Wohntraum

Ausgewandert: Zu Besuch bei Autorin Milena Moser in Santa Fe

Text: Bernadette Conrad; Fotos: Nina Wright

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Milena Mosers kleines Haus steht im Hinterhof einer Galerie. Der Efeu, sagt sie, muss weg

«Durch und durch irrational»: Die Schweizerin Milena Moser über den Hauskauf in New Mexico

Heisse Sommer, kalte Winter: Santa Fe liegt auf über 2000 Metern

«Je länger ich hier bin, desto mehr will ich verändern»: Zuerst einmal sorgte Milena Moser für mehr Farbe

Eins von zwei Sofas mit bunten Überwürfen und Kissen im Wohnzimmer

Neue Adresse: Die Canyon Road ist die Kunststrasse von Santa Fe. Milena Moser ist vor zwei Jahren hier über ihr neues Häuschen gestolpert

Zwei Zimmer. Küche, Terrasse: Milena Mosers grosser Esstisch hat in Santa Fe keinen Platz

Milena Moser: Das Glück sieht immer anders aus. Verlag Nagel & Kimche, 224 Seiten, 26.90 Fr.

Die Schweizer Schriftstellerin fand in Santa Fe ein Haus, das sie nicht gesucht hat – und wurde mit Fragen konfrontiert, mit denen sie nicht gerechnet hatte.

Die Luft hier ist irgendwie durchsichtiger. Während ich die Canyon Road hinauflaufe, kommt es mir vor, als sähe ich alles ein bisschen schärfer: Die schnell drehenden Windspiele in einem Garten an der Strasse. Die Schneeresten auf fernen Hügelketten. Rechts und links die sandfarbenen Adobes, die Häuser im traditionellen Stil der Pueblo-Indianer; einstöckige Quader in Beigetönen, mit gerundeten Ecken. Als «fast ein bisschen anthroposophisch» beschreibt es Milena Moser später.

Irgendwo an dieser Strasse werde ich sie gleich treffen – die neue Einwohnerin der ältesten Hauptstadt der USA: Santa Fe, auf stolzen 2231 Meter über Meer gelegen. Ich laufe vorbei an Keramik in den Schaufenstern, an Skulpturengärten, einem bronzenen Cowboy, lebensgross, wenige Schritte weiter ein indianischer Ureinwohner. Dann ein steinerner Bär. Als hätten sich alle Motive des Wilden Westens hier auf der Canyon Road versammelt, der Kunststrasse von Santa Fe, das für seine vielen Künstler bekannt ist. Wie hat Milena Moser es geschafft, ihr neues Zuhause in so einer berühmten Ecke zu finden?

Es war 2013, im Jahr ihres 50. Geburtstags. In ihrem Buch «Das Glück sieht immer anders aus» hat sie davon erzählt: Wie sie über ein Haus stolperte, das eine Liebe auf den ersten Blick war. Wie dann aber eine böse Überraschung auf die andere folgte, weil der Verkäufer ihr etliches verheimlicht hatte. Wie geht es ihr jetzt, zwei Jahre später? Wie hat sie sich in Santa Fe eingerichtet? Im Hinterhof der Galerie mit der richtigen Hausnummer weiss ich plötzlich nicht, welches der drei kleinen Häuschen das gesuchte ist. «Milena is here», hilft mir ein Mann, der den Hof überquert – ich öffne ein Tor und stehe auf einer von schützenden Mauern umgebenen Terrasse. Am Tisch sitzt Milena Moser und lächelt. «Wollen Sie einen Kaffee?»

