The Girl on the Train

Unser Lieblingsfilm im Kinoherbst

Text: Miriam Suter

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Leidet unter dem emotinalen Missbrauch ihres Exmanns: Rachel (Emily Blunt) 

Auch die Ehe von Tom (Justin Theroux) und seiner neuen Frau Anna (Rebecca Ferguson) bröckelt

 Dr. Kamal Abdic (Édgar Ramírez) betreut Nanny Megan (Haley Bennett)

«The Girl on the Train» erzählt, wie Männer Frauen emotional missbrauchen

Wird zum Hautpverdächtigen: Megans Ehemann Scott (Luke Evans)

Der Thriller «The Girl on the Train» ist eine Geschichte über Männer, Frauen und emotionalen Missbrauch. Und einer der besten Filme der Saison. Wir verraten Ihnen, warum.

Es sind unbequeme Geschichten des Lebens, welche die amerikanische Autorin Paula Hawkins in ihrem letztjährigen Bestseller «The Girl on the Train» niedergeschrieben hat. US-Regisseur Tom Taylor (verantwortlich für die Netflix-Serie «Grace and Frankie») hat sich dem Stoff angenommen und daraus den packendsten Film des Kinoherbsts 2016 gemacht. 

«The Girl on the Train» erzählt die Geschichte von Rachel (brillant gespielt von Emily Blunt), die mit ihrem Ehemann Tom (Justin Theroux) eine Familie plant. Das Vorhaben klappt nicht, auch künstliche Befruchtung zeigt keine Erfolge. Rachel flüchtet sich in den Alkohol, die Ehe zerbricht an der Verzweiflung der beiden und Rachel zieht zu ihrer Freundin Cathy (Laura Prepon). Tom heiratet erneut und bekommt mit seiner neuen Frau Anna (Rebecca Ferguson) ein Baby. Die junge Familie leistet sich Nanny Megan (Haley Bennett) – die plötzlich tot im Wald aufgefunden wird. Rachel wird neben Megans Ehemann Scott (Luke Evans) schnell zur Verdächtigen und anfangs scheinen alle Beweise gegen sie zu sprechen. 

Der Film ist aber mehr als ein spannender Krimi. «The Girl on the Train» erzählt auch von emotionalem und körperlichem Missbrauch und von Abhängigkeit. Deutlich zu sehen in einer Szene mit Tom, der seine Exfrau Rachel etwa mit einem Hund vergleicht, der immer wieder zurückgekrochen kommt, als sie von ihm zusammengeschlagen auf dem Boden liegt. Er bringt sie sogar so weit, dass sie in ihrer Psychotherapiesitzung sagt, sie habe Angst vor sich selbst. 

Der Film zeigt auch auf, wie entscheidend und gleichzeitig nüchtern die Beziehung zu Männern im Leben einer Frau zuweilen sein kann. Etwa, wenn Babysitterin Megan ihrem Psychiater Dr. Kamal Abdic (Édgar Ramírez) erzählt: «Es spielt keine Rolle, wer die Männer in meinem Leben sind. Es geht nur darum, welches Gefühl sie mir geben.»

Schuldgefühle, Neid und Verzweiflung

Es gibt viele beklemmende Szenen in «The Girl on the Train», eine davon fiel mir ganz besonders auf: Rachel lässt einen Hauptverdächtigen bei sich übernachten, hat aber kein körperliches Interesse an ihm. Daraufhin sagt die Polizistin, welche Megans Mordfall betreut, zu ihr: «Sie wollten eigentlich, dass er mit ihnen schläft – sie blieben schliesslich über Nacht, das ist doch, was sie wollten!» In Zeiten, in denen Vergewaltigungsopfer wegen Victim Blaming vor Gericht einen schweren Stand haben und in der Schweiz jeder dritte Täter einer Strafe entkommt (der Tages-Anzeiger berichtete), trifft Regisseur Taylor damit den Nerv der Zeit. 

Regisseur Taylor schreckt nicht davor zurück, die Frauen in seinem Film von ihrer hässlichen Seite zu zeigen und dies nicht nur optisch, sondern auch emotional und sozial. Wie beispielsweise Rachel, die sturzbetrunken den ganzen Tag in einem fahrenden Zug sitzt, um ihre Arbeitslosigkeit vor ihrer Freundin Cathy zu verstecken. Oder Megan, wenn sie Kamal anschreit und ihn ins Gesicht schlägt. Die Frauen in «The Girl on the Train» leiden unter Schuldgefühlen, die ihnen den Atem rauben, sie sind neidisch, verzweifelt, schwach – und werden dafür von den Männern nicht nur belächelt sondern so weit in den Wahnsinn getrieben, bis sie selber nicht mehr wissen, was nun ganz genau passiert ist.

Damit ist der Film – wie bereits der Roman – nicht nur ein fantastischer Thriller, sondern vor allem eine Geschichte über Frauen und Männer. Taylor zeigt damit ein tiefgründiges Frauenbild im Kino, abseits des verrückten Weibs, das sich mit seinen Auftritten lächerlich macht. Und legt seinen Figuren Worte in den Mund, die direkt ins Herz gehen – auch, weil sie fast jede Frau so schon einmal zu einem Mann gesagt (oder zumindest gedacht) hat. 

«The Girl on the Train» gehört mit seiner feinfühligen Erkundung der weiblichen Psyche definitiv in die Riegen von Sylvia Plath und Virginia Woolf – und darf in Ihrem Kinoprogramm für den Herbst 2016 nicht fehlen.

– der Film startet am 27. Oktober in der Schweiz

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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