Nepal

Das elende Leben der Kinderwitwen

Text: Carsten Stormer; Fotos: Poulomi Basu/ VII

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Vergewaltigt, verwitwet und verdammt: Seit dem Tod ihres Mannes darf Mamata Kumari Mandal nicht mehr aus dem Haus

In den Dörfern leben zwangsverheiratete Minderjährige wie Sklavinnen

Von Göttern bewacht: Mamata (rechts) mit denbeiden Geschwistern, den Eltern und ihren zwei kleinen Kindern (am Boden)

«Ich lasse mir nicht mehr vorschreiben, wie ich zu leben habe»: Anita Devkota

Ein Hirte versprach ihr ein Handy und die Heirat und schwängerte sie im Reisfeld: America Devi (rechts)

Das Leben im Distrikt Saptari im Südosten Nepals ist streng geregelt. Hier herrschen die Männer. Und der Hinduismus

Kinderhochzeiten sind in Nepal Alltag – trotz Verbot. Stirbt der Ehemann, werden die verwitweten Mädchen zu Ausgestossenen.

Zum ersten Mal vergewaltigte Shivpujan Mandal seine Frau in der Hochzeitsnacht. Mamata Kumari Mandal lag auf dem Bettgestell in der Lehmhütte, in der sie aufgewachsen war, und musste hilflos die Misshandlungen erdulden. Nachdem er sie genommen hatte, schlug er sie. Im Nebenzimmer lagen die Eltern und hörten, wie ihre Tochter schrie. Mamata ahnte, dass ihre Kindheit nun zu Ende war. Sie war zwölf.

Ein paar Monate zuvor hatten Mamatas Eltern ihr erklärt, dass sie jetzt verlobt sei, und ein Foto des künftigen Gatten gezeigt: Shivpujan Mandal, Taglöhner, doppelt so alt wie sie, kein schöner Mensch, aber auf dem Bild lächelte er freundlich. Mamata nickte stumm. Eine Wahl blieb ihr ohnehin nicht. Ihre Cousins hatten den Mann ausgewählt, Mutter und Vater zugestimmt. So ist es üblich in diesem Teil Nepals. Denn Shivpujan stammte aus der gleichen Kaste wie sie, seine Familie forderte keine allzu hohe Mitgift von den Brauteltern, und ausserdem wandelte sich Mamatas kindlicher Körper langsam zu dem einer Frau. Als sie ihre erste Periode hatte, war die Zeit reif zu heiraten.

Er wird gut zu mir sein, dachte Mamata. Sie freute sich auf das Hochzeitsfest; die Musik, die Trommeln, den mit kleinen Spiegeln bestickten Sari, den sie tragen würde. Das war vor fünf Jahren. Heute ist die Freude verschwunden. «Ich wusste nicht, was von einer Ehefrau erwartet wird», sagt sie leise. Ihr Mann erwartete Gehorsam, und wenn er glaubte, sie sei aufsässig, prügelte er. Abends betrank er sich mit seinen Kumpels mit Reisschnaps und fiel über sie her, wann immer er wollte. Er wollte oft. Mamata gebar zwei Söhne, kochte, putzte, hütete das Vieh und war ihm zu Diensten, wenn er danach verlangte.

Vor zwei Monaten verliess Shivpujan die Familie, um als Taglöhner auf den Baustellen im indischen Punjab ein paar Rupien zu verdienen. Sie hoffte, er würde lange fortbleiben, fühlte sich befreit. Fünf Tage später streifte er ein ungesichertes Stromkabel und fiel tot um.

16 Autostunden dauert die Fahrt von der Hauptstadt Kathmandu ins kleine Dorf Inerwa im Distrikt Saptari, tief im Südosten des Landes. Eine Ansammlung aus kleinen Gehöften und Lehmhütten. Es ist eine Reise in das östliche Terai, Nepals fruchtbare Tiefebene, in der die letzten Tiger und Nashörner durch die Graslandschaften ziehen. Eine patriarchalische, streng hinduistische Welt. Kasten und uralte Traditionen prägen das Leben. Schwüle Hitze liegt zwischen den Hütten. Mamata Kumari Mandal sitzt auf einem Schemel in einem Ziegenstall am Rand einer staubigen Schotterstrasse, die ihr Dorf mit der Welt verbindet, und erzählt ihre Geschichte.

