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Willkommen, Anna !
Mami : Chino
Papi : Christoph
Gestern habt ihr den japanischen Mädchentag gefeiert. Es kamen andere japanische und halbjapanische Mädchen zu Besuch. Deine Mutter hat einen bunten Schrein mit einer traditionellen Hochzeitsszene aufgestellt. Die Eltern eines Mädchens in Japan hoffen, dass es einen guten Mann finden wird – das ist der Sinn des Mädchentags. Beim Bubentag wird ein Schrein mit einer Kampfszene aufgebaut. Ist klar, was das für einen Bub zu bedeuten hat. Nun lebst du gar nicht in Japan, Anna, und das ist vielleicht sogar ein Glück für dich. Deine Mutter Chino (34) verliess ihre Heimat nach der Schule. Sie spricht nicht gern darüber, aber man spürt, dass sie ihre Kindheit nicht so toll fand. Sie erinnert sich an Disziplin, Druck, Strenge, Konformität. Im Kindergarten zum Beispiel mussten alle immer gleichzeitig dasselbe tun, sagt sie. Auf Knopfdruck.
Statt in Japan lebst du nun in Uster, in einer weissen, freundlichen Villa mit mindestens dreissig grossen Fenstern und blauen Läden. Um euer Haus herum lauter Bauernhäuser mit blühenden Gärten. Eine himmlische Ruhe, und doch seid ihr im Handumdrehen in Zürich. Und am Flughafen, das ist vor allem wichtig für deinen Vater Christoph (32). Der ist nämlich viel unterwegs. Er ist Fotojournalist und fliegt für grosse Zeitungen wie die «New York Times» in gefährliche Gebiete wie Pakistan oder Afghanistan. Dann ist er oft für sechs Wochen oder zwei Monate weg. Das ist für deine Mutter, die ebenfalls Fotografin ist und mit deinem Vater an Reisebüchern arbeitet, nicht ganz einfach. Und dein Vater findet es schade, dass er immer so viel von deiner Entwicklung versäumt. «Sie ist jedes Mal ein anderes Kind, wenn ich zurückkomme», sagt er. Aber er liebt seinen Beruf nun mal.
Deine Mutter hat sich an seine Abwesenheiten gewöhnt, sagt sie. Und auch an die Angst. Sie sagt das ganz leise und konzentriert sich darauf, dich zu füttern. Du kennst diese leise Stimme deiner Mutter schon und merkst, dass sie nicht so lustig ist wie sonst. Doch jetzt ist er ja da, dein Vater, er lacht und hebt die Stimmung wieder. Wenn er da ist, sagt er, hat er dafür den ganzen Tag Zeit. Und ihr drei seid rund um die Uhr zusammen, er wechselt deine Windeln, nimmt dich mit ins kleine Café «Zum Hut» und geht mit dir am See spazieren.
Deine Eltern haben sich in New York an der Fotoschule kennen gelernt, haben dann zusammen in Brooklyn gewohnt und dort ein wildes Leben geführt. Doch nach sechs Jahren wollten sie ein Kind: dich. Da setzten sie sich an ihren Küchentisch und machten eine Liste all der Städte, in denen sie ein ruhigeres, familiengerechteres Leben führen könnten als in New York. Keiner von beiden – dein Vater ist Deutscher – wollte nach Hause zurück. Ein Flughafen in der Nähe und Wasser, das aus dem Hahnen kommt, wenn man ihn aufdreht – das waren die Bedingungen. So kamen sie nach Uster. Und weil deine Eltern vernünftige Menschen sind, wie dein Vater sagt, schoben sie noch eine Afrikareise zwischen das alte und das neue Leben: mit dem Landrover von Spanien nach Marokko, einmal um Afrika herum und über Ägypten, Jordanien, die Türkei und den Balkan zurück in die Schweiz. Ein Jahr dauerte das, dann solltest du auf den Weg gebracht werden. Und genau so ist es auch gekommen.
Erschienen in annabelle 8/10
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real
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