Willkommen auf der Welt

Willkommen, Johann Nepomuk !

Die meisten Leute denken an Busladungen voller Amerikaner und religiösen Kitsch, wenn sie «Passionsspiele Oberammergau» hören. Für jemanden wie dich, geboren in Oberammergau, wird die Passion jedoch ein Höhepunkt des Dorflebens sein. Alle zehn Jahre ein paar Monate lang.

Deine Eltern sind wegen der Passion zurückgekehrt in ihre Heimat. In den Weihnachtsferien 2008, die sie in Oberammergau bei ihren Familien verbrachten und in denen das ganze Dorf über das Passionsspiel 2010 redete, wurden sie sentimental. Unvorstellbar, eine Passion auszulassen. Sie hätten sich ausgeschlossen gefühlt. Dabei hatten sie – dein Vater ist Psychologe und deine Mutter Physiotherapeutin – gerade erst im Allgäu ein Projekt begründet, bei dem sie gemeinsam mit verhaltensauffälligen Jugendlichen arbeiteten.

Nun ist dein Vater Kinderpsychologe am Sozial-Pediatrischen Zentrum in Garmisch – und spielt diesen Sommer den Jesus in der Passion. Er ist, mit 33, genau im richtigen Alter und sieht mit seinem schulterlangen blonden Haar auch so aus, wie man sich einen Jesus vorstellt. Am Aschermittwoch des Vorjahrs der Passion ergeht der Haar- und Barterlass, und von da an dürfen sich die Oberammergauer bis Ende der Spiele in diesem Oktober bestenfalls den Bart stutzen lassen. Manche Männer im Dorf sehen richtig wild aus. Die Frauen beklagen sich darüber, eineinhalb Jahre lang keine anständige Frisur mehr haben zu können. Aber sie halten sich dran und stecken sich seufzend die Haare hinauf. Für Babys ist das alles natürlich kein Thema.

Deine Eltern sind im Passionsfieber. Und wollen dir diese Heimatverbundenheit mitgeben, die sie selbst so stark verspüren. Alle, die bei der Passion mitmachen, müssen aus dem Dorf stammen. So will es das Gelübde von 1633: Wenn Gott Oberammergau vor der Pest verschonen würde, würden die Dorfbewohner alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu aufführen. Und so geschah es.

Dann erzählen deine Eltern dies: Drei Tage nachdem sich bei der Spielerverkündung herausstellte, dass dein Vater Jesus darstellen würde, erfuhr deine Mutter, dass sie schwanger war. Und dass das Kind, also du, am 24. 12. geboren würde. Ein Jesuskind, in doppelter Hinsicht. Du bist dann zwar erst am 25. auf die Welt gekommen und hast der Mythenbildung schnell wieder ein Ende gesetzt. Jetzt läuft alles ganz normal bei euch, wie bei jeder jungen Familie, nur dass du mit sechs Monaten halt schon fünfmal in der Woche auf der Bühne glänzt. Immer nachmittags um halb drei bist du mit deiner Mutter beim Einzug des Volkes dabei. Sie im blauen Gewand, mit blauem Tuch über dem Haar, und du, ganz blond und blauäugig, im blauen Tragtuch, das dir sehr gut steht. Das Volk schreit laut, Hunderte von Leuten drängen sich auf die Bühne, aber du hast keine Angst, sagt deine Mutter. Trotzdem magst du es eindeutig lieber, wenn der Chor singt. Gleich neben euch beim Einzug läuft der älteste Oberammergauer mit; 96 oder 97 Jahre alt ist er. So bringt sie euch alle zusammen, die Passion: den Jüngsten und den Ältesten aus dem Dorf. Mittlerweile gehört allerdings ein noch neueres Baby zum Volk, du bist schon nicht mehr der Jüngste. So schnell geht das. Und in zehn Jahren? Da könntest du bereits Abendmahldiener sein.


Passionsspiele in Oberammergau: bis 3. Oktober täglich (ausser montags und mittwochs) 14.30 bis 17 Uhr (1. Teil) und 19.30 bis ca. 23 Uhr (2. Teil); www.passionsspiele2010.de

Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

Erschienen in annabelle 14/10

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