Willkommen auf der Welt

Willkommen, Alessia !

Alessia wächst im Fünfsternehotel in den Bergen auf. Auf dem Arm von Papa ist sie der kleine Star für die Gäste.

Vor dir liegt eine Kindheit im Hotel. Im Schlaraffenland. Riesentrampolin, Swimmingpool, Minigolfplatz, Coupes oder bunte Cocktails aus frisch gepressten Früchten, wann immer du willst. Fünf Sterne hat das Hotel, in dem ihr lebt, und es liegt in Arosa. Im Sommer kommen die Leute zum Wandern und wegen der Alpenrosen und im Winter zum Skifahren und Snowboarden.

Bisher sind deine Eltern und deine zwei grossen Brüder, sieben und acht Jahre alt, herumgezogen, von Hotel zu Hotel: München, St. Moritz, Frankfurt am Main. Und eigentlich wollten sie noch einmal in die weite Welt gehen, bevor es zu spät ist. Bangkok war der Plan.

Doch dann las dein Vater die Anzeige: Ein Fünfsternehotel in den Bergen suchte einen Direktor. Er bewarb sich und erfuhr erst später, dass es das «Kulm» war. Ein Wink des Schicksals, denn hier, in dieser Hotelhalle, haben sich deine Eltern vor zehn Jahren kennen gelernt. Dein Vater war Empfangschef, deine Mutter Kindergärtnerin. Natürlich fanden sie sich gegenseitig erst blöd und arrogant – der klassische Beginn einer grossen Liebesgeschichte. Aber dein Vater sagte seine nächste, schon sichere Stelle auf Hawaii ab, um in der Nähe deiner Mutter bleiben zu können. Ein grosser Liebesbeweis.

Jetzt bist du da, das dritte Kind und ein Mädchen nach zwei Buben. Perfekt. Du bist in Chur geboren, und da hast du richtig Glück gehabt. Oder deine Mutter. Denn jedes dritte Baby aus Arosa, erzählt sie, wird auf dem Weg ins Spital von Chur geboren: Dreissig Kilometer Serpentinen am Abgrund entlang, da möchte eigentlich keine Frau der Welt in den Wehen liegen. Und doch passiert es immer wieder.

Als deine Eltern mit deinen Brüdern und dem Zügelwagen in Arosa ankamen, haben die Buben gesagt: «Papa, jetzt ziehen wir hier aber nicht mehr weg.» Sie hatten das Vagabundieren satt, wollten Wurzeln schlagen, und das tun sie jetzt begeistert. Zwar klagen auch sie, wie deine Eltern, darüber, wenn im Mai immer noch Schnee liegt. Alter, grauer Schnee, mit dem man nichts mehr anfangen kann. Aber im Oktober, wenn es wieder zu schneien anfängt, locker und pulverig, freuen sie sich längst wieder auf den Winter. Dann lassen sie die Velos stehen und sausen mit dem Schlitten in die Schule hinunter. Wurzeln und Flügel möchte euer Vater seinen Kindern geben. Das geht in den Bergen.

Justin will Eishockeyprofi werden, da hat er es in Arosa gut getroffen. Giuliano träumt eher von der Forschung, er ist der Intellektuelle in der Familie. Und du? Wirst mal die PR-Beraterin deines Vaters, meint er. Denn du bezirzt jetzt schon, mit acht Monaten, die Gäste, wenn dein Vater sie begrüsst und du auf seinem Arm sitzt; du bist der kleine Star, wenn er mit dir seine Runde beim Abendessen macht.

An Festtagen und während der Hochsaison, besonders im Winter, werdet ihr in der Familie auf euren Vater oft verzichten müssen. Dann hat er einen 18-Stunden-Tag. «Aber das ist nicht anstrengend», sagt er, und seine Augen leuchten, «nicht wie 14 Stunden auf dem Bau. Es ist vor allem Anwesenheit.»  Dein Bruder Justin sagt auf die Frage, ob er sich auch vorstellen könnte, Hoteldirektor zu werden: «Auf keinen Fall, da muss man so viel labern.»

Dieser Beitrag ist in der annabelle 15/10 erschienen.
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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