Heft 17/13

Wohnen auf dem Biobauernhof in der Surselva: Chasa Fortuna

Text: Rebekka Kiesewetter; Fotos: Rita Palanikumar/13Photo

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Gemeinsamer Ausritt: Silvio Pfister mit Tochter Ladina und Najat Zinbi auf Pferden aus der eigenen Zucht

Komm herein, bring Glück hinein! Willkommen in Pfisters Holzhaus in Schlans

Die Familie liebt ihre Pferde. Aber es ist immer klar: Tier bleibt Tier

Holzwände, Holzböden, Holzdecke – wunderschön natürlich gealtert

In der hellen, guten Stube: Die grossen Fenster lassen viel Bündner Oberländer Licht herein

Das Haus wurde vermutlich von einem Heimkehrer aus der Fremdenlegion im 19. Jahrhundert gebaut

Heimelig: Auf diesem Herd wurde manches Süppchen gekocht

Naturfrieden: Najat hat in Schlans einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden

Kinderparadies: Ladinas Schlafreich

Vater und Tochter teilen sich den Tisch häufig mit Gästen und Hilfskräften – so zu zweit ist es aber auch ganz gemütlich

Eine Unterländerin und ein Bauer aus dem Bündner Oberland: Najat Zinbi und Silvio Pfister leben in Schlans ihre kleine Freiheit – mit vielen Tieren und Sinn für die Realität.

Die Unterländer Hair und Make-up-Artist lernt beim Fotoshooting für den Bauernkalender 2010 einen Bergler kennen und findet einen neuen Lebensmittelpunkt: Im Bündner Oberländer Schlans widmet sich Najat Zinbi fortan gemeinsam mit Silvio Pfister, dem Landwirt, vor der malerischen Kulisse von grünen Alpweiden, blauem Himmel und verwittertem Arvenholz der Pferdezucht, der Landwirtschaft und der Selbstversorgung.

Die Geschichte von Najat und Silvio, der Halbmarokkanerin und dem Urbündner, liesse sich gut als ein grosses Klischee erzählen. Als Klischee vom Aussteigen etwa oder von zwei Menschen, die verschieden und doch seelenverwandt sind. Aber die beiden Mittdreissiger sind nicht dafür geschaffen, als bollywoodeske Hauptdarsteller durch ihren eigenen Romantikstreifen zu tanzen, und sie verschwenden auch keine Mühe darauf, nach aussen die Protagonisten eines kitschigen Films zu geben. Sie sind weder missionarische Zivilisationsverächter noch genügsame, autark in ihrem hermetischen Parallelkosmos funktionierende, moderne Hippies – Najat bleibt ja auch dem Städtischen beruflich nach wie vor treu.

Im Holzhaus aus dem 19. Jahrhundert

Klar, sind sie naturverbunden. Aber sie sind auch tüchtige Geschäftsleute, die in ihrer offenen und direkten Art alles widerlegen, was man sich angesichts ihrer Geschichte und ihrer Lebensart «so denken» könnte. Najat, Silvio, dessen 8-jährige Tochter Ladina und die Hündin Zora leben in einem Holzhaus mit grossen Fenstern. Untypisch für die Bergregion eigentlich. «Es wurde wohl von einem Heimkehrer aus der Fremdenlegion im 19. Jahrhundert gebaut», vermutet Silvio; im Specksteinofen in der Stube ist die Jahreszahl 1879 eingemeisselt.

Seine Tante wohnte früher in der einen Hälfte des Baus. Die andere gehörte einem blinden älteren Herrn, dem Silvio manchmal zur Hand ging. Der dankbare Mann vererbte ihm seinen Hausteil. Das Gebäude steht im Dorfkern – falls etwas überhaupt einen Kern haben kann, das einen Volg, eine Gartenbeiz und etwa achtzig Einwohner hat, die fast alle, wie Silvio, Pfister heissen und auch irgendwie mit ihm verwandt sind. Oft sind Feriengäste im Haus, denn Najat und Silvio vermieten zwei Zimmer und ausserdem einen Zirkuswagen und ein Tipi neben dem oberhalb von Schlans gelegenen Maiensäss, das auch zum Betrieb gehört.

(Schnappschuss vom Shooting)

Zwischen Hof und Shootingjobs

Häufig sitzt auch eine Hilfskraft mit der kleinen Familie beim Essen am Holztisch in der Stube, die gegen Kost und Logis mit anpackt. Denn der zertifizierte Biobetrieb mit 15 Kühen, 30 Ziegen, 100 Schafen, 18 Pferden, einem Hengst, einem Esel, zwei Ponys, Hühnern, ausgedehnten Alpweiden, Obstbäumen und einem Direktverkauf ab Hof lässt sich nicht zu zweit bewirtschaften. Zudem ist Najat oft unterwegs, reist zu Shootingjobs und führt den eigenen unabhängigen Beautyblog www.mygloss.ch.

