Jetsun Pema

Jetsun Pema: Eine Begegnung mit der Schwester des Dalai Lama

Text: Florian Leu; Fotos: Manuel Bauer

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Sie sah ihren grossen Bruder selten, und immer erteilte er ihr erst den Segen, bevor sie sich unterhielten

Manchmal sieht ihr Lächeln aus wie eine freundliche Maske: Jetsun Pema, die «Mutter Tibets»

Ihre rund 4000 Landsleute in der Schweiz verehren sie: Jetsun Pema in Basel

Ihn kennt jedes Kind, sie fast niemand. Jetsun Pema ist die Schwester des Dalai Lama. Als Bruder sieht sie ihn aber nicht. Eine Reise im Zweitklassabteil und eine Lektion in Demut.

Ihr Bruder war fünf, als er sie taufte. Er gab ihr den Namen Jetsun Pema, tugendhafter Lotus. Selber trägt er keinen Namen: Wenn sie ihn anspricht, ihn etwa fragt, ob sie an einem seiner Kurse teilnehmen dürfe, oder wenn sie ihm auf Reisen sein Frühstück zubereitet und Punkt 5.30 Uhr serviert, nennt sie ihren Bruder fast immer «Eure Heiligkeit», erlaubt sich höchstens mal ein «Yeshe Norbu», das heisst wunscherfüllendes Juwel. Wer sie von weitem sieht, denkt nicht zwingend an einen Lotus: Jetsun, wie sie alle nennen, steht etwas verloren im Zürcher Hauptbahnhof und wartet auf den Zug nach Basel, wo sie für die Tibetfreunde eine Rede auf Englisch halten wird. Jetsun hat bei einer tibetischen Freundin in Schaffhausen übernachtet («Sehr schön!»), jetzt suchen die beiden Damen Hand in Hand wie Schulmädchen ihren Zug, wo sie sich in ein Abteil zweiter Klasse setzen wollen («Das reicht für uns!»). Jetsun erzählt während der Fahrt von sich und dem Dalai Lama und später, nach dem Mittagessen, will sie sich noch die Zeit nehmen, um einen Chai mit mir zu trinken.

Einzug der Mönche

Jetsun wurde 1940 geboren, als eins von 16 Kindern. Sieben davon überlebten die ersten Jahre. Die Familie war damals bereits nach Lhasa gezogen, war dreieinhalb Monate unterwegs gewesen, um aus einem Dorf im Osten in die Hauptstadt zu gelangen. Auf dem Land hatte die Familie in einer Hütte gelebt, mit Reisig und Yakfladen geheizt, war bei Regen drinnen geblieben, weil man im Morast hätte versinken können. Wenn Jetsun in Lhasa ihren grossen Bruder sehen wollte, mussten sie mit ihrer Mutter Hunderte von Stufen hinaufsteigen, bis sie im Potala-Palast ankamen, der Residenz des Dalai Lama. Sie sah ihn selten, vielleicht einmal im Monat, und immer erteilte er ihr erst den Segen, bevor sie sich unterhielten. Der Mutter zeigte der Dalai Lama gern seine zahmen Papageien, und Jetsun führte er einmal einen Dodge von 1931 vor, den er mit einem jungen Mechaniker wieder flottgemacht hatte. Als hätte die Familie in einer Karmalotterie das grosse Los gezogen, waren auch zwei weitere von Jetsuns fünf Brüdern Inkarnationen. Einer war ein paar Jahre jünger als sie und machte sie und ihre Geschwister neidisch, weil er so viel Aufmerksamkeit bekam. Die Mutter hatte sich geweigert, das Kind ins Kloster zu geben. Deshalb waren Mönche bei ihnen eingezogen. Während sie nun den Bub unterwiesen, tollte Jetsun mit ihren unheiligen Geschwistern absichtlich laut herum und freute sich, wenn der Kleine sie neidisch ansah.

