Interview

Der literarische Shootingstar Lize Spit

Text: Kerstin Hasse; Foto Keke Keukelaar, S.Fischer 

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Durchbruch mit dem Debüt:

«Ich habe einen Teil meiner dunklen Seite und meiner Traurigkeit in die Geschichte gepackt.»

Lesung in Zürich:

Am 6. November liest Lize Spit im Kaufleuten in Zürich aus ihrem Beststeller. Wir verlosen 5 mal 2 Tickets. 

Lize Spit hat mit ihrem Roman «Und es schmilzt» in ihrer Heimat Belgien für Furore gesorgt. Die deutsche Übersetzung gilt als Literaturtipp der Saison – wir haben mit der Autorin über persönliche Abgründe, Parallellen zu ihrer Hauptprotagonistin und Freundschaft auf dem Land gesprochen. 

Das Cover von Lize Spits Debütroman könnte nicht romantischer aussehen. Zarte lila Blüten die, eingefroren in glänzendes Eis, den Schriftzug bilden. Dazu saftiges Tannengrün, das die Seitenränder umschmiegt – nichts an diesem Äusseren lässt die Abrgründe im Inneren vermuten. Die 29-jährige Autorin Lize Spit hat mit ihrem ersten Roman «Und es schmilzt» die belgische Literaturszene aufgemischt. Ein Jahr lang war das Buch auf Platz 1 der belgischen Bestsellerliste. Spit gewann zahlreiche Preise für ihren Erstling, darunter den renommierten belgischen Uil Preis für den besten Debütroman und den Dutch National Bookseller Award.

Die Hauptprotagonistin des Buches ist Eva, eine junge Frau Ende 20, die anlässlich des 30. Geburtstag ihres verstorbenen Kindheitsfreundes zurück in ihr Heimatdorf reist – im Kofferaum einen grossen Eisblock. Spit springt kapitelweise in Evas Vergangenheit, genauer gesagt, in den Sommer 2002. Der Sommer, der Eva für immer gezeichnet hat. Den Roman zu beenden braucht Mut und Durchhaltevermögen. Spits grosses Talent ist ihre Beobachtungsgabe, sie beschreibt nicht einfach nur detailgetreu, nein, sie haucht den Szenen Leben ein – ein Talent, dass in ihrem Debüt mitunter verstörend sein kann. 

annabelle.ch: Lize Spit, Ihre Protagonistin ist Ende 20, so wie Sie, sie ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen, so wie Sie, sie lebt nun in Brüssel, so wie Sie.
Lize Spit: Ja, das stimmt. Um mein Debüt zu schreiben, war es für mich notwendig, über die Orte zu schreiben, die ich kenne. Ich habe das Dorf, indem ich selbst aufgewachsen bin, sozusagen als Vorlage, als Bauplan, verwendet, in dem ich mich frei bewegen konnte. Ich denke, wenn man das Buch in die Hand nehmen und durch mein Dorf spazieren würde, würde man viele Ähnlichkeiten sehen – aber auch einige Unterschiede. Ich habe Details von anderen Dörfern und Ortschaften integriert. Es hatte zum Beispiel in meinem Dorf keine Metzgerei, aber eine in einem Nachbarsort, dort habe ich als Teenager gearbeitet. Also habe ich diese Metzgerei genommen und in mein Buch gepflanzt. Ich habe eine Collage erstellt. Es ist einfacher über Dinge zu schreiben, die ich kenne. Wenn ich alles selbst erfinden muss, fällt es mir schwerer, meine eigene Geschichte zu glauben. Wenn ich eine Szene erfinde, dann lasse ich meine Protagonisten zum Beispiel Kleider tragen, dich ich besitze oder die meine Freunde tragen. Ich pflanze immer ein wenig Realität in meine Fiktion. 

Wie viel Lize steckt in Eva?
Ich denke, es steckt sehr viel Lize in Eva, aber weniger Eva in Lize. Ich habe einen Teil meiner dunklen Seite und meiner Traurigkeit in die Geschichte gepackt. Ich denke, als Leser kann man diese Traurigkeit sehr gut spüren. Ich habe Eva ausserdem meine Art, ihre Umgebung zu beobachten, gegeben. Freunde von mir sagen, es höre sich an, als ob ich zu ihnen sprechen würde.

