Gail Honeyman

Plötzlich Bestsellerautorin: Ein Märchen aus der Literaturwelt

Redaktion: Kerstin Hasse; Foto: Olivier Favre

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Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant. Lübbe-Verlag, Köln 2017, 528 Seiten, ca. 28 Franken

Gail Honeyman hat mit 40 ihren ersten Roman geschrieben. Und landete damit einen Coup: «Ich, Eleanor Oliphant» erscheint in 27 Ländern. Wer ist die Autorin, der diese Sensation gelungen ist?

Ein bisschen klingt die Geschichte von Gail Honeyman wie ein Märchen, ein Märchen der Literaturwelt. Honeyman – was für ein treffender Name für eine Märchenheldin – beschliesst mit vierzig Jahren, ihren Traum zu verwirklichen und mit dem Schreiben zu beginnen. Jetzt oder nie, sagt sie sich. Sie schreibt und schreibt und schreibt. Morgens um sechs Uhr, bevor sie sich aufmacht zu ihrer Arbeit in der Verwaltung der Universität von Glasgow, abends in ihrer Schreibgruppe, der sie beigetreten ist, um ihre Leidenschaft voranzutreiben. Irgendwann werden ihr die Kurzgeschichten zu langweilig. Sie will einen Roman verfassen – ja, am liebsten gleich ein ganzes Werk.

Drei Jahre später ist ihr Buch fertig. Eben ist «Ich, Eleanor Oliphant» auf Deutsch erschienen, in den kommenden Monaten wird es in 26 weiteren Ländern publiziert. Im Internet wird gemunkelt, dass allein der Vertrag mit dem US-Verlag Pamela Dorman Books der Schottin eine siebenstellige Summe eingebracht hat. In fünf Jahren von der Träumerin zur Millionärin – das soll ihr erst mal jemand nachmachen.

Gail Honeyman, 45 Jahre alt, sitzt an einem kleinen Tisch im Millennium Hotel in Glasgow. Der Regen hat die wenigen Sonnenstrahlen, die sich durch den grauen Märzhimmel gekämpft haben, bereits wieder verdrängt und klatscht gegen die Fensterfront des Hotels. Honeyman trägt ein geblümtes Kleid, darüber eine kurze schwarze Lederjacke. Der Fotograf habe sie gebeten, etwas Sommerliches anzuziehen, sagt sie, die Wangen noch rot von der Kälte draussen. Honeyman hat etwas sehr Damenhaftes an sich, mit diesen üppigen Blumen auf dem Kleid, den Riemchenpumps, den geföhnten blonden Haaren und dem zartrosa Lippenstift. Sie lächelt schüchtern.

Noch ist sie sich nicht gewohnt, mit Journalisten zu sprechen. Die Unsicherheit merkt man ihr an, wenn sie ihre Antworten regelmässig mit der Frage «Macht das für Sie Sinn?» beendet oder wenn sie den Angestellten des Fahrdiensts erklärt, sie führe die Gruppe von Journalisten als Reiseführerin durch Glasgow. Dabei sind all diese Leute extra für sie, die erfolgreiche Autorin, angereist. Ihre Unsicherheit fällt auch auf, wenn sie versucht, politischen Diskussionen elegant auszuweichen. Brexit? Schwieriges Thema. Das erneute Unabhängigkeitsbestreben der Schotten? Komplizierte Sache. Honeyman will sich keinen Fehltritt leisten, sie gibt sich vorsichtig. Das gilt auch für ihr Privatleben. Ob die Autorin verheiratet ist oder Kinder hat, will sie nicht verraten. Sie sei halt eine sehr private Person, erklärt sie und entschuldigt sich zweimal dafür.

Bereits vor zwei Jahren machte «Eleanor Oliphant» in der Branche die Runde. Bettina Steinhagen, Lektorin des deutschen Lübbe-Verlags, war gerade auf dem Weg zu einem Familienfest, als ihr eine Gutachterin aus Grossbritannien ein Skript zuschickte mit dem Vermerk «Sounds fun», klingt lustig. Im Zug las sie die ersten Kapitel, noch während der Fahrt beauftragte sie ihre Mitarbeiterin, ein Angebot bei der Agentur zu platzieren. «Ich spürte dieses ganz besondere Kribbeln», sagt Steinhagen. Was folgte, war ein nervenaufreibender Bieterkrieg, den der Lübbe-Verlag schliesslich für sich entscheiden konnte. Ähnlich ging es in anderen Ländern zu, wo ebenfalls in dramatischen Auktionen um die Rechte für «Eleanor Oliphant» gekämpft wurde. Diesen Erfolg kann Honeyman noch immer nicht fassen. «Ich wollte es doch bloss schaffen, ein ganzes Buch zu schreiben. Dass die Leute sich um Eleanor reissen, hätte ich nie gedacht.»

Um den Hype zu verstehen, muss man Eleanor kennen lernen. Eine Figur, die so eigenartig ist, wie ihr Name es vermuten lässt. Eine Protagonistin, die man manchmal am liebsten umarmen – und im nächsten Moment wieder schütteln und zur Vernunft bringen möchte. Sie ist seltsam. Introvertiert. Schrullig. Und liebenswert. Vor allem aber lässt Eleanor einen nicht los, man wird Teil ihrer Gedankenwelt.

