Ein kritisches Porträt

Hillary Clinton: Der lange Weg zur Macht

Text: Lotta Suter, Fotos: Getty

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Vollblutpolitikerin: Hillary Clinton im September auf dem Flughafen von White Plains im Staat New York

Musterschülerin und Aktivistin gegen den Vietnamkrieg: Hillary Rodham, von 1965 bis 1969 Studentin am Wellesley College

Die Chancen stehen gut, dass am 8. November mit Hillary Clinton erstmals eine Frau zur Präsidentin der USA gewählt wird. Doch die Vorfreude unserer Autorin Lotta Suter ist getrübt. Die Politologin und USA-Korrespondentin der linken «Wochenzeitung» über das feministische Auslaufmodell Hillary.

«Madam President» – Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern prüfen zurzeit, wie glatt ihnen dieser neue Titel über die Lippen geht. Denn seit Inkrafttreten der US-Verfassung 1789 bestimmte immer ein Mister President die Geschicke des Landes. Während 228 Jahren war die US-Präsidentschaft männlich codiert. Und bis zur Wahl von Barack Obama im November 2008 waren trotz ethnisch durchmischter Bevölkerung alle Regierungschefs der USA blütenrein weiss. Diese selbstherrlichen Zeiten sind nun vorbei (auch wenn ihnen die Donald Trumps dieser Welt noch eine Weile nachtrauern werden).

Eine Frau an der Spitze der Supermacht USA, das erfüllt doch jeden feministischen Traum: Endlich wird die höchste der gläsernen Decken für karrierebewusste Frauen durchbrochen, und die Scherben des Patriarchats können nicht mehr zusammengekleistert werden. Wieso nur ist die Begeisterung über diesen historischen Schritt bei vielen Amerikanerinnen so gering?

Bei der Wahl des ersten nicht weissen Mannes ins höchste Amt der USA war das ganz anders. Viele Obama-Fans jubelten 2008, als wäre der Messias persönlich auf die Erde gekommen, um sie von den dunklen Zeiten unter George Bush Jr. zu erlösen. Hope and Change versprach der junge Politiker. Und siehe da, die optimistischen Wahlkampfslogans wurden mehrheitsfähig. Nach der Wahl von Barack Obama sagten ältere Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner mit Tränen in den Augen: «Dass wir das noch erleben dürfen! Eine schwarze Familie im von Sklaven erbauten Weissen Haus!»

Acht Jahre und unzählige enttäuschte Hoffnungen später kann man sich solch emotionale Szenen kaum mehr vorstellen. Bei der Wahl von Madam President werden allenfalls diejenigen Amerikaner in eine blindwütige biologische Raserei verfallen, die immer noch glauben, männliche weisse Gene allein müssten die Welt regieren. Die meisten Frauen, gerade auch die jüngeren, werden bei der Damenwahl hingegen eher kühlen Kopf bewahren. Denn bereits die kurze Geschichte von führenden Frauen in der Politik hat gezeigt: Bei der Gleichstellung der Geschlechter kommt es nicht bloss darauf an, sich ein grösseres Stück vom Machtkuchen zu ergattern. Es geht auch darum, ein anderes, zugleich luftigeres und nahrhafteres Gesellschaftsgebäck für alle zu kreieren.

Premierministerin Margaret Thatcher hat uns diese Lektion im Vereinigten Königreich der Achtzigerjahre beispielhaft vorgeführt: Zwar besetzte die eiserne Lady als erste Frau die höchste Machtposition im Land und konnte sich lange darin halten. Doch sie regierte wie ein (neoliberaler) Mann, und ihr radikaler Abbau des Sozialstaats traf die Frauen zuerst. Seither haben wir von Regierungschefinnen in aller Welt zur Genüge bewiesen bekommen, dass das Geschlecht allein kein Garant für eine einfühlsamere, empathischere Politik ist. (Was an sich nicht gegen die Wahl von Frauen spricht, jedoch nicht unter allen Umständen dafür.)

«Politische Identität bildet sich nicht über das weibliche Chromosom», urteilte ich als junge Journalistin 1984 nach der Wahl der ersten Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp kategorisch. Heute würde ich es mehrdeutiger formulieren und sagen: Politische Zugehörigkeit entsteht keinesfalls bloss, aber auch über das weibliche Chromosom oder über andere genetische Unterschiede. In den USA jedenfalls betonen gerade schwarze Feministinnen, wie wichtig es für ihre politische Arbeit mit jungen Leuten sei, dass Barack Obama und Hillary Clinton mit ihrer Person den Pool der denkbaren Führungspersönlichkeiten erweitert haben.