Diese spürbare Traurigkeit war Teil Ihrer eigenen Kindheit?
Ja, die Atmosphäre im Buch, diese unterschwellige Dunkelheit. die man herausspürt, das ist sehr persönlich. Ich fühlte mich oft alleine als Kind. Wenn man wie ich in einem Dorf aufwächst, in dem nur 1000 Leute leben, ist man auf die Kinder angewiesen, die dort wohnen. Man hat ein paar Freunde, und mit denen unternimmt man alles. Wenn man dann nach der Grundschulzeit auf eine neue Schule geht und sieht, dass es auch noch andere Kinder, andere Möglichkeiten gibt, dann ist das ein schönes Gefühl. Man kann sich selbst seine Freunde auswählen. Und darum geht es auch im Buch. Man muss die Freunde annehmen, die einem im Dorf gegeben werden und das Beste daraus machen. Ich fühlte mich auch als Aussenseiterin, weil ich mich nie richtig wie ein Mädchen fühlte, ich war immer irgendwas zwischen Mädchen und Junge. Ich war immer mutig und ich habe gekämpft, aber ich habe mich nie sehr feminin gefühlt, und diese Stimmung habe ich im Buch verwendet.

«Und es schmilzt» ist aber keine Autobiografie?
Nein. Es ist ein sehr persönliches Buch, aber es ist keine Autobiografie. Ich kann nicht gut über ein Thema schreiben, das mich selbst nicht interessiert oder nichts mit mir zu tun hat. Für mich ist Schreiben stets ein Dialog zwischen mir als Autorin und mir als Person – als Tochter, Freundin und Kollegin. Und wenn ich schreibe, fragt die Autorin in mir: Kann ich das für die Geschichte benutzen? Darf ich das verraten? Es ist für mich einfacher, über Leute zu schreiben, die ich liebe. Gleichzeitig merke ich als private Person, dass ich versuche, genau diese Leute und ihre Handlungen zu verteidigen. Bevor ich dieses Buch geschrieben habe, gab es eine grosse Diskussion in meinem Kopf: Was werde ich benutzen, was werde ich für mich behalten? Irgendwann habe ich mich entschieden, einfach das Buch zu schreiben, das mir selbst gefällt. Aber ich möchte eigentlich nicht durch einzelne Szenen gehen und sagen: Ja, das ist passiert, und nein, das habe ich erfunden, ich glaube, dass das nicht nötig ist. 

Was haben Ihre Eltern zum Buch gesagt?
Sie haben es gelesen, aber ich habe mit ihnen nicht darüber geredet. Meine Mutter hat mich angerufen, nachdem sie das Buch beendet hat, und sie sagte: «Ich glaube, du wirst einen Anwalt brauchen wegen der Leute hier im Dorf.» Ausserdem fragte sie, was ich mit all den guten Dingen gemacht habe aus meiner Kindheit und Jugend. Ich musste ihnen erklären, was ein Roman ist. Sie lesen eigentlich sehr viel und sind kulturell interessierte, intelektuelle Menschen, aber sie konnten den Unterscheid zwischen der Realität und dem Buch nicht sehen. Ich musst ihnen erklären, dass es ein Buch ist und nicht mein Leben und dass das nicht meine Erinnerungen sind, dass es nicht die Art ist, wie ich über sie denke.

Und was hat der Rest des Dorfes gesagt?
Für mich war die Rückkehr in dieses Dorf mit meinem Buch in der Hand vergleichbar mit der Rückkehr von Eva in ihr Heimatdorf mit dem Eisblock im Kofferraum. Der Unterschied ist, dass ich dieses Buch hatte, ich habe etwas aus meinem Leben gemacht, ich konnte auf etwas stehen. Ihr schmilzt das Eis unter den Füssen weg. Aber es war nicht immer einfach, ich musste immer wieder erklären, was Literatur und Fiktion ist. Die Leute aus dem Dorf meinten etwa: Aber in dieser Strasse sind doch drei Bäume und nicht vier! Du hast einen Baum vergessen! Sie redeten nicht über die Tatsache, dass ich ihre Ehekrisen beschrieben habe, sie haben sich über Kleinigkeiten aufgeregt, die nicht exakt der Realität entsprachen. Das ist ein bisschen bizarr. Das Buch war für mich das Letzte, was ich über meine Zeit in diesem Ort sagen wollte und nun schliesse ich dieses Kapitel.

Ihr Roman wurde in Belgien und den Niederlanden über 100 000 Mal verkauft. Sie werden als Stimme Ihrer Generation gefeiert. 
Es ist bizarr, wenn ich höre, dass ich die Stimme meiner Generation sein soll. Ich bin aber wohl eine der ersten flämischen Autorinnen, die über die 90er-Jahre geschrieben. Das erfordert ja keinen Mut, erklärt aber vielleicht, weshalb das Buch so viel Aufmerksamkeit bekommt. Diese Zeit wird noch nicht so romantisiert wie die 50er- oder 60er-Jahre, sie ist noch nicht so auserzählt. Ausserdem gab es in der flämischen Literatur bis anhin vor allem männliche Autoren, die über Männer schrieben, die weibliche Perspektive fehlte. Aber ich habe mit diesem Erfolg nicht gerechnet.

