali, ein Mädchen ohne weibliche Attitüde, kahl geschoren, wortkarg, breitbeinig, promille- und drogenerprobt. Es war ihre erste grosse Rolle, und sie brachte ihr auf Anhieb eine Nomination für den Schweizer Filmpreis als Beste Nebendarstellerin ein.

Ella Rumpf mimte das haltlose, tieftraurige und auf Widerstand gebürstete Teenagergirl derart realistisch, dass ich mir insgeheim und auch ein wenig väterlich beunruhigt eingebildet hatte, dieses Schauspielern komme nicht von ungefähr beziehungsweise sei zu gut, um nur gespielt zu sein. Doch dann sass mir in dieser Bar das pure Gegenteil davon gegenüber. Eine junge Frau; nett, lustig, sympathisch. Ein wenig zerzaust vielleicht, flatterhaft in Wort und Gedanken, aber vom Leben so positiv aufgequirlt, dass meine Bedenken augenblicklich verflogen. Nun ja, fast. Denn so ganz nahm ich es ihr nicht ab, als sie mir damals quasi ins Aufnahmegerät schwor, dass sie in London, allein und erstmals fern jeglicher elterlicher Kontrolle, ein gutbürgerliches Teenagerleben führe. Für Partys fehle ihr nicht nur die Zeit und das Geld, sondern auch die Lust – «ganz ehrlich». Ich war deshalb gespannt auf unser Wiedersehen. Auch, weil ich sie – was letztlich auch der Anlass für unsere neuerliche Begegnung war – in ihrer neuen Hauptrolle gesehen hatte; im Film «Tiger Girl» spielt sie die Titelfigur; Tiger, eine so verführerische wie gefährliche Mischung aus Michael Endes Momo und Quentin Tarantinos Black Mamba (Uma Thurman in «Kill Bill»).

Tiger lebt als Outlaw abwechslungsweise in einem ausrangierten Bus oder mit zwei Typen (einmal cooler Verlierer, einmal nur Verlierer) in einer Assi-WG im Dachstock eines Mehrfamilienhauses. Eines Tages trifft Tiger auf Maggi (Maria Dragus), eine auf Anpassung konditionierte, gescheiterte Polizeischülerin: schwach, haltlos, Typ «von Jungs und Leben dauerbepinkeltes Mauerblümchen». Tiger nimmt Maggi unter ihre kräftigen Fittiche, gibt ihr nicht nur Dosenbier und Kampftraining, sondern verpasst ihr auch einen neuen Namen (Vanilla, the Killer) und zwei neue Lebensmottos: 1.) Du musst sagen, was du willst, dann kriegst dus auch. 2.) Höflichkeit ist auch nur eine Form von Gewalt, halt gegen dich selbst. Was in «Tiger Girl» folgt, klingt nicht nur absehbar, sondern ist es auch ein wenig: Unter Tiger mutiert Vanilla vom schwachen Pflänzchen zum invasiven und nicht mehr zu kontrollierenden Unkraut. Einmal Blut geleckt, kann sie nicht mehr aufhören zuzubeissen.

Wie in «Chrieg» spielt Ella Rumpf also erneut den widerborstigen Teenager. (Nachdem sie zwischenzeitlich im französisch-belgischen Horrorfilm «Grave» eben mal noch eine Kannibalin verkörpert hatte – und zwar so bösartig gut, dass am Filmfestival von Toronto mehrere Zuschauer in Ohnmacht fielen und vom Rettungsdienst abtransportiert werden mussten.) In «Tiger Girl» sind die Fusskicks von Ella Rumpf, mit denen sie Seitenspiegel von Autos weghämmert, noch härter und die Schwünge mit dem Baseballschläger in die Weichteile sexistischer Grossmäuler noch treffsicherer geworden. Was gleich geblieben ist, ist das Urteil der Kritiker: Ella Rumpf, so die einhellige Meinung an der diesjährigen Berlinale, wo «Tiger Girl» Weltpremiere feierte, ist eine Wucht. Die Rolle scheint ihr – auch hier! – auf den Leib geschnitten. Deshalb nun also direkt gefragt: Ella, der Elternschreck – zu authentisch, um nur gespielt zu sein? Ella Rumpf lacht: «Nein nein, die Rollen, die ich in ‹Chrieg› und nun auch in ‹Tiger Girl› spiele, sind vielleicht das, was ich gern wäre. Sie ermöglichen mir, meine eigene Radikalität auszutesten. Tatsächlich aber bin ich ja das Gegenteil: voll die Pussy!» Sagt es und nimmt einen kräftigen Schluck – Tee. Schauspielerin zu sein, meint sie dann, sei ein so intensiver Beruf, da habe sie es privat lieber gemütlich – «gechillt», sagt sie. Sie mag lieber Rotwein als Schnaps, lieber ein gutes Essen zuhause mit Freunden als Discos und Drogen.