Während der Zug nach Basel schneller und schneller wird, huschen immer wieder Leute durchs Abteil und gehen mit aufgerissenen Augen auf Jetsun zu. Es sind Landsleute, die sie von früheren Besuchen kennt, einige der etwa 4000 Tibeter in der Schweiz. Sie verneigen sich vor Jetsun, sie lächelt und putzt sich die Nase mit einer Serviette, an der sie während der ganzen Fahrt herumnesteln wird. Wäre um sie herum nicht so viel los, würde man sie in ihrem unauffälligen Kleid wohl übersehen. Hatte sie je Allüren, hat sie sie längst abgelegt. Sie spricht mit einer angenehmen Stimme, ihr Englisch hat einen melodischen Klang, grosse Worte macht sie nie. Sie gibt sich so bescheiden, dass es seltsamerweise fast ein wenig unbescheiden wirkt. Jetsun musste zwanzig Minuten reiten, bis sie in der Schule war, und um ihr Gesicht gegen die Kälte zu schützen, rieb es ihr die Mutter mit einer Mischung aus Milch und Honig ein. Damit ihr die Lippen nicht aufplatzten, bestrich sie sie mit Bienenwachs, doch Jetsun konnte nicht widerstehen und leckte ihn meist weg.Das Schöne an tibetischen Schulen in den Vierzigerjahren: keine Hausaufgaben. Doch die Lehrer hatten ihre Tricks, um die Kinder anzuspornen. Einer stieg aufs Dach, um seine Drachen fliegen zu lassen. Die Schüler durften nur hinauf, wenn sie eine Aufgabe erledigt hatten. Mit neuen Aufträgen schickte er sie dann wieder ins Schulzimmer hinab, und sie rechneten und schrieben so rasch es ging, damit sie schnell wieder die Drachen sehen konnten.

Aufbruch nach Indien

1949 verliess Jetsun in einem Boot aus Yakhaut die Hauptstadt, ein Jahr vor dem Einmarsch der Chinesen, und ging nach Indien, wo sie eine Schule in Darjeeling besuchte, die Nonnen aus Irland führten. Jetsun streifte ihre Kleider ab, wurde in eine Uniform gesteckt, schlief in einem Saal für 250 Kinder, lernte im Klassenzimmer, dass alle Heiden zur Hölle fahren werden, sagte in der Messe das Ave Maria und das Vaterunser auf, murmelte danach aber immer auch ihre Mantras. Besonders gut war sie nie in der Schule, aber weil sie ausserhalb des Klassenzimmers vielen half, nannten sie alle Grossmutter Nummer eins. Einmal hat sie in einer Prüfung ein bisschen geschwindelt, gestand sie ein halbes Jahrhundert später in ihrer Autobiografie. 1956 fuhr sie, um den 2500. Geburtstag des historischen Buddha zu feiern, zusammen mit dem Dalai Lama und ihrer Mutter drei Monate lang in einem Extrazug der Regierung durch Indien. Sie sei stolz gewesen auf ihren Bruder, weil er trotz des Jubels bescheiden blieb und immer so neugierig war, sich alles haarklein erklären liess; sogar über die Cockpits in der Flugzeugfabrik von Bangalore wollte er alles wissen. An Bord des Zugs waren auch Aufpasser aus China, die Jetsun manchmal Bonbons schenkten und versuchten, ihr die Zukunftspläne des Dalai Lama zu entlocken. Aber sie schaute bloss aus dem Zugfenster.

Auf der Fahrt nach Basel tut Jetsun, was sie vielleicht am besten kann: Prospekte verteilen. Das sagt sie selber. Eigentlich sei sie nur fürs Fundraising zuständig. Das sei schon seit vielen Jahren so, aber ihr sei es recht, wenn es der Sache diene. Einer der Prospekte fasst ihr Lebenswerk zusammen. Er handelt von den Kinderdörfern, die Jetsun 42 Jahre lang führte. Früher kamen jedes Jahr etwa tausend Kinder aus Tibet über die Grenze nach Indien, oft mit einem Finger oder einem Zeh weniger, oft mussten ihnen auch Beine und Arme amputiert werden, weil ihnen die Kälte zugesetzt hatte. Insgesamt 42 000 Kinder waren es über die Jahre. 2008 hat der Strom nachgelassen, die Chinesen hüten seit den Olympischen Spielen die Grenzen im Niemandsland. Jetsun schiebt mir den Prospekt zu («Dürfen Sie behalten!»), dann versucht sie, durch die Schlieren auf dem Zugfenster etwas von der Landschaft zu erkennen. Sie nestelt an ihrem Nastuch.

Pingpong mit Dalai Lama

Olten zieht vorbei. Erst im indischen Exil hat Jetsun für kurze Zeit gelebt wie in einer Familie, auch der Dalai Lama wohnte bei ihnen. Immer wieder sah Jetsun Leute, die weinend ihr Haus verliessen, ergriffen über die plötzliche Nähe zum Ersten unter ihnen, dem netten jungen Mann. Wenn es geschneit hatte, kamen sie manchmal nicht aus dem Haus. Jetsun weiss noch, wie ihr Bruder von einer Malerin einen kleinen Pfau bekam, der im Sommer ungelenk durch den Garten hüpfte und ihn zum Lachen brachte. Wenn er im Nebenzimmer betete, bemühte sich die Familie, kein Geräusch zu machen, nicht zu husten, nicht zu niesen, möglichst leise durchs Haus zu gehen, damit er sich vertiefen konnte. Nachmittags um vier tranken sie jeweils Tee, das seien wunderbare Stunden gewesen, sagt Jetsun. Manchmal spielten sie Pingpong. Einmal versuchte der Dalai Lama, eine Uhr für sie zu flicken, doch nachher war sie vollends kaputt, und sie musste sie zu einem Uhrmacher nach Delhi bringen.

