Willkommen auf der Welt

Willkommen, David !

David ist der Kleinste im Circus-Conelli-Team. Seine Mutter und er haben seinen Vater nach Zürich begleitet. Dieser tritt als Breakdancer auf.

Ganz schön was los in so einem Zirkuszelt am Vormittag. Einer spielt elektrische Gitarre in der Arena, ein anderer jongliert, irgendwo dröhnt ein Staub­sauger, jemand fegt goldene Glanzpapiersterne zusammen, die am Boden liegen. Die Popcornmaschine arbeitet, viele Menschen laufen geschäftig hin und her.

Es ist Weihnachtszeit, der Circus Conelli gastiert in Zürich. Mittendrin: du. Blond gelockt, schon in Jeans und Pulli, aber doch mit Abstand der kleinste im Team. Und das einzige Kind überhaupt unter den Artisten. Das liegt daran, dass sie alle in diesem Jahr ziemlich jung sind. Ein modernes Programm. Dein Vater ist Breakdancer. Seine Gruppe Enemy Squad tritt jeden Tag zweimal auf. In der Nachmittags- und in der Abendvorstellung. Dein Vater gibt dabei alles. Breakdance ist körperliche Hochleistung. Er sagt, dass er Schmerzen hat, sobald er drei oder vier Tage nicht trainiert, so sehr ist er daran gewöhnt. Und er ist vierzig Jahre alt, das Alter geht auch an einem Breakdancer nicht spurlos vorüber.

Das Breakdancen war nicht mehr als ein Hobby für deinen Vater und seine Freunde, als sie noch Jungs waren, daheim in Pècs in Ungarn. Aber sie waren besessen, und eines Tages machten sie mit bei einer Talentshow für das ungarische Fernsehen. Das Video, das entstand, schickten sie nach Deutschland – und bekamen 1995/96 ihren ersten Job beim deutschen Zirkus Flic Flac.

Dein Vater gab seinen Job in der Bank auf und nannte sich und seine vier Tanzkollegen Enemy Squad. Zu fünft fuhren sie durch die Weltgeschichte, lebten in Wohnwagen, machten 80 Städte in zehn Monaten, mal mit dem Circus Knie, mal mit dem Circus Krone oder im Cirque d’Hiver in Paris. Ein paar Jahre lang fuhr deine Mutter mit. Sie kommt aus derselben Stadt wie dein Vater, ist aber keine Breakdancerin. Sie verkaufte Popcorn oder Getränke im Zirkus, wusch und bügelte Kostüme, verteilte Prospekte.

Im Circus Conelli arbeitet sie nicht. Denn jetzt bist du da. Du fängst gerade an zu laufen, immer in Bewegung. Deine Eltern sind nicht mehr mit dem Wohnwagen unterwegs. «Irgendwann ist Schluss mit diesem Leben», sagt dein Vater, «es ist zu verrückt.» Enemy Squad treten jetzt bei Galas oder in Varieté- Theatern auf. Manchmal bleibst du mit deiner Mutter in Pècs, in eurem Haus mit Garten, wo die Grosseltern um die Ecke wohnen und ihr viel Platz habt. Oder ihr fahrt mit, wie jetzt, wenn dein Vater ein langes Engagement hat. Dann wohnt ihr im Hotel. Das ist auch nicht immer einfach, ihr habt nur ein Zimmer, dein Vater kommt um ein Uhr nachts vom Zirkus, er hat Hunger, möchte duschen, noch mit deiner Mutter reden. Sie müssen leise sein, denn du schläfst, und wachst, wie jeden Morgen, früh auf. Das passt alles nicht so perfekt zusammen.

Aber dein Vater, der es zum Europameister im Breakdance gebracht hatte, liebt seinen Beruf nun mal. Die meisten seiner alten Kumpels haben aufgehört, wollten ein normales Leben führen oder haben es körperlich nicht mehr geschafft. Nun tanzt dein Vater zusammen mit einem jungen Pärchen, nur einer der alten Kumpels ist noch dabei. Doch deine Eltern kennen viele der anderen Künstler bei Conelli, man begegnet sich ja immer wieder in dieser Szene. In ein paar Jahren wirst du, wenn du mal an Weihnachten in Zürich bist, hier sicher eine Menge Leute wiedersehen.


Dieser Text erschien in der annabelle 01/11
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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