Eine ungeahnte Freiheit

Ich schaue ins Wohnzimmer, wo zwei Sofas mit bunten Decken einander versetzt gegenüberstehen. Zwei Zimmer und Küche – das ist alles. Gleich sind wir beim Thema: dass ihr diese Hausliebe auf den ersten Blick eigentlich zwei Jahre zu früh passiert ist. «Ich wusste, dass ich bis zum Sommer 2015, wenn mein Sohn seine Matura macht, in der Schweiz bleiben würde. Es war eigentlich kompletter Wahnsinn, zwei Jahre vorher ein Haus zu kaufen», sagt Milena Moser kopfschüttelnd, «eine durch und durch irrationale Entscheidung. Genau wie die, mein Haus in San Francisco zu behalten, durch das ich in einen acht Jahre dauernden Rechtsstreit verwickelt war. Aber andererseits – ohne diese beiden Entscheidungen hätte ich es nie geschafft, mich so frühzeitig zu pensionieren!» Ich stutze – was meint sie? Alles hier sieht nach Tatkraft und nach frischer Energie aus – ganz und gar nicht nach Altersruhesitz. «Ich will das ja seit meiner Kindheit – Schriftstellerin sein! Aber dann übernimmt man hier Verpflichtungen und dort, und was hinter allem verschwindet, ist das Eigentliche, das Bücherschreiben.» Da sind die Kolumnen. Schreibkurse. «Ich hab das alles immer gern gemacht! Und doch war es wichtig, zu alldem auch mal Nein zu sagen.» Sie mag es nicht Burn-out nennen, «aber jetzt möchte ich mir selbst Gelegenheit geben, an etwas dranzubleiben und mich nicht ständig unterbrechen zu müssen. Schauen, wo es mich dann hinführt.»

Zunächst hat sie das Leben nun nach Santa Fe in New Mexico geführt – und in eine ungeahnte Freiheit. Mit den Einnahmen aus der Vermietung ihres Hauses in San Francisco wird nun das Leben in Santa Fe finanzierbar. «Wenn ich hier nicht wie eine Touristin lebe und jeden Abend ausgehe.» Sie lacht.

In diesem Sommer löst Milena Moser ihr Aarauer Zuhause auf und verabschiedet sich zum zweiten Mal aus der Schweiz. Ohne Abschied kein Neuanfang. Werden ihr die eigenen Möbel nicht fehlen – der Kirschholzsekretär, von dem im Buch die Rede ist? Der Bauernschrank? «Die wichtigsten Dinge sind bei meiner Familie geblieben.» Im Moment gefällt ihr die Erfahrung des reduzierten Lebens. «Auf so engem Raum zu leben, heisst, dass man alles gleich versorgen und wegräumen muss. Es ist eine neue Erfahrung. Ich war immer offen für alles Mögliche. Konnte mir ein Hochhaus im Zürcher Lochergut genauso gut vorstellen wie ein Haus auf dem Land oder ein Schloss in Frankreich ...» Wirklich neu ist, dass sie hier keinen Tisch mit acht Stühlen drumherum haben kann. «Das hatte ich überall! Ich war immer für viele Leute und grosse Essen eingerichtet.» Feste mit der Familie aber hat sie schon im Häuschen gefeiert – wunderschöne Weihnachten. «In jeder Ecke hat jemand geschlafen.»

Und nach und nach wird das Haus ganz zu ihrem eigenen. «Je länger ich hier bin, desto mehr will ich verändern», sagt sie und schaut sich um. Die Aussenwand ist efeuüberwuchert: «Ich mag keinen Efeu, der kommt weg. Aber darunter wächst irgendetwas Schönes, glaube ich …» Anfangs war das Haus in Santa Fe beigebraun eingerichtet. Bis Milena Moser bunte Decken und Teppiche kaufte. Das nächste Projekt ist eine Schrankkonstruktion, für die es noch weitere Fahrten zur nächsten Ikea braucht: «Die ist in Denver, anderthalb Tage Fahrt», sagt Moser lapidar. Man ist in Amerika – nicht in der Schweiz.

Wenn man auf dem Sofa sitzt, fühlt sich das Haus an wie ein Nest. Offene Türen ins Schlafzimmer, die Küche, auf die Terrasse. Von draussen Licht und Vogelgezwitscher. Und ums Haus herum schützende Mauern. Fast ist es ein magischer Ort aus dem Märchen – von der Hauptstrasse aus unsichtbar; für seine Besitzerin aber von lebensverändernder Kraft. «Es hat mir gleich zwei Sehnsüchte erfüllt: Zurück nach Amerika gehen zu können. Und weniger zu arbeiten.»