Eleanor führt ein Leben voller fester Abläufe. Sie ist dreissig Jahre alt, Single und lebt in Glasgow. Von Montag bis Freitag geht sie zur Arbeit in eine Agentur. Die Tatsache, dass ihre Bürokollegen gern über sie spotten, ignoriert sie. Jeden Abend gibt es Pasta mit Pesto und Salat. Freitags steht der Wochenendeinkauf an: Tiefkühlpizza für den Abend, ein Chianti und zwei Flaschen Wodka. Den Alkohol verteilt sie auf das Wochenende, sodass sie «nie ganz nüchtern, aber auch nicht betrunken» ist, denn «bis am Montag ist es lange hin». Besuch hat Eleanor nie, es sei denn, der Mann, der jährlich den Stromzähler abliest, kommt vorbei. Einmal pro Woche telefoniert Eleanor mit ihrer Mutter, die sie gern daran erinnert, was für eine Versagerin sie doch ist.

Eleanor mag ihre Gewohnheiten, und sie sieht auch nicht ein, weshalb sie sich den Vorstellungen der anderen anpassen sollte. Bis sie an einem schicksalhaften Abend ein Konzert besucht und augenblicklich beschliesst, im Musiker Johnnie Lomond ihren Traummann gefunden zu haben. Von diesem Moment an ist Eleanor auf einer Mission: Sie will Johnnie für sich gewinnen – auch wenn sie dafür neue Wege gehen muss. Diese Wege sind mitunter steinig, weil sie sich nicht nur mit ihrer bitterbösen Mutter, sondern auch mit den dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss.

Als Leserin begibt man sich zusammen mit der Protagonistin auf eine fast kindlich anmutende Entdeckungsreise durch die Welt – denn wenn Eleanor Oliphant eines gut kann, dann ist es, sich zu wundern. Im Pub etwa fragt sie sich, weshalb sie sich denn als zahlende Kundin den Cider aus der Flasche auch noch selbst einschenken muss («Unglaublich, dieser Mangel an guten Manieren im sogenannten Dienstleistungssektor!»). Als sie sich zum ersten Mal von einer Visagistin schminken lässt, versucht sie auf geradezu rührende Weise, ihre Begeisterung zum Ausdruck zu bringen («Ich finde, dass ich aussehe wie eine Primatenart aus Madagaskar, die zu den Feuchtnasenaffen gehört. Oder wie ein Nordamerikanischer Waschbär!»). Auch über Menschen, die Turnschuhe tragen, wundert sie sich, als gehörten sie zu einer seltsamen Spezies («Mir ist schon öfter aufgefallen, dass gerade jene Menschen, die besonders unsportlich sind, am häufigsten in Sportbekleidung anzutreffen sind»).

Während man anfänglich noch vermutet, es könnte sich beim Buch um einen seichten und recht vorhersehbaren Liebesroman handeln, merkt man mit jeder Seite mehr, dass Eleanors Geschichte wohl nicht so verlaufen wird, wie es in Romanzen vorgesehen ist. Es tun sich Abgründe auf, Cliffhanger, die dazu führen, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Die sorgsam gezeichneten Charaktere – allen voran Eleanor Oliphant – wachsen einem ans Herz. Und obwohl Eleanors Gedankengänge manchmal gewisse Längen haben, sind sie es doch, die die Figur und ihre Geschichte erst ausmachen.

«Ich glaube, ich bin eine recht brutale Autorin», sagt Honeyman. Immer, wenn sie sich überlegt habe, wie Eleanor reagieren, entscheiden oder antworten könnte, habe sie sich für den seltsamsten Weg entschieden. «Zu ihrer schrulligen Art kommen eine Narbe, die ihr Gesicht verunstaltet, und Ekzeme an den Händen, die sie plagen. Ich habe ihr wirklich nichts erspart.»

Steckt ein wenig Gail Honeyman in Eleanor Oliphant? «Nein, ich denke nicht», antwortet die Autorin bestimmt. «Ich hoffe sehr, dass ich ganz und gar nicht so bin wie Eleanor.» Auch wenn das Schreiben durchaus eine einsame Sache sein könne, sei ihr Eleanors Einsamkeit fremd. Und auch die böse Mutter entspringe bloss ihrer Fantasie: «Meine Mutter ist ein liebevoller und sehr offener Mensch – komplett anders als Eleanors Mutter, zum Glück.»

Zurzeit sitzt Honeyman bereits an ihrem zweiten Buch. Ihren Job an der Uni hat sie vor einem Jahr gekündigt, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Druck verspüre sie eigentlich keinen. «Ich freue mich vielmehr darauf zu hören, was andere Leute über mein Buch denken.» Vermutlich wird «Eleanor Oliphant» in Brasilien oder Japan genauso gut ankommen wie in Europa. Denn Eleanor ist einsam, und Einsamkeit ist ein universelles Leiden. Gut möglich, dass Honeyman genau davon profitieren wird.

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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