Ein scheues, schönes Mädchen, 17 Jahre alt, das nie in die Schule gehen durfte. Sie flüstert, damit die Nachbarn nicht zuhören, die über sie tuscheln und mit dem Finger auf sie zeigen. Neben ihr die Eltern, stumm und streng. Sie trägt einen weissen Sari, die Farbe der Trauer, weil von ihr erwartet wird, dass sie trauert, das Haar zurückgebunden. Aus ausdruckslosen Augen blickt sie auf ihre Hände, die sie unaufhörlich aneinander reibt, als wolle sie ein unsichtbares Stück Dreck entfernen. Zu ihren Füssen spielen ihre beiden Söhne auf dem Lehmboden des Stalls, drei Jahre und sechs Monate alt.

Mit hängenden Schultern sitzt Mamata da. Nur wenn sie über den Tod ihres Ehemanns spricht, huscht für einen Augenblick ein Lächeln über ihr Gesicht, und ein Leuchten schleicht sich in ihre Augen. Schnell dreht sie sich weg, blickt erst zum Vater, dann zur Mutter, die sie beobachten. Hofft, dass die Eltern nicht bemerken, dass die Trauer, die sie trägt wie zu dick aufgetragene Schminke, nur aufgesetzt ist. Der Vater sagt, dass es besser sei, einen schlagenden Schwiegersohn zu haben als «eine Witwe zur Tochter». Mamata verliert eine Träne, dann gleitet sie wieder in die Rolle des folgsamen Mädchens – so wie es von ihr erwartet wird.

Mamata ist eine von Tausenden nepalesischen jungen Frauen, deren Männer gestorben sind. Man nennt sie Bekalayas, Kinderwitwen. Als Kind verheiratet und früh verwitwet. In der von Männern dominierten Gesellschaft Nepals gelten sie als Hexen, die ihre Männer «aufessen». Sie brächten Unglück, weil sie irgendwann im endlosen Zyklus aus Wiedergeburten in irgendeinem Leben irgendeine Sünde begangen haben sollen. So steht es in den Veden, den hinduistischen Schriften.

Deshalb müssen Bekalayas in diesem Leben büssen. Sie sind Ausgestossene, die ein Stigma tragen, das an ihnen haftet wie ein übler Geruch. Fast alles ist ihnen verboten: Sie dürfen keine andere Farbe tragen als Weiss, schon gar nicht Rot. Schmuck ist ihnen ebenfalls untersagt. Wenn Freunde und Familie feiern, sind sie nicht dabei. Sie dürfen keinen Tempel besuchen, weder Fleisch noch Fisch essen. Noch einmal heiraten? Unmöglich. Sie dürfen weder das Haus verlassen noch einem Mann in die Augen sehen. Denn das bringe Unglück, sagen die Männer. Bestenfalls werden Bekalayas von der Gemeinschaft als unsichtbare Mitmenschen geduldet; im schlimmsten Fall aus ihren Familien und Dörfern vertrieben, geächtet, verbrannt, ermordet. Viele junge Frauen enden als Bettlerinnen, Prostituierte oder als billige Arbeitskräfte für ihre Schwiegereltern. Wer Glück hat und ein wenig Schulbildung, findet Jobs in Indien oder in den Arabischen Emiraten.

Die meisten Bekalayas leben in den Bauerndörfern des Distrikts Saptari. Doch sie zu finden ist nahezu unmöglich. Ihre Familien verstecken sie, aus Angst, Ärger mit den Behörden zu bekommen, da Kinderhochzeiten offiziell verboten sind. Die wenigen Hilfsorganisationen, die sich der Kinderwitwen annehmen, schützen deren Identität. Erschwert wird die Suche durch grosse Entfernungen und fehlende Infrastruktur.

Noch immer werden fast alle Ehen in Nepal arrangiert. Nach einer Studie der nepalesischen Regierung heiraten 63 Prozent der Frauen vor dem 18. Lebensjahr, 7 Prozent vor dem 10. Obwohl das Mindestalter bei 18 liegt. Doch in den abgeschiedenen ländlichen Teilen Nepals gelten andere Gesetze. Nicht die des Staats, sondern die der heiligen Schriften, in der die Frau als Quell allen Bösen dargestellt wird. Nur Ehefrauen werden als Lakshmis verehrt, benannt nach der hinduistischen Göttin des Reichtums und der Schönheit. Witwen dagegen werden Alachhinis genannt – ein böses Omen, das Unglück bringt. Von ihnen wird erwartet, dass sie ihr Schicksal akzeptieren.

