Willkommen auf der Welt

Willkommen, Céline und Amélie !

Eigentlich wärst du, Céline (l.), als Zweite geboren worden. Das ist bei Zwillingen ja immer die grosse Frage: Wer kommt zuerst, wer malt zuerst? Bei euch war es so, dass du, Amélie, vorne lagst. Doch dann wurde in der 39. Schwangerschaftswoche der Kaiserschnitttermin festgelegt. Und so haben sich eure Rollen flugs vertauscht: Um 7.47 Uhr kam also Céline unversehrt und so sauber, als wäre sie frisch gewaschen. Und Amélie, geboren um 7.48 Uhr, sah ziemlich mitgenommen aus und war voller Blut. Man sieht: Jede Minute zählt.

Dann gab es Noten, so wie sie die Ärzte nach einer Geburt immer vergeben: Céline bekam dreimal eine 9, mehr geht kaum. Selbst Kinder, die allein im Mutterbauch sassen, erreichen selten eine so hohe Punktzahl. Amélie bekam zweimal die 9 und einmal die 8. Auch toll, da gibt es nichts auszusetzen, da ist kaum ein Unterschied. Aber der Umstand, dass der Vergleich überhaupt ein Thema ist, macht jetzt schon klar, was auf euch zukommt: Es ist toll, dass ihr zu zweit seid, denn ihr werdet einander sehr viel bedeuten; ihr werdet euch stützen und stärken, euch miteinander freuen und euch gegenseitig trösten; aber ihr werdet euch auch aneinander messen, euch miteinander vergleichen. Ihr seid, jede für sich, einzigartig und werdet doch immer ein Teil von zweien sein.

Es ist jetzt schon so, dass Amélie mit acht Monaten ständig in Bewegung ist und Céline zuschaut. Euer Vater meint, Céline wär eine Taktikerin. So hätte sie es schliesslich auch als Erste auf die Welt geschafft. «Amélie versuchte tagelang, sich zu drehen», erzählt er. «Céline lagt still auf ihrer Decke und beobachtete das. Und dann, eines Tages, drehte sie sich um. Ein Versuch – geschafft. Und Amélie war wieder die Zweite.»

Eure Mutter weiss, was es bedeutet, ein Zwilling zu sein. Sie ist – und das sagt sie nicht ohne Stolz – die Ältere der Stroh-Zwillinge, wie die beiden jeweils genannt wurden. Denn wie ihr ja wisst: Jede Minute zählt. Dann bekam ihre (kleine) Zwillingsschwester vor ihr Kinder, eins, zwei, drei, hintereinander. Und träumte, kurz bevor eure Mutter überhaupt wusste, dass sie schwanger war, die Schwester würde Zwillinge bekommen. Als hätten die beiden eine übersinnliche Verbindung, denn der Traum bewahrheitete sich ja kurz danach.

«Man wird als Zwilling nie als eine eigenständige Person wahrgenommen», sagt eure Mutter. Darum will sie euch nicht dasselbe anziehen und möchte versuchen, euch nicht in dieselbe Klasse zu schicken. Euer Vater, kein Zwilling, sagt, dass die Schwestern Stroh eine Geheimsprache sprechen, die nicht einmal er nach elf Jahren Beziehung versteht. Euer Vater sagt übrigens auch, wie toll es ist, dass ihr zwei seid. Denn all die Freunde eurer Eltern hatten schon Kinder, nur sie nicht. Euer Vater ist 33 und damit vier Jahre jünger als eure Mutter, und er wollte vor der Familiengründung sein Studium beendet und schon ein bisschen in seinem Beruf als Architekt gearbeitet haben. Und dann haben sie, zack, ganz schnell aufgeholt. Machen Zwillinge doppelt glücklich? «Total», sagt er aus vollem Herzen. Und scherzt, wie es so seine Art ist: «Denn wenn die eine nicht mehr spielen will, kann man sich die andere schnappen.»


Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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