Willkommen auf der Welt

Willkommen, Bernd !

Bernd ist das jüngste von fünf Geschwistern. Sie haben alle dieselbe Mutter, aber drei verschiedene Väter und leben im Haus 12 im SOS-Kinderdorf in Kärnten.

Martin streift sich vor der Tür die Schuhe ab und kommt als erster rein, atemlos, die Backen rot von der frischen Herbstluft. Du siehst deinen grossen Bruder und strahlst übers ganze Gesicht, zappelst vor Begeisterung. Nach und nach tröpfeln die anderen herein: Alexander und Lilly und viel zu spät Eric, der deshalb am Abend nicht mehr raus darf. Olivia, eure Familienhelferin, ist freundlich, aber streng.

Sie hat Abendessen gemacht: hart gekochte Eier, Gurke, Brötchen, Käse. Dich legt sie in die Wippe neben sich auf der Bank. Du hattest schon deine Flasche, liegst ruhig da und schaust in die Runde. Du und deine vier Geschwister haben alle dieselbe Mutter, eine aussergewöhnlich hübsche Frau von gerade 25 Jahren. Alexander, Eric und Lilly haben auch denselben Vater. Martin, der Älteste von euch, hat einen anderen Vater, und du hast wieder einen anderen. Weder eure Mutter noch einer der Väter können für euch sorgen. Sie sind zu jung und zu chaotisch, haben kein Geld, keine Ausbildung, übernehmen keine Verantwortung. Deswegen lebt ihr alle bei Katharina in Haus 12 im SOS-Kinderdorf, das herrlich zwischen Apfelbäumen im hügeligen Kärnten liegt. Und weil fünf Kinder zwischen null und zehn Jahren viel Arbeit machen, kommen zwei Familienhelferinnen stundenweise zu euch ins Haus. Eine davon ist Olivia. An diesem Wochenende ist Katharina verreist, da passt Olivia allein auf euch alle auf.

Eric dreht beim Abendessen auf. «Er ist der Macho, dem muss man klare Ansagen machen», meint Olivia. Und tut es auch. Eric kichert, reisst sich dann aber doch zusammen, setzt sich ordentlich hin und beisst in sein Käsebrötchen. Als deine Geschwister im April 2009 ins Kinderdorf kamen, konnten sie nicht mit Messer und Gabel hantieren, hatten vorher nie zum Essen zusammen an einen Tisch gesessen. Aber sie haben sich schnell daran gewöhnt.

Du bist später dazu gekommen. Du bist ja auch erst ein paar Monate alt. Deine Mutter hat dich gleich aus dem Spital an Katharina übergeben. Sie findet, dass ihre Kinder es im Kinderdorf besser haben als bei ihr. Und ja, euer Haus, Nummer 12, ist gross und modern. Ihr könnt auf verschiedene Schulen gehen, je nach Begabung. Ihr werdet gefördert. Ihr habt einen festen Tagesablauf. Ihr habt eine Kinderdorfmutter, die euch sofort ins Herz geschlossen hat. Ihr habt euch gegenseitig. Und eure Mutter erzählt euch nicht, dass ihr im Dorf sein müsst, weil das Jugendamt so gemein ist und sie euch viel lieber zu Hause hätte. Viele andere Eltern tun das und machen die Kinder damit wütend aufs Kinderdorf.

Beim Nachtessen wird darüber gesprochen, dass du als einziges Geschwister braune Augen hast. «Er muss blaue Augen bekommen», fordert Martin. «Blaue Augen, blaue Augen», skandieren Alexander, Eric, Lilly und Martin. «Wir alle haben blaue Augen, und die Mama hat auch blaue Augen.» Martin hat, als deine Geschwister noch zu Hause bei eurer leiblichen Mutter gewohnt haben, immer für die kleineren gesorgt. Er hat Lilly gewickelt und gefüttert. Jetzt wickelt er manchmal dich, er ist richtig flink und gut darin. «Auf Martin ist immer Verlass», sagt Olivia. «Er ist der Vernünftigste. » Als Martin erfuhr, dass du auf die Welt und zu ihnen ins Kinderdorf kommen würdest, hat er gesagt: «Warum bekommt die Mama so viele Kinder, wenn sie sie dann doch nicht behält?»

Weitere Informationen zu SOS-Kinderdörfern finden Sie hier.

Text: Gabriela Herpell
Foto: Michela Morosini

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