Heinz Julen

Hausberg: So wohnt Heinz Julen in Zermatt

Text: Rebekka Kiesewetter; Fotos: Rita Palanikumar

e
f

Das Matterhorn wacht über das umgebaute Bienenhäuschen von Heinz Julen

Im Weiler Findeln geniesst der Hausherr die wärmsten Sonnenstrahlen des ganzen Wallis

Ein aus Siphon-Teilen gefertigter Kronleuchter

Altes Holz, Metall, Glas und Stein: Die Lieblingsmaterialien der Zermatter Multitalents

Platz für Gemütlichkeit gibts auch auf kleinstem Raum

Die ganze Front des einstigen Bienenhäuschens ist verglast und lässt sich öffnen

In bester Walser-Tradition: Hochbetten, um die Wärme zu nutzen

Auf 12 Quadratmetern gilt es, Raum auszunutzen: Dank kluger Einbaumöbel ist sogar Platz für eine Küchennische

«Diese Heidi-Chalets aus Beton mit Holzverkleidung sind keine Hommage an die Walser-Kultur»

Wenn der Zermatter Künstler und Architekt Heinz Julen seine Ruhe will, steigt er hinauf in sein Minihaus auf 2100 Metern.

Jeder Ort hat seinen König. Auch Zermatt. Aber weil Zermatt kein Dorf ist wie jedes andere, ist auch sein König kein gewöhnlicher. Angefangen damit, dass er mit der Bezeichnung König bestimmt nicht einverstanden wäre: Zwar gehört der Julen-Clan zu den alteingesessenen Burgerfamilien von Zermatt; doch Heinz bleibt Heinz, für alle und jeden. Heinz Julen führt zusammen mit seiner Frau Evelyne das von ihm konzipierte und eingerichtete Backstage-Hotel im Ort, hat weitere Hotels und Ferienappartements eingerichtet, ist Unternehmer, macht Kunst, Design und Architektur, hat in den Achtzigerjahren Zermatts erste Galerie eröffnet, veranstaltet Konzerte, betreibt eine Bar, ein Restaurant und ein Kino. Und noch immer verbringt er so viel Zeit wie möglich in seinem Bergatelier auf 2100 Meter Höhe im Weiler Findeln. Er hat es 1980 selber aus altem Holz und neuen Elementen errichtet – es war das erste grosse Bauprojekt des Autodidakten. In den letzten drei Monaten, nach der Geburt des kleinen Jona, waren die Ateliertage allerdings seltener. Und sich für ein, zwei Monate auf den Berg zurückzuziehen, wie Julen das bisher machte, kann er sich im Moment nicht vorstellen. «Natürlich war unser Söhnchen auch schon hier oben», sagt er.

Etwas weiter unten am Hang führt Schwester Vrony das Restaurant Chez Vrony. Gleich neben dem Atelier teilt sie sich mit den beiden anderen Julen-Schwestern und ihren Familien zwei Chalets. Und dann ist da noch – hinter eine Schneewächte geduckt und leicht zu übersehen – das Bienenhäuschen. Es heisst so, weil es früher einmal genau das war. Das kleine Haus ist etwa 150 Jahre alt, es hat Julens Grossvater gehört. Doch ein nächtlicher Besuch betrunkener Randalierer vertrieb das Bienenvolk für immer, Heinz und sein Vater bauten die kleine Hütte um: eine Miniküche, ein Minibad, Einbautisch und -bank mit Stauraum darunter, riesige Panoramafenster. Es ist eine einfache und besondere Unterkunft für befreundete Künstler und auch für Heinz manchmal. Vor allem im Herbst, wenns kalt wird. «Es dauert ewig, das Atelier zu heizen. Deshalb übernachte ich oft im Bienenhäuschen, dort ist es immer warm.» Dafür sorgen massive Holzwände und eine Grundfläche von lediglich 12 Quadratmetern, ausserdem ist das Findeltal das wärmste Tal im ganzen Kanton. Die Sonne verschwindet im Winter nie ganz hinter dem Breithorn, ganz knapp schafft sie es obendrüber.