Hinter der weiss lackierten, mit angedeuteten Schnitzereien verzierten Schwingtür liegt der zweite Raum: ein grosses Bett, schräg gegenüber der Schreibtisch. «Für mich ist es wie ein Schneckenhaus», sagt Milena Moser. Es passt perfekt. Genau richtig für die Lebensphase des Alleinwohnens, die nun nach der Matura ihres Sohns kommen wird. «Es ist das erste Mal, dass ich ganz allein lebe.»

Ende gut, alles gut also? Ihr Häuschen zwei Jahre zu früh zu finden, hat es Milena Moser ermöglicht, diese neue Lebensphase gründlich vorzubereiten. Sich ihr Nest so einzurichten, dass es warm und wohnlich ist, wenn sie ankommt. Mir kommt der Verdacht, dass man eine so perfekte Lösung auf rationalem Weg vielleicht gar nicht finden kann.

Fragen über Fragen

Ist ihr Haus – das sie nicht gesucht und doch gefunden hat – also die Antwort auf die drängenden und sehnsüchtigen Fragen, die sie in ihrem Buch stellt: Wie werde ich nach Trennung und Scheidung wieder glücklich? Wie finde ich die Liebe für mich? Milena Moser schüttelt entschieden den Kopf: «Das Haus ist nicht die Antwort – es ist ein Mittel zum Zweck. Aber es hat viel mit mir gemacht. Es zog viele Fragen nach sich: Darf ich das überhaupt? Etwas tun, das nur mir nützt und nur für mich da ist?» Das Haus, sagt Milena Moser, habe sie zur grundsätzlichsten Frage gebracht: Wem gehört mein Leben? Für sie selbst sah ja zunächst alles nur nach Chaos aus. «Es gab verzweifelte Momente. Immer wieder die Frage: Warum kann es nicht einfacher sein? Darum schrieb ich das Buch – zunächst nur für mich. Ich kann die Dinge nur schreibend sortieren.»

Und die im Buch erzählte Geschichte hat sich im Leben weitergeschrieben – bis hin zur Antwort auf die Ausgangsfrage: Victor, ein langjähriger Freund aus San Francisco, ist zu ihrem Lebenspartner geworden. «Für Victor, der gar nicht vorkommt», heisst die Widmung denn auch: «Love is the Answer.»

Nun also Santa Fe. «Unter der hübschen Oberfläche ist das hier ein hartes Pflaster», sagt Moser. «Die soziale Kluft ist extrem.» Aber sie hat auch schon eine neue Art von Hilfsbereitschaft kennen gelernt. «Entweder man geht hier schnell wieder, oder man bleibt. Und die, die hier bleiben, wissen: Heute sind meine Leitungen kaputt, morgen deine.» Den amerikanischen Gemeinschaftssinn kennt sie schon lange. «Wenn in der Schweiz Dreck herumliegt, schreibt man Beschwerdebriefe. In San Francisco taten sich die Leute am Wochenende zusammen, um den Strand von Abfall freizuräumen.»

Vielleicht sei sie ja wirklich, wie eine Freundin mal gesagt habe, eine Nomadin, meint Milena Moser: «Jemand, der nicht an einen Ort gebunden ist – aber an bestimmte Atmosphären. Hier in Santa Fe geht mir das Herz auf, wenn ich die Weite der Landschaft sehe. Dann habe ich das Gefühl, alles ist möglich.»

Lebensgeschichten

Schreiben, Lesen, Reisen: Das ist der rote Faden im Leben von Literaturkritikerin, Journalistin und Buchautorin Bernadette Conrad. Ihn verfolgt sie am liebsten in Begegnungen mit Schriftstellerinnen wie Margaret Atwood, Paula Fox oder Cornelia Funke. Aus einer dieser Begegnungen entstand das Buch «Die vielen Leben der Paula Fox» (C. H. Beck, 2011). An Milena Moser, die sie für uns besucht hat, habe sie der Mut beeindruckt, «den eigenen Sehnsüchten zu folgen und emotionalen Entscheidungen zu vertrauen».

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