Sie liebt ihre Arbeit, bewegt sich in der ruhigen Berg- genauso sicher wie in der hektischen Beautywelt, und sie bringt beides gut zusammen – beziehungsweise aneinander vorbei. Und sie sagt: «Ich habe gemerkt, dass mir im unsteten Leben, das ich zeitweise geführt habe, die Ruhe in der Natur gefehlt hat. Nur wenn ich draussen bin, finde ich meine Mitte und kann mich richtig erholen.» Najat sammelt an den Hängen der Umgebung stundenlang Heilpflanzen und Kräutern und weiss genau, was wo wächst. Johanniskraut, wilder Thymian, Baldrian, auch seltene Pilze; sie kennt viele Arten, denn sie hat die Natur nicht, wie so einige der modernen Erholungssuchenden, erst als Reaktion auf eine Überdosis an Glamour entdeckt.

Prinzipien von Sebastian Kneipp

Nein, Najat ist im hintersten Thurgau aufgewachsen. Auf einem abgelegenen Hof, in einer Familie, welche die Prinzipien von Sebastian Kneipp lebte. Und das Gesundheitskonzept des 1897 verstorbenen bayerischen Priesters und Hydrotherapeuten beinhaltet nicht nur das bekannte Wassertreten, sondern auch Heilpflanzen-, Ernährungs- und Bewegungslehre. «Irgendwann musste ich aus dieser Enge und Abgeschiedenheit flüchten und das Gegenteil leben und erleben», erzählt Najat. Und dann hat sie Silvio getroffen. «Ich fand ihn nett, aber hab mich nicht gleich in ihn verliebt.» Er schweigt dazu und schaut verschmitzt.

Etwas von dem vielen, was Silvio und Najat verbindet, ist ihre Liebe zur Natur, ein Anliegen ist ihnen die Erhaltung von kulturhistorischen Rassen: Seien es eine längst vergessene Obstsorte, die sie kultivieren, die Bergziegen, die sie aufziehen und die aussehen wie Steinböcke, oder die reinen Freiberger, mittlerweile seltene Vertreter der einzigen einheimischen Pferderasse, die sie züchten. Sowieso, die Pferde: «Mein Vater hatte bereits Pferde, ich bin mit ihnen aufgewachsen, liebe sie von jeher», sagt Silvio. «Ausserdem liegt es mir näher, etwas zu züchten, das zum Leben bestimmt ist, als etwas, das man nur aufzieht, damit es geschlachtet werden kann.»

arabische Vollblutpferde und Partbred-Araber

Und wie sie leben, diese Pferde! Silvio und Najat haben, ausser Freibergern, arabische Vollblutpferde und eine Mischung aus beiden Rassen, genannt Partbred-Araber. «Die Tiere sollen so authentisch wie möglich leben. Stuten und Hengste halten wir zusammen, und den Sommer verbringen sie auf den Kräuterwiesen der Bündner Alpen, damit sie sozialisiert werden und natürlich aufwachsen.» Tatsächlich. Die filigranen Tiere, die ausschauen, als müssten sie in Watte verpackt im klimatisierten Stall logieren, und für deren dünne Fesselchen und zierliche Hufe nur getrimmter Rasen weich genug scheint, bewegen sich genauso sicher wie der Esel Timmi und viel schneller als er über die steinigen, unebenen Alpwiesen auf über tausend Meter Höhe.

«Unser Zuchtziel sind robuste, trittsichere und schöne Pferde», sagt Silvio. Und es stimmt – das bisweilen raue Leben in den Bergen stärkt die Tiere. Silvio und Najat lieben die Pferde, aber verhätscheln sie nicht. Denn bei aller Liebe: Tier bleibt Tier; so ist Najat streng im Umgang mit den Pferden, etwa wenn sie mit den Zuchtstuten arbeitet, sie zureitet und schult.

Das stolze Alpen-Indianermädchen

Der Respekt zwischen Menschen und Tieren ist gegenseitig: Die ausgewachsenen Pferde und die Fohlen – gerade noch ausgelassen und wild – kommen ganz zahm über die Wiese spaziert, um die Familie zu begrüssen; die übermütige Partbred-Stute Sinja steht statuenstill, als Najat ihr das Zaumzeug anlegt und Silvio Ladina auf den blossen Pferderücken hebt. Ladina reitet zwar lieber auf ihrem eigenen Pony Spirit, das nicht mit den anderen auf der Alp, sondern im Tal gehalten wird, aber wie sie so vertrauensvoll auf dem für sie riesenhaften Tier thront, ist sie ganz das stolze Alpen-Indianermädchen. Und wenn sich Silvio dann hinter ihr aufs Pferd setzt und Najat auf ihrer Stute nebenherreitet, dann geben sie ein Bild von der Freiheit ab, wie man sie sich so vorstellt. Ob das jetzt nun ein Klischee ist oder nicht.

www.silviopfister.ch

Als Wohnredaktorin Rebekka Kiesewetter die sechsjährige Ladina auf der Partbred-Araber-Stute Sinja sitzen sah, packte das ehemalige Rossmeitli der Ehrgeiz, und sie kletterte selbst auf den ungesattelten Pferderücken. Und ziemlich schnell wieder runter. Denn von unten hatte das Pferd weniger hoch, weniger rutschig und weniger nervös ausgesehen. Ihr Fazit: Je kleiner das Pferd, desto besser, daneben ist immer schöner als darauf. Und vor allem: entspannter.

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