Vor der ersten Kleinen Eiszeit Mitte des 14. Jahrhunderts, erzählt Heinz Julen, hätten die Walser, die alemannischen Ureinwohner des Wallis, hier Obstbau betrieben. Bis auf 3000 Meter hinauf seien fruchtbare Bäume gewachsen. Dann rückten die Gletscher vor, den Walsern wurde es ungemütlich, und sie zogen weg. Zurück blieben ihre Häuser und Stadel. Von den Walser-Konstrukteuren hat sich Julen beim Innenausbau des Bienenhäuschens etwas abgeschaut: die beiden Hochbetten. «Die Walser schliefen möglichst hoch, um die im Raum steigende Wärme zu nutzen», weiss er. Die Walserhäuser, ihre typische Blockbauweise, und die Stadel, die auf hohen Stelzen stehen, an deren oberen Enden runde Mäuseplatten aus Schiefer Nagern den Zugang zum gespeicherten Korn verunmöglichen, hätten sogar Le Corbusier fasziniert, erzählt Julen. Vor allem die Funktionalität der Bauten hätte es dem berühmten Architekten angetan: die kleinen Fenster und die niedrigen Räume, zwecks Wärmespeicherung und Kälteschutz, die Hochbetten, die massive Blockkonstruktion, die ohne Nägel auskommt. In seiner Arbeit nimmt Julen oft auf das Walser-Erbe Bezug. Wenn er altes Holz verwendet oder wenn er ein Haus umbaut, das auf das 12. Jahrhundert datiert ist oder wenn er seine Materialien wählt: einheimisches Holz, Arve und Lärche, Glas und Metall, das er auch mal rosten lässt, Stein.
 

Heinz Julen: «Inspiration für meine Arbeit? Die finde ich hier, dafür muss ich nicht reisen. Das lenkt mich eher ab»

Julen hat einen Weg gefunden, die Tradition, die ihm so wichtig ist, und das Heute, das für ihn genauso zählt, miteinander zu kombinieren. «Diese Österreicher- und Heidi-Chalets aus Beton mit Holzverkleidung für den Showeffekt sind keine Hommagen an die Kultur», findet er. «Ich bin kein Dekorateur. Ich mache Architektur als etwas gänzlich Rationales und Kunst völlig intuitiv. Das Dekorative liegt dazwischen und interessiert mich nicht.»

Angefangen zu bauen hat Julen schon als Bub. Natürlich in Findeln. Hütten aus Holz und Lumpen für die Schwestern. Später ging Julen an die Kunsthochschule nach Sitten, doch am richtigen Ort fühlte er sich weder an der Hochschule noch in der Stadt. Bereits nach einem Jahr zog es ihn wieder heim, um nach seinen eigenen Regeln kreativ zu sein und um als Skilehrer zu arbeiten. Auch der Vater war Skilehrer. Den einzigen Sohn benannte er nach einem besonderen Schüler: Henry John Heinz II, regelmässiger Wintergast und Ketchup-Erbe.

Julen reist häufig in der Welt herum, für Vorträge, Bauaufträge und als Galerist, der internationale Künstler vertritt. Dass es ihn immer wieder nach Zermatt und Findeln zieht, ist verständlich. Nur schon die Aussicht: direkt aufs Horu. Julen war schon oben, er hat ohnehin schon fast alle Viertausender im Wallis bestiegen. «Inspiration für meine Arbeit? Die finde ich hier, dafür muss ich nicht reisen. Das lenkt mich eher ab», sagt Julen.

Doch einer wie Julen hat es nicht nur leicht in Zermatt. Die Baukommission etwa ist nicht immer begeistert von seinen Ideen. Aber wegziehen? «Nie», findet Julen. Hier sind die Familie, die Berge und die Gäste aus aller Welt. «Zermatt ist eine grossartige Plattform, um Leute aus aller Welt kennen zu lernen. «Ich bräuchte eigentlich nie nach L. A. oder so zu fliegen, um Sammler, Auftraggeber oder Künstler zu treffen – auch wenn ich das gern mache –, denn alle kommen gern nach Zermatt».

www.heinzjulen.com