Olympia-Blog

Begleitet von Wind und Wellen in Rio

Text & Fotos: Jeannine Gmelin

Begleitet von Wind und Wellen in Rio
Begleitet von Wind und Wellen in Rio
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Das obligate Erinnerungsfoto mit den Olympischen Ringen

Die Dining Hall: Ein Zelt so gross wie ein Fussballfeld

Die Ruderin Jeannine Gmelin aus Uster tritt an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro für die Schweiz an. In ihrem zweiten Bericht erzählt die 26-jährige Sportlerin, warum sie nach ihrem ersten Rennen auf Petrus' Gnade hofft.

Zwischenzeitlich bin ich schon mehr als eine Woche in Rio, doch die ersten paar Tage waren nicht ganz ohne. Den Kulturschock zu verdauen und all die vielen Eindrücke einzuordnen, hat einiges an Energie gekostet. Bald aber waren die ersten Orientierungsschwierigkeiten überwunden, und ich hatte auch das Zeitmanagement so langsam im Griff: Ich wusste, wann ich loslaufen musste, um genügend Zeit zu haben, mich durchs Gewimmel am Frühstücksbuffet zu kämpfen und dann auch noch rechtzeitig den Bus zur Ruderstrecke zu erwischen.

Da der Transfer zwischen der Lagune – meinem Trainingsort – und dem olympischen Dorf pro Fahrt mindestens eine Stunde in Anspruch nahm, waren die Tage ziemlich gefüllt. Während der ersten Woche haben wir jeweils eine Einheit am Morgen und eine am Nachmittag absolviert und konnten über Mittag in einer externen Unterkunft nahe der Strecke zu Mittag essen und kurz entspannen.

Bald war klar, dass Wind und Wellen unsere ständigen Begleiter sein würden. Einmal war die Strecke aus Sicherheitsgründen sogar geschlossen. Diese Möglichkeit nutzte ich zusammen mit meinen beiden Leichtgewichtskollegen für eine Erkundungstour durch das olympic Village.

Gerade rechtzeitig, bevor man in einen Trott hätte fallen können, wurde es dann langsam, aber sicher ernst. Nervosität hatte ich bis anhin kaum verspürt, aber als ich am Abend des 5. August zusammen mit meinen Teamkollegen die Eröffnungsfeier im TV verfolgte – da ich am nächsten Tag mein erstes Rennen zu absolvieren hatte, konnte ich leider nicht live dabei sein –, hatte ich meinen ersten richtigen Gänsehautmoment. Es folgten zwei weitere: Einmal während der Aufwärmrunde vor dem Rennen, als von der Zuschauertribüne «Hopp Schwiiz» Anfeuerungsrufe zu hören waren, und natürlich, als ich dann am Start meines ersten Rennens der Olympischen Spiele stand. Diese Momente vergesse ich so schnell nicht. Die Gedanken und Gefühle, welche in diesen Augenblicken in mir hinaufschossen, in Worte zu fassen, ist sehr schwierig. Es war ein Mix aus Freude, Dankbarkeit, Aufregung und Demut.

«Attention – go!», und los gings. Ich erwischte einen guten Start und lag bald in Führung. Nach einem Viertel der Strecke wurde das Wasser zunehmend unruhiger, der Wind stärker und die Wellen immer grösser. Anstatt mich darauf zu konzentrieren, einen möglichst guten Rhythmus zu finden, musste ich vor allem darauf achten, die Kontrolle über das Boot zu behalten. Im Mittelteil wurde ich von den Wellen regelrecht hin und her geschmissen und dadurch aus meiner Bahn gedrängt. Wieder zurückzusteuern, kostete mich Zeit, und somit resultierte im Ziel der zweite Rang für mich.

Damit hatte ich mir das Ticket für die direkte Viertelfinalqualifikation gelöst. Obwohl ich das Minimalziel erfüllt hatte, kam nicht wirklich Freude auf. Dies war wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ein solches Rennen wenig mit einem Rennen bei optimalen Bedingungen zu tun hatte.

Wie dem auch sei, es standen mir zwei Tage Pause bevor, und ich wollte mich auf die Vorbereitung des Viertelfinals konzentrieren. Dort geht es wieder bei Null los, und ich hoffe, Petrus hat diesmal Erbarmen mit uns. Um es eine Runde weiter zu schaffen, ist mindestens ein dritter Rang gefordert. Ich freue mich, wenn ich wieder am Start stehen darf und zeigen kann, wofür ich die letzten Jahre trainiert habe.

 

Die Ruderin Jeannine Gmelin aus Uster tritt an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro für die Schweiz an. Für annabelle.ch führt die 26-Jährige Tagebuch und erzählt uns von ihren Erlebnissen im Athletes Village. Die gelernte Kauffrau aus Uster hat schon früh gemerkt, dass sich ihre Begeisterung für ihr Hobby zu einer grossen Leidenschaft entwickelt hat. Sie begann, neben ihrer Ausbildung zu trainieren, und ist heute Teil des Elitekaders des Schweizerischen Ruderverbands in Sarnen. Seit 2006 nimmt Jeannine Gmelin an Wettkämpfen teil, vor ihrer Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 holte sie den ersten Platz – und den Schweizer Rekord – an den Swiss Rowing Indoors in Zug. Neben ihren Beiträgen für annabelle.ch bloggt die Sportlerin auch auf ihrer Website.

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