Als Jetsun 21 war, reiste sie in die Schweiz, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Die Familie Aeschimann aus Olten holte sie in Zürich ab und führte sie zum Essen aus, doch sie mochte nur das Brot, das sie an die Backfeste ihrer Mutter erinnerte. Nach ein paar Tagen kam sie nach Bex im Welschland, besuchte eine Schule von katholischen Nonnen. Sie führten Jetsun mit einem Grammofon in die Stücke Chopins ein und hielten bei Filmabenden die Hand vor den Projektor, wenn sich ein Kuss anbahnte. Oft bekam Jetsun Briefe des Dalai Lama, in denen er ihr von ihrem Hund berichtete und von seiner Arbeit, jedes Mal mit der Bitte, sie solle so schnell wie möglich zurückkehren. Sie ging erst mal nach London, besuchte eine Mädchenschule in Kensington, belegte Fächer wie Maschinenschreiben und Stenografie, dann reiste sie für ein paar Monate in die USA. Mit 23 übernahm sie, ohne in Europa oder Übersee einen Abschluss gemacht zu haben, die Aufgabe, die sie 42 Jahre lang behielt und die ihr von den Schülern in den Kinderdörfern den Übernamen Mutter Tibets eintrug: auch deswegen, weil alle lernten, Tibetisch zu schreiben und zu lesen. Jetsun selber hingegen, tugendreicher Lotus, hatte vor lauter Arbeit keine Zeit, ihre Muttersprache richtig schreiben zu lernen. Sie sagt, ihr Bruder mache sich deswegen noch heute manchmal lustig über sie.

Wanderungen und Walkie-Talkies

Sie verschickte Bettelbriefe. Sie führte ein Patensystem ein. Wenn Mitarbeiter nicht spurten, knallte sie ihnen ein Buch an den Kopf. Hin und wieder ging sie mit ihrem Bruder bergsteigen, doch bald sah sie ihn nur noch von hinten. Er war ein guter Wanderer und sprach per Walkie-Talkie jeweils mit seinem Sekretariat, wenn er zum Nachdenken ins Hochgebirge ging. Der Zug fährt durchs Flachland, und als er in Basel eintrifft, greift Jetsun nach der Hand ihrer Freundin, und so gehen sie mit kleinen, zackigen Schritten durch die Stadt. Unterwegs stossen Mitglieder der Tibetfreunde dazu, im Restaurant «Bombay Palace» steht nervös der Chef im Eingang, es ist ein Sikh, der sich tief vor Jetsun verneigt, aufgeregt lächelt und durch sein Restaurant schwirrt, das er nur für sie auch an diesem Samstag geöffnet hat. Alle setzen sich hin, Jetsun nimmt einen der letzten freien Plätze, etwas am Rand.

Ende der Sechzigerjahre sah Jetsun ihren Bruder wegen all seiner Aufgaben nur noch selten. Kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes zog sie aus, sie wollte ihm den Lärm ihrer Kinder ersparen. Es sei einfach zu schwierig gewesen, die Kleinen dauernd zur Ruhe zu bringen, sagt sie. 1980, mittlerweile vierzig, kehrte sie auf Einladung Chinas zum ersten Mal nach Tibet zurück, es war die dritte Reise unter Beobachtung, die China der tibetischen Exilregierung anbot. Jetsun reiste dreieinhalb Monate hin und her, legte 13 000 Kilometer zurück, nahm 7000 Briefe für ihren Bruder entgegen, war unterwegs in einem Land, in dem bei ihrem Aufbruch mehr als 6000 Klöster gestanden hatten. Mittlerweile waren es noch acht. Man zeigte ihr eine Schule nach der anderen: Einmal handelte es sich um ein notdürftig aufgestelltes Zelt mit neuen Wandtafeln, neuen Matten auf grünem Gras und mit einem Lehrer, der Kleinkinder über die Feinheiten tibetischer Grammatik aufklärte.Einmal wurde sie in ein Brennholzlager geführt, bei dem es sich ebenfalls um eine Schule handeln sollte.Je länger Jetsun durch Tibet reiste, desto klarer wurde ihr, dass die Chinesen sie zum Narren hielten. In Lhasa staunte sie darüber, dass die Leute ihren Kopf gesenkt hielten.

