Willkommen auf der Welt

Willkommen, Gabriel !

Es ist nicht immer einfach, die Regeln des orthodoxen Judentums einzuhalten. Aber es hält zusammen, und du gehörst in diese Gemeinschaft. Deine Familie lebt, wie es die Halacha vorschreibt: Ihr esst koscher; dein Vater studiert tagsüber den Talmud und lernt nachts für sein Mathematikstudium, deine Mutter trägt keine Männerkleider ohne Grund; ihr achtet den Sabbat.

Deine Mutter, die nicht nur schön ist wie Schneewittchen, sondern auch klug und sportlich, fährt gern Ski. In Hosen. Derartige kleine Freiheiten nimmt sie sich, denn sie weiss: «Ich stelle meinen Glauben nicht in Frage, nur weil ich die Regeln nicht um jeden Preis befolge.»

Deine Mutter ist Pflegefachfrau. Vier Jahre hat sie in einem Spital gearbeitet – aber nie samstags. Denn Samstag ist Sabbat, der heilige Ruhetag, den man mit der Familie verbringt, und der beginnt mit der Dämmerung am Freitagabend. Die Berufswahl deiner Mutter ist also ungewöhnlich für eine orthodoxe Jüdin. Erst waren alle kritisch: Wie soll das denn gehen? Aber jetzt bekommt sie Komplimente. Wenn die Kolleginnen sich freitags verabredet haben, um ins Kino oder tanzen zu gehen, hat deine Mutter immer den Kopf geschüttelt und gesagt, sie kann nicht, es ist ja Sabbat. Ihr hat das nie etwas ausgemacht, sagt sie, weil ihre Eltern es geschafft haben, den zehn Kindern «nur die schöne Seite des Glaubens zu zeigen». So soll es auch für euch sein, wünscht sie sich. Für deine Schwester und dich.

Zehn Kinder. Du hast also allein mütterlicherseits fünf Onkel und vier Tanten. Auf einem Bild im Hochzeitsalbum deiner Eltern ist die Familie deiner Mutter versammelt. Es sieht aus wie ein Klassenfoto: In drei Reihen stehen, knien und sitzen Kinder und Enkel um deine Grosseltern. Deine Mutter ist das achte von zehn Kindern, die meisten ihrer Geschwister haben also auch schon Kinder. Als deine Eltern geheiratet haben, wart ihr noch nicht da, du und deine Schwester. Aber deine Schwester, die erst zwei ist, kennt jeden auf dem Foto mit Namen.

Deine Eltern sind jung. Mit 19 Jahren war deine Mutter sich sicher, dass sie bald heiraten wollte. Sie sagte es ihrer Mutter. Nun wurden ihr die passenden Männer vorgestellt, ein nichtjüdischer Mann kam für sie nicht in Frage. Sie hat viele Männer gesehen, bis sie deinen Vater, Avishai, kennen lernte, der mit seinen Eltern und fünf jüngeren Geschwistern in Israel lebte.

Ihr wohnt in Zürich, hier ist deine Mutter aufgewachsen. Sie wünscht sich auch eine grosse Familie, «aber nur, wenn ich die Kraft dazu habe. Im Moment sehe ich mich nicht mit zehn Kindern.» Ihre Mutter schaffte es, sich Zeit für jedes ihrer Kinder zu nehmen, während sie immer auch als Klavierlehrerin arbeitete. «Meine Mutter ist eine starke Frau», sagt deine Mutter, «das hat sie von ihrer Mutter, Grossmutter Scheindel, geerbt.» Diese hatte sieben Kinder und ihren Mann im Zweiten Weltkrieg verloren, ging dann nach Israel und gründete dort noch einmal eine Familie. Das erste Kind dieser neuen Familie war die Mutter deiner Mutter. «Ich empfinde mich eher als schwache Person. Ich bin mit zwei kleinen Kinder schon fast überfordert», sagt deine Mutter, die aber gar nicht schwach wirkt. Darf man denn die Familie planen als orthodoxe Jüdin? «Ja, wenn es die Umstände rechtfertigen, nach Absprache mit dem Rabbiner. Es ist falsch zu glauben, die Juden hätten so viele Kinder, weil sie nicht verhüten dürften. Sie wollen viele Kinder.»

Dieser Beitrag erschien in der annabelle 13/10
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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