Willkommen auf der Welt

Willkommen, Dylan !

Deine Grosseltern haben deinen Eltern beigebracht, Gutes zu tun. Ein anständiges Leben zu führen, Menschen zu helfen, damit nicht die Familie irgendwann ausbaden muss, was man selbst angerichtet oder versäumt hat. Denn vom Karma, nach dem jede Handlung Folgen entweder noch in diesem oder in einem nächsten Leben hat, sind Familienangehörige nicht ausgenommen. Und die Verantwortung ist natürlich viel grösser, wenn es nicht nur um das eigene Leben geht.

Deine Grosseltern stammen väterlicherseits aus China, mütterlicherseits aus Vietnam, und sie haben ihre Kinder sehr streng und nach buddhistischem Glauben erzogen.
Deine Eltern sind in ihrer Kindheit als Flüchtlinge nach Europa gekommen, der Vater deiner Mutter fuhr dann Touristen mit dem Schiff den Rhein hinauf und hinunter, von Basel nach Rheinfelden und zurück, weil er schon in Vietnam Kapitän war; der Vater deines Vaters arbeitete in Deutschland, in Weil am Rhein, als Weber. Beide Familien haben ihren Kindern beigebracht, dass sie jetzt ein schönes Leben haben und dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist.

Deine Mutter sagt, dass sie früher so manches Mal gedacht hat: Mein Gott, sind die Eltern streng. Etwa, wenn sie keine Europäer kennen lernen sollte. Doch heute, da sie selbst Kinder hat – du bist nach Jayden, der eineinhalb ist, der zweite Sohn –, ist sie dankbar, dass sie gelernt hat, so zu denken. Dass sie teilen kann. Dass sie sich selbst nicht zu wichtig nimmt, dass sie bescheiden ist und diszipliniert und anpassungsfähig. Ganz wie dein Vater.

Deine Eltern haben sich als Jugendliche auf einem vietnamesischen Neujahrsfest kennen gelernt. Die ältere Schwester deiner Mutter hat deinen Vater auf der Tanzfläche angesprochen und gefragt: «Wie alt bist du?» Als er antwortete: «17», sagte sie: «Dann bist du zu alt für mich. Aber ich weiss jemanden, der dich kennen lernen möchte.» Das war deine Mutter, 16 damals. Anfangs haben sich deine Eltern, die ja noch zuhause wohnten, nur am Wochenende gesehen, denn dein Vater musste die Familie deiner Mutter besser kennen lernen, bevor es ernst werden durfte zwischen den beiden.

Nun, die strengen Eltern deiner Mutter mochten deinen Vater, und jetzt sind deine Eltern seit 17 Jahren zusammen. Und weil es so gut passte zwischen ihnen, hatten sie sich schnell Kinder gewünscht, doch es kamen keine. Sie dachten über Adoption nach, dann hatten sie die Idee, in Vietnam ein Waisenhaus zu gründen. Wenn sie selbst keine Kinder haben konnten, sollten sie vielleicht anderen Kindern helfen. Sie zogen zunächst von Basel nach Zürich, um ihr Leben zu verändern und nicht ständig über das Kinderthema nachzudenken.
Dann wurde deine Mutter mit Jayden schwanger, tatsächlich, und fast genauso überraschend kamst du gleich hinterher. Und jetzt denken deine Eltern immer noch über das Waisenhaus in Vietnam nach. Vielleicht ist es ja so, dass sie für den Plan schon im Hier und Jetzt mit euch belohnt worden sind. Aber ausführen müssen sie ihn trotzdem noch. So sind sie erzogen worden.

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