Willkommen auf der Welt

Willkommen, Camille !

Geschwister : Rémy und Thierry

Du bist da. Deine Eltern können wieder glücklich sein. Ein Bub, sagen sie, hätte sie immer an Thierry erinnert. Deshalb sind sie froh, dass du ein Mädchen bist. Bruder Rémy ist da noch nicht so ganz sicher. «Camille macht alles kaputt!», sagt er. Lass dich davon nicht beirren. Es wäre ein bisschen viel verlangt, wenn du seine Sachen jetzt schon reparieren würdest. Was er nicht weiss: Wie gut es auch für ihn ist, dass du noch dazugekommen bist. Sonst wären deine Eltern vielleicht nicht mehr so froh geworden wie jetzt. Thierry war dein anderer grosser Bruder. Er lag an Mamas Brust, nachts, so wie du das auch oft getan hast – da hat er aufgehört zu atmen. Atmen ist das, was du mit Nase und Mund machst. Du atmest einfach. Thierry hat aufgehört zu atmen. Er war 52 Tage alt. Deine Eltern haben den Notarzt geholt. Nach einer Stunde wusste der Arzt, dass er nichts mehr machen konnte. Dann sind sie mit Thierry ins Spital gefahren, Rémy war auch dabei. Dort haben sie gesagt, dass Thierry am plötzlichen Kindstod gestorben ist. Fast zwei Jahre ist das nun her, und deine Mutter erinnert sich, wie sie ständig Angst um Thierry hatte. Er hat viel geweint und war so zerbrechlich. Ganz anders als du. Du bist mit voller Wucht auf die Welt gekommen, vier Kilo schwer und stark. Um dich muss man sich eigentlich keine Sorgen machen. Trotzdem schleicht sich deine Mutter nachts immer ein paarmal auf Zehenspitzen in dein Zimmer und schaut nach, ob du noch atmest. Leben ist nicht selbstverständlich. Und für deine Mutter ist Schlafen auch nicht mehr selbstverständlich.

Auszug aus annabelle Nr. 7/2010
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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