Man braucht Durchhaltevermögen für Ihr Buch. Von Beginn an ist klar, dass etwas Böses passieren wird, aber Sie verlangen Ihren Leserinnen und Lesern viel Geduld ab. 
Es gibt tatsächlich Leute, die es nicht bis zum Ende geschafft haben. Man muss die Seite 200 erreichen, und dann wird es einfacher, weiterzulesen. Man muss Zeit investieren, um in die Story zu kommen. Ich mache kleine Schritte, jedes Kapitel gibt ein paar Details preis. Man braucht jedoch jedes Kapitel, um die Person am Ende des Buches zu verstehen. Es gibt Leute, die sagen, man könnte die ersten 200 Seiten rauswerfen, und dann wäre es ein gutes Buch. Aber das stimmt nicht. Ich weiss genau, weshalb welches Kapitel an einem bestimmten Ort ist. In jeder Plotlinie gibt es eine Frage, die man gern beantwortet habe möchte. Was will Eva mit dem Eisklotz im Kofferraum? Was ist im Sommer 2002 passiert? Und wie ist ihr Kindheitsfreund Jan damals ums Leben gekommen? Leute wollen immer wissen, wie ist jemand gestorben – das ist der einfachste Weg, um Leute dazu zu bringen, weiterzulesen. 

Ein erzählerischer Trick, den Sie in Ihrem Drehbuchstudium gelernt haben?
Ja, vielleicht schon. Ich mag es, die Antworten von grossen Fragen herauszuzögern. 

Sie haben bereits ein Buch geschrieben, als Sie noch ein Kind waren.
Ja, das stimmt. Ich war 11 Jahre alt. Aber es ist nicht wirklich ein Buch, es sind 20 handgeschriebene Seiten, vielleicht ein paar tausend Worte. Ich wusste immer, dass ich schreiben will. 

Das Buch handelt von Marc Dutroux, dem belgischen Sexualstraftäter und Mörder. Ein schweres Thema für eine 11-Jährige.
Also ich nenne Dutroux nicht beim Namen, es handelt von einem Paar, das Kinder entführt. Aber Dutroux war die Vorlage, ja. Ich denke, der Fall hat mich nachdenklich gestimmt.

Weil Sie schon damals die Abgründe von Menschen interessiert haben?
Es interessiert mich, weil ich weiss, dass ich diesen Stoff für mein Schreiben brauchen kann. Ich bin ein glückliche Person, aber alles, was dunkel und bizarr ist, interessiert mich, weil ich denke, dass die Leute solche Geschichten lieber lesen. Wenn ich an einer Beerdigung bin, dann finde ich es viel spannender die Leute zu beobachten als bei einer Hochzeit. Als Autorin such ich das Verletzliche und Dunkle in einer Person.

Sexuelle Gewalt ist so eine dunkle Seite, die in Ihrem ersten Werk eine grosse Rolle einnimmt.
Ich habe versucht, in meinem nächsten Buch über eine gute Art von Sexualität zu schreiben, aber schon jetzt wird mir klar, dass das nicht funktionieren wird. Auch dort wird es zu Zwängen kommen, zu einem gestörten Blick auf die eigene Sexualität. Es ist wichtig, dass man nicht nur über Sexualität wie in «Fifty Shades of Grey» schreibt, weil nicht alles «Fifty Shades of Grey im Leben» ist. Es kann viel schieflaufen – selbst in den besten Beziehungen. Ich kann keine Geschichte schreiben, in der nicht eine Frau vorkommt, die belästigt wird.

Wie kommt das?
Es ist immer ein Teil meiner Arbeit, ich weiss nicht genau weshalb. Vielleicht ist es offensichtlich, vielleicht auch nicht. Mich beschäftigt, dass Leute die Körper anderer Menschen ansehen und beurteilen. Heute hat man so ein klares Idealbild von einer Frau, und ich denke, eine Frau fühlt so viel Scham, weil sie nicht die sein kann, die sie sein möchte. Dieses Thema nimmt viel Platz in meinem Schreiben ein.

Lize Spit besucht am Montag, 6. November, das «Kaufleuten» in Zürich. Wir verlosen 5 mal 2 Tickets mit Drink-Gutschein für die Veranstaltung. 

Teilnahmeschluss: 31. Oktober 2017

Allgemeine Bedingungen: Die Gewinnerinnen und Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Keine Barauszahlung. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Der Gewinn ist nicht übertragbar. Teilnahmeberechtigt sind alle Personen ab 18 Jahren. Mitarbeitende von Blickfang und Tamedia sind von der Verlosung ausgeschlossen.

 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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