Wunsch-Schloss

Handeln, statt reden!

Interview: Helene Aecherli

Welche Schweiz wollen wir? Um diese Frage zu beantworten, hat die Unternehmerin Nathaly Bachmann gemeinsam mit dem StrategieDialog 21 und dem Swiss Venture Club das Wunsch-Schloss lanciert - ein Ideenwettbewerb der anderen Art. Er soll eine Plattform sein für Antworten auf gesellschaftspolitische Fragen. Auch auf jene Frage, welche Rolle die Schweiz in Europa spielen soll.

annabelle: Nathaly Bachmann, was für eine Schweiz wünschen Sie sich?
Nathaly Bachmann: Eine Schweiz, in der man nicht bloss redet, sondern auch handelt. Und in der man wagt, kreativ zu sein, auch auf die Gefahr hin, dass man stolpern könnte. Ich wünsche mir wieder mehr Leidenschaft und eine positive und zupackende Grundhaltung. Politische Teilnahme soll Freude bereiten.

Woher stammt Ihre Lust auf Debatte?
Sie ist sicher zum Teil familiär bedingt. Meine Eltern und meine Grosseltern haben immer leidenschaftlich diskutiert und mich früh gelehrt, wie wichtig nur schon die Teilnahme an Abstimmungen ist. 1993 engagierte sich mein Grossvater im Bürgerlichen Forum in Wädenswil, das war eine neue, lokale Partei, die nach dem EWR-Debakel gegründet worden ist. Das hat mich geprägt. Zudem wurde mir während mehrerer längerer Auslandaufenthalte bewusst, welches Privileg wir hier in der Schweiz dank der direkten Demokratie geniessen. Und umso mehr ist jeder von uns gefordert, sich aktiv einzubringen, um dieses politische System am Leben zu halten. Zurücklehnen ist keine Option.

Sie sind der Kopf hinter dem Wunsch-Schloss, einer Mischung aus Ideenwettbewerb und TED-Talk. Wie kamen Sie darauf?
Wir haben ein derartiges Wohlstandsniveau, dass wir uns gar nicht mehr überlegen, was möglich wäre, sondern lieber ängstlich am Alten festhalten - leider. Aus diesem Grund engagiere ich mich als Geschäftsführerin der Stiftung StrategieDialog21, die sich parteiübergreifend für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Zukunft der Schweiz einsetzt. Seit 2013 war ich auf der Suche nach einem Instrument, um diese Pattsituation zu durchbrechen und die konstruktive Debatte zu fördern. Die Frage war nur: Wie kann man an einem Ort Vertreter aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zusammenbringen?

Und dann hatten Sie bei einer Wanderung im Berner Oberland einen Geistesblitz.
Genau! Ich blickte auf das wunderschöne Schloss Thun und dachte: Warum nicht die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz einladen, ihre Wünsche und Szenarien für die Zukunft der Schweiz zu formulieren und die zehn besten vor einer Jury auf der Bühne des Schlosses präsentieren zu lassen? Damit die preisgekrönte Idee nachhaltig wirkt, würde der Sieger sie den Generalsekretären aller Parteien präsentieren können. Wir stellten die Idee dem Swiss Venture Club vor, daraufhin entwickelten wir gemeinsam das Konzept.

Warum verpacken Sie dieses nationale Brainstorming in einen Wettbewerb?
Weil ein Wettbewerb ein hervorragendes Mittel ist, um innovatives Denken und Ideen zu stimulieren. Darüber hinaus erfährt die persönliche Leistung durch die Verleihung eines Preises eine soziale Aufwertung. Und da Preise und Auszeichnungen generell grosse mediale Aufmerksamkeit erhalten, besteht die Chance, dass weitere Kreise der Bevölkerung motiviert werden, das nächste Mal mitzumachen. Es mag verwegen klingen, aber unsere Vision ist es, mit dem Wunsch-Schloss eine Art Nobelpreis der Schweiz zu werden. Es soll die Plattform für Antworten zu drängenden Herausforderungen sein – dies mein ganz persönlicher Wundsch.

Das Wunsch-Schloss hatte im Wahljahr 2015 Premiere. Siegerin war die 73-jährige Susanna Fassbind. Sie will die Altersvorsorge mit Zeitgutschriften revolutionieren. Welche Auswirkungen hatte ihr Sieg?
Sie sind äusserst nachhaltig, und das freut mich sehr. Susanna Fassbind konnte über den von ihr mitgegründeten Verein KISS bis Ende 2015 acht lokale oder regionale Genossenschaften aufbauen, rund zwanzig weitere sind im Entstehen begriffen. Bei den Gesprächen mit den Schweizer Parteisekretären hat sie mit ihrem Konzept offene Türen eingerannt, hat danach etliche Artikel publiziert und Referate gehalten. Das Interesse ist überwältigend! Warum? Mit der Verbesserung der Lebensqualität von älteren Menschen werden nicht nur die Ersparnisse von Privatpersonen entlastet, sondern vor allem auch die öffentliche Hand.