Wieso ist es so schwierig, sich vorzustellen, dass der nächste «mächtigste Mann der Welt» eine Frau ist? Schliesslich haben sich seit dem späten 18. Jahrhundert bereits Dutzende von Frauen für das US-Präsidentenamt beworben. Das letzte Mal versuchte es Hillary Clinton 2008, als sie mit einer ausgesprochen männlichen Kampagne in der Vorwahl gegen Barack Obama unterlag. Doch diesmal kandidiert sie mit Aussicht auf Erfolg. Da will man wissen: Was ist das für eine Frau?

Es ist eine Ironie, dass die erste mögliche US-Präsidentin gegen einen Mann antreten muss, der mit der Grösse seines Gliedes prahlt

Hillary Clinton steht seit Jahrzehnten im politischen Rampenlicht: In den Achtzigerjahren war sie First Lady des Bundesstaats Arkansas, von 1993 bis 2001 Präsidentengattin im Weissen Haus, anschliessend demokratische Senatorin des Bundesstaats New York und schliesslich, von 2009 bis 2013, Aussenministerin von Präsident Obama. Sie ist seit Jahrzehnten eine breit kommentierte öffentliche Person. Und doch ist sie kaum zu fassen. Jedes Hillary-Porträt, und wohl auch dieses, gerät zum Vexierbild: Sie ist es, und sie ist es nicht.

Zum Beispiel ist die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton das pure Gegenteil ihres republikanischen Konkurrenten Donald Trump. Es ist eine Ironie, aber kein Zufall der Geschichte, dass die erste mögliche Frau Präsidentin der USA gegen einen Mann antreten muss, der bei öffentlichen Auftritten schon mal mit der Grösse seines Gliedes prahlt. Und die Geschlechterklischees setzen sich fort: Während der Wichtigtuer Trump oft schlicht zu faul ist, Dossiers und Sachgeschäfte zu studieren, hat sich Clinton während ihrer Politkarriere den Ruf einer strebsamen Musterschülerin erworben. Während der Immobilienmilliardär und ehemalige Fernsehstar es liebt, in der Menge zu baden und diese mit dummen Sprüchen aufzuheizen, wirkt Hillary Clinton in der grossen Arena eher (weiblich?) gehemmt und abweisend und tendiert dazu, ihr Publikum mit komplizierten und detaillierten Ausführungen zu langweilen. Im kleinen Kreis sei sie ganz anders, versichern ihre Freunde und Wahlhelfer, da sei die Frau herzlich und witzig und ausgesprochen intelligent. Persönlich nachprüfen konnte ich das nicht, doch es gibt Fotos, die etwas von dieser Spontaneität zeigen.

Hillary Clinton ist also die Antithese zu Donald Trump. Und doch haben beide ähnlich tiefe Umfragewerte, wenn es um ihre Beliebtheit und Glaubwürdigkeit geht. Rund sechzig Prozent der Stimmberechtigten in den USA können sich für keine der beiden Personen begeistern. Meine US-Bekannten sagen meist, sie würden weder Hillary noch Donald über den Weg trauen. Beide seien typische Politiker, was besonders in den USA ein Schimpfwort ist für Opportunisten, Demagogen und Wendehälse. Trump, das wissen wir, ist ein unverschämter Meister der grossen Lüge. Er – und offenbar eine erschreckend grosse Anzahl von Trump-Fans – kümmert sich einen Dreck um den Wahrheitsgehalt seiner Darbietungen. Hillary Clinton hingegen nimmt für sich in Anspruch, genau, korrekt und aufrichtig zu sein – und muss ihre Aussagen immer wieder korrigieren, weil ihr halt doch kleine Irreführungen oder Unterlassungen oder Beschönigungen nachgewiesen werden können. Zuletzt etwa bei der endlosen Geschichte um ihre Verwendung eines privaten, ungesicherten E-Mail-Servers für heikle Staatsgeschäfte: Defensiv gab sie immer nur die allernötigsten Fehler zu, belastete wenn möglich andere Personen und verhedderte sich in Widersprüche, die ihr politisch am Ende mehr Schaden zufügten als der naive und technisch etwas unbeholfene Umgang mit ihren Blackberry-Geräten und klassifizierter Information. Grosse Lügen, kleine Lügen – viele Wählerinnen und Wähler machen da offenbar keinen Unterschied.