Traurige Rückkehr

Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 war ihnen verboten worden, erhobenen Haupts durch die Strassen zu gehen. Als sie in einer Rede das Wort Ziel brauchte, kam nachher ein Beamter zu ihr und bat sie, in Zukunft auf das Wort zu verzichten. Sie hatte schon im Exil viele Geschichten über Vertreibung und Folter gehört, dennoch erschrak sie über die bleierne Stimmung im Land. Bis heute sind wegen der chinesischen Besatzung 1.2 Millionen Tibeter gestorben. Andere Schätzungen gehen von 400 000 aus, wieder andere von 800 000. Jetsun sagt, während ihrer Reise habe sie wegen der zerstörten Klöster, der kaum wiedererkennbaren Strassen, der gesenkten Blicke jeden Tag geweint. Sie lacht oft, während sie am Mittagstisch sitzt, und kommt mit dem Essen kaum voran. Jetsun beharrt auch darauf, den Leuten um sie herum zu schöpfen («Ich sage immer: erst die andern!»). Routiniert wehrt sie Begeisterungsstürme ab: «Du bist so weise!» – «Ach nein.» – «Doch!» – «Oh nein, ich habe noch einen weiten Weg vor mir.» Als ihr Teller leer ist, zögert sie erst: «Ich muss auf die Linie achten.» Dann greift sie doch noch mal zu: «Wir müssen dem Essen gerecht werden!» Dazu trinkt sie ein Glas warmes Wasser, das Lieblingsgetränk ihres Bruders.

Als ihr Mann 1984 bei einem Autounfall starb, fiel sie in eine Depression, zu dieser Zeit sah sie ihren Bruder wieder öfter. Er habe ihr geholfen, sei offen und gütig gewesen. Sie wurde Ministerin für Bildung und Erziehung in der tibetischen Exilregierung, obwohl sie mit Politik nie viel anfangen konnte, immer eine Praktikerin war. Viermal musste sie den Rücktritt einreichen, bis ihr Bruder sie ziehen liess. Danach spielte sie ihre eigene Mutter im Film «Sieben Jahre in Tibet». Sie reiste für den Dreh nach Patagonien, das von der Topografie her an Tibet erinnert. Sie sei, wenn sie kurz glaubte, tatsächlich in Tibet zu sein, sehr aufgewühlt gewesen. Doch zu sehen, wie der Regisseur Jean-Jacques Annaud die Bilder, die sie aus ihrer Kindheit im Kopf hatte, wieder heraufbeschwor, das sei eine grosse Genugtuung gewesen.Nach dem Essen muss ich kurz auf sie warten, weil alle ein Bild von ihr schiessen wollen. Sie muss gar nicht erst die Gesichtsmuskeln strapazieren, ihr Ausdruck hat so schon etwas Heiteres. «Oh, dieser Chai ist sehr spicy», ist dann der erste Satz unseres Gesprächs.

«Er ist mein Guru!»

Sie hat ihre Geschichte schon oft geschildert, ist eine trittsichere Erzählerin, hin und wieder stellt sie selber eine Frage und reagiert immer mit einem staunenden «Oh!» auf meine Antworten. Später wird man mir sagen, dass sie es nicht mag, wenn Journalisten Seine Heiligkeit einfach als ihren Bruder bezeichnen. Doch während des Gesprächs merke ich nichts davon. Sie gibt gern Auskunft. Vielleicht ist sie aber auch einfach ein Profi der Freundlichkeit. Das Lächeln weicht nie aus ihrem Gesicht, manchmal sieht es aus wie eine freundliche Maske. Nur einmal verliert sie kurz die Haltung. Als ich sie frage, ob sie sich je mit ihrem Bruder gestritten habe, wird sie laut: «Natürlich nicht!» Aber eine Sekunde später spricht sie schon wieder in ihrem freundlichen, warmen Singsang. Sie verdanke ihm alles: «Er ist mein Guru!» Ein Guru, der manchmal ihre Gedanken lese. Aber das können wohl alle Geschwister ab und zu. Dann muss sie los, die Tibetfreunde warten. Als wir schon draussen stehen, sagt sie noch: «Ich hoffe, Sie wissen jetzt alles.»

Bevor Florian Leu die Schwester des Dalai Lama traf, stellte er sich eine ernste Person vor. Und lernte eine vergnügte Jugendliche mit grauem Haar kennen, Typ Traumgrossmutter. Was ihn an Jetsun Pema beeindruckte, war ihre störrische Art: wie sie sich weigerte, ein Aufhebens um sich zu machen. Sein Lieblingsmoment während des gemeinsamen Ausflugs hat mit ihren Füssen zu tun. Ein Junge aus Basel gab ein Konzert, rappte auf Tibetisch. Unser Autor verstand kein Wort. Doch danach zu urteilen, wie Jetsun Pemas Füsse wippten, müssen es gute Songs gewesen sein.

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