Nicht alle wollen das hinnehmen. Frauen wie Anita Devkota beispielsweise. Wie jeden Morgen wartet die 38-Jährige in ihrem verwitterten Haus gegenüber einem Hindutempel in der 37 000-Einwohner-Stadt Rajbiraj auf Besucherinnen, deren Geschichten ihren Tag füllen und ihr nachts den Schlaf rauben. Anita Devkota ist Präsidentin einer Basisorganisation, die sich «Gruppe alleinstehender Frauen in Saptari» nennt – ein Zusammenschluss von Witwen, die das Leben ihrer Schicksalsgefährtinnen verbessern wollen.

Die Kunde, dass es Frauen gibt, die sich ihrem Schicksal widersetzen, erreicht auch entlegene Dörfer. 3500 Witwen gehören der Gruppe inzwischen an, 64 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen vertreten sie. Gemeinsam informieren sie Witwen über ihre Rechte. «Die meisten wissen gar nicht, dass sie Ansprüche haben», sagt Anita Devkota. Die Gruppe kämpft vor Gericht dafür, dass Frauen ihr Erbteil erhalten, die Aktivistinnen informieren die Polizei, wenn wieder eine Witwe aus ihrem Dorf gejagt wird. Oder sie organisieren Demonstrationen, bei denen wütende Frauen mit Transparenten durch die Dörfer marschieren und ihre Forderungen nach Anerkennung ins Megafon brüllen. Aber hauptsächlich gehe es darum, das Denken der Menschen zu ändern. Das der Männer, vor allem aber das der Frauen, die das Unrecht schweigend ertragen.

Anita Devkota weiss, was es bedeutet, ein Leben als Bekalaya zu fristen; verheiratet mit 15, der Mann ermordet, als sie 22 war – und sie musste erfahren, wie schwer es ist, diesem Dasein zu entkommen. Zweimal hat sie versucht, sich umzubringen, 16 Jahre lang gekämpft, um aus dem Schatten ihres toten Mannes zu treten, ihr Erbe zu erstreiten, das ihr die Schwiegereltern verwehrten, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Heute ist sie selbstbewusst, trägt Lippenstift und wickelt sich in farbenfrohe Saris. Am liebsten in Rot. «Ich lasse mir nicht mehr vorschreiben, wie ich zu leben habe.» Trotzdem ist sie überzeugt, dass irgendetwas in ihrem vorigen Leben schiefgelaufen sein muss. «Ich frage mich, was ich getan habe, um dieses Schicksal zu erleiden.» Es muss etwas Schlimmes gewesen sein, denn «sonst wäre mein Mann nicht ermordet worden».

Als sie die Treppe aus den Wohnräumen im zweiten Stock ihres Hauses zum Büro hinabsteigt, warten schon zwei verschüchterte Bekalayas unter dem Litschibaum im Garten. Anita bittet sie auf den Plastikstühlen ihrer Terrasse Platz zu nehmen und serviert selbst gemachte Limonade. Dann hört sie sich die Geschichten an. Von schlagenden Männern, seelischen Grausamkeiten, tobenden Schwiegereltern und dem Abgleiten ins soziale Abseits. Das Telefon klingelt. Eine Bekannte erzählt die Geschichte einer 13-jährigen Kinderwitwe, die in einem Dorf nicht weit von Rajbiraj leben soll. Vielleicht sei es aber auch nur ein schwangeres Mädchen, das verlassen wurde. Genau weiss sie das nicht. «Es spielt keine Rolle, ob der Bräutigam verschwunden oder tot ist. Den Preis zahlt in jedem Fall das Mädchen.»

Anita schnappt sich die Handtasche, stoppt ein Taxi und fährt hinaus in die Dörfer, bis die Kiesstrasse in einen Feldweg mündet. Die letzten hundert Meter nach Malakpur geht sie zu Fuss, in elegant verzierten Slippers, in einer Hand die Handtasche, in der andern den Schirm, der gegen die unbarmherzige Sonne schützt.

Auf den Feldern am Dorfrand picken Marabus Saatgut aus dem rissigen Boden. In einem Wasserreservoir kühlen sich Wasserbüffel, daneben planschen nackte Kinder. Frauen in leuchtenden Tüchern waschen ihre Kleidung. «Ich suche America Devi», fragt sich Anita Devkota von Haus zu Haus durch, bis eine Ziegenhirtin auf eine Lehmhütte zeigt.

Hinter einem Holztor, abgeschirmt von den Blicken der Dorfbewohner, lebt die 13-Jährige, ein dürres Kind, unter dessen zerschlissenem Kleid sich der Bauch wölbt. Sie ist im siebten Monat. Der Vater denkt, dass Anita eine Regierungsbeamtin ist, gekommen, um die Hochzeit seiner Tochter zu verbieten. «Er muss mein Schwiegersohn werden. Er muss meine Tochter heiraten», wiederholt er wie ein Mantra. Anita will ihm, als Geste des Vertrauens, die Hand auf den Arm legen, zieht sie aber im letzten Moment zurück. Witwen ist es verboten, Männer zu berühren. «Ich bin keine Polizistin. Ich will deiner Tochter helfen, Bruder», sagt sie.