Hillary änderte ihren Namen und opferte aus politischer Opportunität ein Stück ihrer Überzeugung und Identität

Und die US-Medien üben sich in unverschämter, um nicht zu sagen sexistischer Doppelmoral: Von der 69-jährigen Hillary Clinton wird nicht erst seit der Geschichte mit der Lungenentzündung und ihrem Schwächeanfall an der diesjährigen 9/11-Gedenkfeier verlangt, dass sie alle medizinischen Details bekannt gibt, inklusive Grösse und Gewicht. Beim 70-jährigen Donald Trump hingegen akzeptiert man einen dilettantischen Sudel, der ihm pauschal eine «ausgezeichnete Gesundheit» attestiert. Doch Trump muss ja auch nicht wie alle Präsidentschaftskandidaten seit vierzig Jahren seine Steuerverhältnisse offenlegen. So etwas verlangt man bloss von der Frau und Demokratin.

Hillary Clinton ist eine Frau wie du und ich. Das versicherte ihr Ehemann und Ex-Präsident Bill Clinton diesen Sommer in einer beinah schon rührseligen Rede am demokratischen Parteitag. Er beschrieb den Delegierten und der ganzen Nation die blonde Haarpracht der Studentin Hillary, ihre grosse Brille und wie er sie erst beim dritten Heiratsantrag für sich gewinnen konnte. Das Publikum erfuhr mehr intime Details über die Geburt von Tochter Chelsea, als ihm lieb war, und die politischen Verdienste wurden eher wie nebenbei erwähnt. Der populäre Ex-Präsident weiss, wie man die Leute für sich gewinnt. Und offenbar ist das für eine Politikerin auch im Jahr 2016 noch immer über den Umweg als perfekte Gattin und Mutter.

Hillary selber hatte sich schon vor Jahrzehnten für Zugeständnisse an den jeweiligen Zeitgeist entschieden, wie sich an ihrer gewundenen Namensgeschichte ablesen lässt. Sie wurde 1947 als Hillary Diane Rodham geboren und behielt ihren Nachnamen 1975 bei der Heirat mit Bill Clinton bei, obwohl seine Mutter deswegen in Tränen ausbrach. Als ihr Ehemann 1978 für den Gouverneursposten kandidierte, spottete der Konkurrent aus der eigenen Partei über Hillary Rodham, diese «glühende Feministin». Nach Bills Wahlniederlage 1980 beschloss Hillary, ihren Namen zu ändern, um seine Karriere nicht zu gefährden. Das ist ein entscheidender biografischer Einschnitt: Hillary opfert aus politischer Opportunität ein Stück ihrer Überzeugung und Identität.

Meist unterschrieb sie fortan – als Gouverneursgattin in Arkansas bis 1992 und später als First Lady im Weissen Haus – mit Hillary Rodham Clinton. Als sie mit Ehemann Bill nach zwei Amtsperioden und seinen Sexskandalen das Weisse Haus verlässt und um die Jahrtausendwende mit über fünfzig Jahren endlich und erfolgreich ihre eigene politische Karriere startet, tut sie es zunächst als «Hillary» ohne den rufgeschädigten Nachnamen. Doch seit die Aufregung um die Eskapaden ihres Mannes verebbt ist, benutzt sie wieder das immer noch populäre und verkaufsstarke Clinton-Label. Rodham bleibt aus Vorsicht im Hintergrund – was viele jüngere Amerikanerinnen ärgert, die je länger je mehr stolz darauf sind, bei der Heirat ihren eigenen Namen zu behalten.

Und doch ist Hillary Clinton keine Frau wie du und ich. Auch wenn sie noch so viele süsse Familienfotos mit Grosskind Charlotte herzeigt, ist die Präsidentschaftskandidatin eine ausnehmend ehrgeizige Spitzenpolitikerin, deren berechnende Einblicke ins Privatleben zuweilen – wie bei männlichen Politikern natürlich auch – unangenehm berühren. Insbesondere ein Bild geht mir nicht aus dem Kopf: Hillary und Bill, beide im blauen Badeanzug, tanzen innig an einem Strand in der Karibik. Es ist Januar 1998, und Bill Clinton ist in das erste einer Reihe von Gerichtsverfahren wegen sexueller Belästigung einer Untergebenen (Paula Jones) verwickelt. Hillary muss von der Sache wissen, denn der Präsident bereitet in diesen Tagen seine eidesstattliche Erklärung vor.

