Regisseur

Massen-(un)tauglich: Eine Begegnung mit dem Regisseur Oliver Rihs

Text: Barbara Achermann; Foto: Espen Eichhöfer

  • Mehr Cowboy denn Soldat: Regisseur Oliver Rihs

Regisseur Oliver Rihs mags schräg und kompromisslos. Eigentlich. Denn nun drehte er die Fortsetzung des Schweizer Blockbusters «Achtung, fertig, Charlie!».

Im Büro eines Hinterhauses in Berlin steht neben vollen Aschenbechern ein Aquarium. Regisseur Oliver Rihs drückt seine Nase ans Glas und sagt: «Darf ich vorstellen: Das ist Helga.» Der siamesische Kampffisch fächert die Flossen auf, als wäre gerade jetzt sein grosser Auftritt. Er hat bereits Erfahrungen vor der Kamera gesammelt, in der neusten Komödie von Oliver Rihs spielt er für eine Handvoll Schweizer Soldaten eine Art Vorbild: Aus dem sensiblen Männertrüppchen sollen harte Krieger werden.

«Achtung, fertig, WK!» heisst die Komödie, und sie ist die Fortsetzung von «Achtung, fertig, Charlie!» (Regie: Mike Eschmann), einem der kommerziell erfolgreichsten Schweizer Filme überhaupt. Die Rekruten von damals müssen jetzt, zehn Jahre später, in den Wiederholungskurs. So richtige Kampftiere werden sie nicht, trotz Chilisauce in der Unterhose.

Ausstrahlung eines Cowboys

Oliver Rihs (42) hat eher die Ausstrahlung eines Cowboys als die eines Soldaten: Jeans und Jeanshemd, knallblaue Augen, aus der Stirn gekämmte Haare, Schnauz. Bisher hat er Experimentalfilme gemacht, «radikalen Berlin-Shit», wie er sein kompromissloses Werk nennt: einen Porno mit philosophischen Dialogen, eine Datingkomödie mit vielen Drogen oder den Kultfilm «Schwarze Schafe», in dem unter anderem eine Hand abgehackt wird.

Die Schweizer Militärkomödie ist seine erste grosse Kommerzkiste. Er bestellt einen Old Fashioned. Wir sitzen jetzt wenige Schritte von seinem Büro entfernt, im Restaurant Marqués. Es ist ein milder Abend, Frauen mit Kopftuch oder mit Kurzhaarfrisur gehen vorbei, ein Obdachloser erklärt, er brauche Geld, um seine Sensibilitätsstörungen zu kurieren, ein Türke mit Damenvelo flirtet mit einer Polizistin. Der Bezirk Kreuzberg ist die ideale Kulisse für bizarre Episoden, wie sie Rihs bisher gedreht hat. Seit zwölf Jahren lebt und arbeitet er in Berlin. «Hier bin ich frei», sagt er und zündet sich filmreif eine Manitou an.

Im Pyjama Zigi kaufen gehen

n der Schweiz sei er entweder der Urenkel von Schriftsteller Hermann Hesse oder der Sohn des reichen Unternehmers Andy Rihs. Der Chef von Sonova respektive Phonak wurde einst als Steve Jobs der Schweiz bejubelt. Später hagelte es Kritik wegen Verdacht auf Insiderhandel und Dopingskandalen seines Velorennteams. Oliver Rihs wurde in Zürich ständig auf seinen Vater angesprochen, in Berlin hingegen ist er nur der Oli. «Ich kann morgens im Pyjama Zigi kaufen gehen, und keiner dreht sich um.»

Er knetet sich den Nacken, sagt, er schlafe wenig. Nicht primär wegen durchfeierter Nächte, sondern wegen Sohn Sol. Der kam Anfang Jahr zur Welt, gerade als die Dreharbeiten anfingen. Bezeichnend, denn Rihs’ Leben verlief schon vorher nicht nach Plan. Vermutlich sind seine Filme auch deshalb so eigen. Nach der Ausbildung zum Grafiker in Zürich arbeitete er als Sozialarbeiter für Senioren. Eine Filmschule hat er nie besucht, stattdessen lernte er das Handwerk über diverse Assistenzen. Sein erster Spielfilm «Brombeerchen» war ein Flop, weil er auf eine verkrampfte Art krass sein wollte. Trotzdem, die Bilder, der Sound: Das war gut.

Sinn für Unterhaltung

Zum Essen bestellt er Rotwein, einen schweren Spanier. «Ich wollte Kunstfilme wie Antonioni und Tarkowski machen. Später habe ich aber gemerkt, dass ich einen guten Sinn für Unterhaltung habe.» Den ersten Erfolg landete er mit «Schwarze Schafe», einer Low-Budget-Produktion, witzig, derb, in Schwarzweiss. Jetzt mochte man seine Figuren trotz ihrer schrulligen – teils brutalen – Seiten.

«Dating Lanzelot», der Anfang Jahr in den Schweizer Kinos lief, war noch zugänglicher. Das Leitmotiv des Films hat Oliver Rihs in «Achtung, fertig, WK!» wieder aufgenommen: schwache Männer, starke Frauen. Er sagt: «Ich finde es witzig, den Mann als sexuelles Opfer der Frau darzustellen.» In «Achtung, fertig, WK!» nach dem Drehbuch von Güzin Kar unterrichtet Schauspieler Matthias Britschgi Schwangerschaftsyoga und ist zunächst militäruntauglich, Sira Topic hingegen spielt eine knallharte Offizierin, die nicht kochen kann.

Morgens um drei betrunken

Ist das nicht ein Klischee? «Kann sein», sagt Rihs, «aber ein Klischee hat ja auch immer was Wahres. Man darf es einfach nicht platt umsetzen.» Wäre es nach Rihs gegangen, hätte die weibliche Hauptrolle geraucht. Doch die Produzenten waren dagegen. «Ich musste einige Kompromisse eingehen. Ist halt so bei einem Auftragsfilm.» Bei der Entstehung der Militärkomödie trafen sich unterschiedliche Charaktere: «Produzent Lukas Hobi funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Ich hingegen bin ein Freak. Wenn ich mal morgens um drei betrunken bin und eine gute Idee habe, greife ich zum Telefon und rufe ihn an.»

Heute sei er dankbar für die Lektion, die ihm sein Produzent erteilte: Er habe gelernt, was es heisse, einen sympathischen Film zu machen. Einen für die Masse. Es ist kurz vor Mitternacht, im «Marqués» sind noch immer alle Tische besetzt. Je länger der Abend, desto wacher wird Rihs. Man sitzt ihm gern gegenüber, er ist auf eine ernsthafte Art unterhaltsam. Einer, der lieber zum Weinen als zum Lachen ins Kino geht.

Problem mit autoritären Menschen

Er fischt die letzte Zigarette aus seinem Päckchen und erklärt nach einem tiefen Zug, weshalb er nie im Militär war: «Ich hatte Angst, dass ich in der RS durchdrehen könnte. Ich habe ein Problem mit autoritären Menschen.» Heute bereue er, dass er die Sache nicht durchgezogen habe und mit den anderen Jungs stinkend im Wald gehockt sei. Sozusagen als identitätsstiftendes Ritual. Nach einem weiteren Zug an seiner Zigarette befallen ihn dann doch Zweifel: «Oder verkläre ich das jetzt vielleicht?»

— Ab 24. Oktober, «Achtung, fertig, WK!» mit Sira Topic, Matthias Britschgi, Marco Rima, Martin Rapold

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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