Doch was kann man tun für ein Kind, das von einem 17-jährigen Hirten unter dem Versprechen, ihm ein Mobiltelefon zu schenken, in einem Reisfeld geschwängert wurde? Wie sich wehren gegen eine Familie, die den Kindsvater ins Exil nach Katar schickte, um der Schande einer Ehe mit einem Bauernmädchen aus einer niedereren Kaste zu entgehen? Wie ein Mädchen schützen vor den Schmähungen, den hässlichen Worten? Mädchen wie America werden oft so lange schikaniert, bis sie nur noch einen Ausweg sehen. Letztes Jahr erhängte sich ein Nachbarmädchen, 17 Jahre alt und im fünften Monat schwanger. Genau das will Anita verhindern. America sitzt derweil etwas abseits auf einem Holzschemel und starrt verlegen auf ihre Füsse. Nur einmal blickt sie kurz auf, Tränen im Blick, und murmelt: «Er hat mir doch versprochen, dass er mich heiraten wird.» Doch das ist unwahrscheinlich. Wenn der junge Mann sie nicht heiratet, gilt America Devi fortan als Kinderwitwe, als Ausgestossene. Es ist nicht viel, was Anita hier tun kann. Ihre Handynummer hinterlassen, mehr nicht. «Die Eltern des Jungen werden niemals einer kastenübergreifenden Hochzeit zustimmen», sagt sie, als sie sich von der Familie verabschiedet.

Bedrückt verlässt Anita das Haus, wie üblich, wenn sie ein Kind trifft, dessen Leben zerstört ist, bevor es richtig begonnen hat. Sie weiss, es ist ein Prozess der kleinen Erfolge. «Wir stehen noch ganz am Anfang», sagt sie. Zwei Schritte vor, einen zurück. So sei es nun mal, wenn man Konventionen aufbrechen und gegen Traditionen ankämpfen wolle. Kleine Schlachten sind schon gewonnen. So hat die nepalesische Regierung beschlossen, dass Witwen nicht mehr die Erlaubnis eines männlichen Familienmitglieds benötigen, um einen Pass zu beantragen. Sie haben ein gesetzlich zugesichertes Anrecht auf ihr Erbe. Und sie dürfen seit kurzem auch ohne die Erlaubnis ihrer Söhne Land kaufen oder verkaufen. Immerhin.

Die Nacht legt sich wie ein schwarzes Tuch über die Tiefebene, und mit ihr kommen die Mückenschwärme, die über die Menschen herfallen. Zurück in Rajbiraj, bittet Anita den Fahrer am Tempel des Rama anzuhalten. Sie will für die kleine America beten. Obwohl es ihr eigentlich als Witwe nicht gestattet ist, einen Tempel zu betreten. Es ist die Zeit des Puja, des täglichen Opferrituals. Halbnackte Männer mit verfilzten Haaren und langen Bärten schwenken Weihrauch, murmeln Mantren und sehen Anita missmutig an. Sie schert sich nicht darum, faltet die Hände, schliesst die Augen und verschmilzt in ein Zwiegespräch mit den Göttern.

Währenddessen richtet sich Mamata Kumari Mandal in ihrem Dasein ein. Neben ihr sitzt ihre jüngere Schwester und einzige Freundin Sanjana, 13 Jahre alt. In wenigen Tagen wird Sanjana heiraten, und Mamata hofft, dass die Eltern diesmal eine bessere Wahl getroffen haben. Sanjana ist aufgeregt, trommelt mit den nackten Füssen auf den Lehmboden. Der Hochzeitstag naht. Sie streicht über den lila Sari mit den goldenen Stickereien, hält sich Goldschmuckimitat vors Gesicht und kichert, als sie sich im Spiegel bestaunt. Den Mann, den sie heiraten wird, hat Sanjana noch nie getroffen. «Meine Eltern wollen es so», sagt sie und bittet Mamata dann, sie zu schminken.

Wenn es dann so weit ist, der Vater die kleine Schwester einem fremden Mann übergibt, wird Mamata allein und isoliert in ihrer Lehmhütte sitzen und dem Trommeln und den Gesängen des Fests lauschen. Sie wendet den Blick ab, damit Sanjana ihre Tränen nicht sieht.

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