Was sie privat mit der Information über die präsidentielle Affäre tut, ob sie ihrem Mann verzeiht oder nicht, das geht mich, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Doch welche Frau gibt sich in dieser desolaten Situation dafür her, glückliche Ehefrau zu spielen und ihren Göttergatten vor laufender Kamera auch noch anzuhimmeln? Bestimmt nur eine ambitionierte Frau mit einem Lebensplan, die sich durch persönliche Enttäuschung und Demütigung nicht von ihrem einmal gewählten Weg abbringen lässt und die (fast) alles tut, um zum Ziel zu gelangen. Eine, die das Private und das Politische mannhaft entschlossen zu trennen vermag – was man ihr als Frau dann besonders übel nimmt. Hillary Clintons Feinde nennen sie nach der machtbewussten unerbittlichen Shakespeare-Figur Lady Macbeth. Oder sie bezeichnen sie als Hexe, eine sexistische Verunglimpfung, vergleichbar mit dem rassistischen Tabuwort Nigger, das Barack Obama immer wieder zu hören bekommt. Verschärfter Sexismus und Rassismus sind die Schattenseiten der mit der schwarzen beziehungsweise weiblichen Präsidentschaft symbolisch bekräftigten gesellschaftlichen Öffnung der USA.

Ihre Feinde nennen sie Lady Macbeth, nach der machtbewussten unerbittlichen Shakespeare-Figur

Kein Zweifel, Hillary Clinton ist polarisierend. Sie ist nicht nur eine Frau, sie ist eine Feministin. «Eine stolze Feministin», wie sie selber immer wieder betont. Als frisch nominierte offizielle Kandidatin trat sie am Parteitag der Demokraten in einem leuchtend weissen Hosenanzug auf die Bühne. Auf mich wirkte diese Abweichung von der sonst üblichen dezent-biederen Angela-Merkel-Garderobe etwas befremdlich. Will sich die mit allen Wassern gewaschene Politikerin tatsächlich als jungfräuliches Bräutchen präsentieren?

Weit gefehlt. Hillary Clinton wählte Weiss als Tribut an frühere Frauenbewegungen und Suffragetten, welche sich in den USA diese Farbe – statt wie hierzulande Lila – zum Symbol gewählt hatten. Viele gestandene US-Feministinnen bestätigen, dass sich Hillary ihr Leben lang für Frauen und speziell für mittellose Frauen und ihre Kinder eingesetzt hat. Sie kämpfte schon als Studentin für den Zugang aller Frauen zu Bildung und Medizin, inklusive Verhütung und Abtreibung. Und als Präsidentin will sie sicherstellen, dass die Hälfte ihres Mitarbeiterstabs weiblich ist.

Frauenquoten sind heutzutage vielleicht nicht mehr in. Frauen aus Hillary Clintons Generation, sogar solche aus der republikanischen Gegenpartei, verstehen jedoch, wie wichtig die institutionalisierte Gleichberechtigung und Gleichstellung ist. Sie sind in einer Zeit erwachsen geworden, als ihnen die Mitstudenten noch die Butter auf dem Brot missgönnten. Die angehende Präsidentin der USA erinnert sich etwa an diese Anekdote: Zusammen mit einer Freundin, beide Absolventinnen der Frauenuniversität Wellesley College, wartet Hillary auf den Beginn einer Aufnahmeprüfung für Nachdiplomstudien. Die beiden Frauen werden von den männlichen Kollegen angegrobst, sie seien hier unerwünscht. Einer sagte Hillary (einer politisch aktiven Vietnamkrieggegnerin): Falls er wegen der weiblichen Konkurrenz die Aufnahme in die Hochschule nicht schaffe und folglich nach Vietnam eingezogen werde und dort umkomme, sei das ihre Schuld. Dieses kindlich-trotzige Mutter-ist-an-allem-schuld kann man heute noch erstaunlich oft in kritischen Kommentaren zu Hillary Clinton finden. Für all die tatsächlichen und die aufgebauschten Skandale um das Powerpaar Clinton – von den luschen Immobiliengeschäften in Whitewater und dem Selbstmord des gemeinsamen Freunds Vince Foster über Bills «unangemessene» Beziehung zur Volontärin Monica Lewinsky im Weissen Haus bis zu den millionenstarken Redehonoraren der letzten Jahre und zum vertraulichen Verhältnis zur Hochfinanz – wird Ehefrau Hillary weit mehr in die Pflicht genommen als ihr leutseliger und beliebter Stehaufmann Bill.