Doch gradlinig war er nicht, Ella Rumpfs Weg in die Komfortzone. Mit der konventionellen Schule stand sie als Kind auf Kriegsfuss. «Ich habe einfach nichts gecheckt, war total verwirrt und landete in der Sek B», sagt sie. Ein Psychiater diagnostizierte ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, doch statt ihrer Tochter wie empfohlen Ritalin zu geben, schicken sie die Eltern in die Atelierschule, die Mittelschule der Zürcher Rudolf-Steiner-Schulen. «Da hat sich meine Welt total verändert, plötzlich machte Schule für mich Sinn», sagt Ella Rumpf. In der Atelierschule wuchs auch ihre Lust an der Schauspielerei.

Für den Dreh von «Tiger Girl» zog Ella Rumpf von der Wohngemeinschaft in London in die erste eigene Wohnung in Berlin-Neukölln; ein Stadtteil irgendwo zwischen Abbruch und Aufbruch. «Gutes Schuhwerk tragen», rät das Lokalblatt «Kiez und Kneipen» («kuckense rin könnense mitreden») – und dies nicht nur wegen der Belagschäden auf den Trottoirs. Neukölln, ein Schmelztiegel der Kulturen und unterschiedlichsten Lebensentwürfe, führt einem vor Augen, dass es das Leben nicht nur gut mit den Menschen meint. Aber eben auch. «Mir gefällt das», sagt Ella Rumpf. Seit einem halben Jahr lebt sie im Kiez und möchte sicher noch eine Weile hierbleiben.

Die Schauspielschule in London – Achtung: «Heikles Thema!» – hat Ella Rumpf für «Tiger Girl» abgebrochen, nur zwei Semester vor dem Diplom. «Tönt mega blöd, ich weiss», meint sie. Doch sie habe in diesem Film eben die Chance gesehen, sich in Deutschland einen Namen zu machen. Leicht fiel ihr der Entscheid nicht: «Ich hatte so viel in diese Schule investiert, hatte alle meine Freunde in London. Aber ich wusste: Wenn ich jetzt gehe, dann ist das so mutig – das muss einfach richtig sein.» Bereuen tut sie den Schritt nicht. Ein schlechtes Gewissen hat sie trotzdem. Nicht ihrer Eltern wegen. Sondern weil ihr die Fritz-Gerber-Stiftung für begabte junge Menschen die Ausbildung mit einem Stipendium ermöglicht hatte. «Die haben mir so fest geholfen. Ich habe ja keine reichen Eltern. Und ich möchte nicht, dass man mich nun für undankbar hält», sagt sie.

Dieses Aus-dem-Bauch-Heraus, wie sie sagt, auch dieses Unsesshafte, Einzelgängerische sei vielleicht das Einzige, was sie mit Ali und Tiger, ihren beiden Film-Alter-Egos, verbinde. Gestohlen hat sie es nicht. Ihre Eltern seien genauso, meint sie und schüttelt schmunzelnd den Kopf: «Total unanpassungsfähig.» Der Vater hat Bauingenieur an der ETH studiert, dann aber abgebrochen, um in Paris Philosophie zu studieren. Dort, an der Sorbonne, lernte er Ellas Mutter kennen. Nach der Geburt der Tochter zogen sie nach Zürich. Mittlerweile arbeitet der Vater als Psychotherapeut und pendelt zwischen Zürich und dem Appenzeller Hinterland.

Ihre Mutter hingegen, Autorin, Künstlerin, Dozentin, wohnt mit Ellas 19-jähriger Schwester, Buchhändlerin in Ausbildung, noch immer dort, wo Ella Rumpf aufgewachsen ist; in der städtischen Riedtlisiedlung, Traumdestination jeder Zürcher Familie links-alternativer Gesinnung. Ihr nächstes Umfeld vermisst Ella zuweilen sehr. Aber sie gönnt ihren Eltern auch die neu gewonnene Freiheit. Sie haben ihr jahrelang dabei geholfen, ihren eigenen Weg zu finden. «Wohin mich dieser Weg führt, war ihnen letztlich egal. Einfach glücklich sollte ich werden. Auf eigenen Füssen stehen. Ein guter Mensch sein. Kein Assi werden», sagt Ella Rumpf – und vermutlich hatte sie dies mit ihrem eingangs erwähnten Erziehungstipp «Haltung zeigen, Haltung weitergeben» gemeint. Nun hätten ihre Eltern endlich Zeit für sich und ihre eigenen Projekte – «jetzt, wo ich endlich über den Berg bin. Das geniessen sie glaubs sehr.»

Mittlerweile stehen sie und ich draussen im Berliner Nieselregen. Ein eisiger Wind peitscht über das nahe, offene Tempelhofer Feld und hinein in die Gassen Neuköllns. Zum Abschied klopft sie mir fast ein wenig väterlich auf die Schulter. «Wenn Sie das mit der Haltung beherzigen, kann in der Erziehung Ihrer Kinder eigentlich nichts schiefgehen. Jedenfalls nichts, was nicht auch sonst schiefgehen könnte.»

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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