Das diesjährige Wunsch-Schloss dreht sich um die Frage: «Standort Weltwirtschaft – die Schweiz in Europa.» Das ist ein Thema, an dem man sich eigentlich nur die Finger verbrennen kann.
Ja, das stimmt. Ich stelle fest, dass die Leute Angst haben, sich mit diesem Thema aus dem Fenster zu lehnen. Schweiz - Europa. das wird ja zurzeit von allen Seiten angefeindet. Nichtsdestotrotz: Wir haben mutige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die kosmopolitisch zu denken wagen. Davon werden wir in Zukunft mehr brauchen. Denn einfach nur Nein sagen zu Europa, genügt nicht. Das führt nirgendwohin. Wir brauchen Lösungen.

Konkret: An welche Lösungen denken Sie?
Eine konkrete Lösung wäre für mich nur schon, wenn es mit einer Initiative gelingt, das Bewusstsein für Europa und dessen Rolle, Geschichte und mögliche Zukunft zu schärfen. Letztendlich ist Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ein Friedensprojekt inmitten kultureller, geschichtlicher und politischer Vielfalt, was einzigartig ist auf der Welt. Als Unternehmerin wäre es für mich weiter wichtig, dass wir verstehen, dass der europäische Binnenmarkt grundlegend ist für unsere Wirtschaft. Denn wir bauen seit je auf Talente aus dem Ausland und sind auf Inspiration von aussen angewiesen.

Wie wird der Ausstieg Grossbritanniens aus der EU die Wunsch-Schloss-Debatte beeinflussen?
Der Brexit und seine Folgen sind zum jetzigen Zeitpunkt für die Schweiz noch sehr schwer abzuschätzen. Was uns der Brexit aber bereits jetzt zeigt, ist, dass eine lösungsorientierte und ehrliche Debatte für eine funktionierende Demokratie entscheidend ist. Die Briten stimmten in der Vergangenheit nur in ganz seltenen Fällen demokratisch ab. Wie viel Aufklärungsarbeit notwendig gewesen wäre, zeigt sich nun am Ausgang dieses Referendums. Die Labour Party war sich dessen anscheinend zu wenig bewusst. Die Wutbürgerinnen und -bürger, die sich nun äussern, und der Populismus, der um sich greift, zeigen uns, dass das Wunsch-Schloss ein wichtiges Instrument sein kann, um eben Vorschläge aus dem Volk zu diskutieren und Pulsnehmer zu sein.

Nathaly Bachmann (35) ist Gründerin der Kommunikationsagentur Essence Relations, essence-relations.ch. Nach ihrem Studium der Wirtschaftspsychologie in Zürich und Madrid arbeitete sie im Swissnex in Singapur. Danach war sie in verschiedenen Führungsfunktionen bei der Credit Suisse im Private Banking tätig. Zudem engagiert sie sich als Mentorin für Wirtschaftsstudentinnen der HTW Chur, doziert an diversen Fachhochschulen wie dem SAWI und unterstützt Freiwilligenprojekte (zum Beispiel als Coach für Unternehmerinnen in Tansania).

Wunsch-Schloss: Europa und die Schweiz
Die Schweiz ist das geografische Herzstück Europas und tut dennoch gern so - wir wissen es - als wäre sie eine abgekapselte Drüse. Umso mehr braucht es die Debatte darüber, wie sich die Schweiz in Zukunft in Europa positionieren will. Die Initiative Wunsch-Schloss, die Nathaly Bachmann zusammen mit dem StrategieDialog21 und dem Swiss Venture Club lanciert hat, stellt sich dieser Herausforderung und bringt zehn Rednerinnen und Redner, vier Frauen und sechs Männer zwischen 25 und 67, zum Ideenwettbewerb auf die Bühne des Schloss Thun. In der Jury des diesjährigen Wettbewerbs befinden sich unter anderem Elisabeth Zölch-Bührer, Präsidentin Arbeitgeberverband Uhrenindustrie, der Journalist Peer Teuwsen, die Politologin Tina Freyburg sowie Xavier Comtesse vom Swiss Creative Center. Am 28. Juni 2016 werden Jury, Parlamentarier aller Bundesratsparteien und 150 Gäste unter den zehn Rednern einen Sieger oder eine Siegerin küren. Der Siegervorschlag wird im Sommer den Generalsekretären der grossen Parteien präsentiert. Verfolgen Sie den Battle live am 28. Juni im Schloss Thun oder auf wunsch-schloss.ch.

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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