Für viele Amerikaner und etliche Amerikanerinnen ist Hillary Clinton nach wie vor eine Radikale, eine Bedrohung. Für die junge Generation von Feministinnen ist sie hoffnungslos moderat. Denn sie hat die Entwicklung von einer Bewegung, die die Frauen den Männern gleichstellen will, dem sogenannten weissen Feminismus, zum Feminismus als einer gesellschaftsverändernden Kraft nie wirklich mitgemacht. Dieser letztgenannte umfassende Feminismus, den es seit Beginn der Emanzipationsbewegung gibt, heisst heute etwas umständlich intersektional. Er hat alle Unterdrückung im Blick, nicht nur die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, sondern auch die Benachteiligung aus sozialen und ethnischen Gründen oder aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen. In dieser «Unterwelt» kennt sich Hillary Clinton nicht sehr gut aus, sie bewegt sich wie ihr Konkurrent und die meisten Spitzenpolitiker, vielleicht mit Ausnahme des unterlegenen Bernie Sanders, in mächtigeren und reicheren Kreisen.

«Sie baute ihre Karriere auf mit Sparpolitik, Militarismus und Repression. Das sind die schlimmsten Seiten des neoliberalen Kapitalismus und besonders schrecklich für Frauen. Und ich habe genau diese Dinge mit aller Kraft bekämpft»; so hart beurteilt die sozialistische Journalistin und Publizistikprofessorin Liza Featherstone die Präsidentschaftskandidatin. Man muss nicht so weit links stehen, um zu sehen, wie sehr Hillary Clinton – aus eigener Überzeugung oder aus opportunistischem Pragmatismus – sich der jeweils dominierenden Männerpolitik angepasst hat. (Das gilt sogar für ihre kurze «revolutionäre» Phase in der ersten Jahreshälfte 2016, die sie dem damals ziemlich tonangebenden Mitkandidaten, dem Sozialisten Bernie Sanders, zu verdanken hat.) Ihr politisches Motto seit den Siebzigerjahren heisst: Taten statt Worte. Welche Taten statt welcher Worte ist oft weit weniger klar.

Es gibt kaum ein politisches Thema, bei dem Hillary Clinton nicht ihre Meinung gewechselt hat, oft sogar mehrmals. Diese Unbeständigkeit betrifft etwa die sogenannten Freihandelsabkommen oder die umstrittene Keystone-Pipeline XL, die Öl von den Teersandvorkommen in Kanada in die USA bringen soll. Hillary flippfloppt bei aussenpolitischen Themen wie den Sanktionen gegen Kuba, der Bewaffnung syrischer Rebellen, der Haltung zum Irakkrieg und zur Urananreicherung im Iran. Sie hofiert gleichzeitig die Kriegsgegner und den ehemaligen Aussenminister Henry Kissinger, gegen den schon mehrmals wegen Kriegsverbrechen ermittelt wurde. Sie wechselt aber auch in der Innenpolitik häufig ihre Positionen, zum Beispiel bezüglich Schwulenehe, Waffenkontrolle oder bei Privatisierungen im Bildungssektor. Natürlich gibt es in der Politik zuweilen gute Gründe für eine Neupositionierung, doch Clintons wetterwendisches Hin und Her untergräbt das politische Vertrauen der Wählerinnen und Wähler. Zunächst natürlich das Vertrauen in die Kandidatin. Doch dann auch jenes in das politische System als Ganzes. Und gefährdet ist die Demokratie besonders dann, wenn bloss ein noch weitaus gefährlicherer Wendehals als Alternative zur Auswahl steht.

Hoffen wir auf einen Wahlsieg von Madam President, auch wenn wir dadurch nicht gleich ins Postpatriarchat katapultiert werden. Und nehmen wir die Herausforderung an, die mächtigste Frau der Welt kritisch zu begleiten, ohne in alte frauenfeindliche Muster zurückzufallen.

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