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Willkommen, Jonas !
Jonas war ein Schreibaby, für seine Eltern eine Folter. Doch nach drei Monaten hat sich das gelegt. Heute ist er ein wahrer Sonnenschein.
Du bist gesund, dein älterer Bruder Jan ist gesund, alles bestens also. Deine Eltern haben sich Kinder gewünscht, vielleicht drei, aber das war früher. Jetzt wird es wohl bei euch beiden bleiben. Das erste Jahr mit Jan war für deine Mutter sehr anstrengend. Ganz anders als bei den Müttern um sie herum, bei denen es so gemütlich aussah, die Bücher lasen, Kuchen backten, sich zum Tee trafen. Deine Mutter kam zu nichts. Jan war zwar nicht besonders schwierig, aber immer wach. Fordernd. Ständig krank. Nur zufrieden, wenn er herumgetragen wurde.
Kaum vorstellbar für deine Mutter, gleich ein zweites Kind zu bekommen. Doch dann merkte sie, wie nach einem Jahr alles leichter wurde. Sie wurde wieder schwanger. Hätte man ihr gesagt, was mit dir auf sie zukommen würde, hätte sie sich das nicht getraut. Jetzt ist sie natürlich froh, dass du da bist. Aber sie findet, dass Babys unendlich viel Arbeit machen. Und ärgert sich, wenn sie überall liest, wie Babys durchschlafen, sich mit sich selbst beschäftigen, eine wahre Wonne sind. Auch in dieser Rubrik. Sie fragt sich: Warum ist es bei mir so anders?
Du warst ein Schreibaby. Das hört man so und denkt: Naja, Babys schreien halt. Und sie essen, und sie schlafen. Und ja, du hast gegessen und geschlafen. Aber den Rest der Zeit hast du geschrien. Immer. Laut. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Zwischen vier und sechs Uhr morgens bist du aufgewacht und warst, grosszügig gerechnet, zehn Minuten zufrieden. Von da an hast du geschrien, gezappelt, gekämpft. Deine Eltern konnten nichts machen. Aber sie konnten auch kein Wort mehr miteinander reden, nicht ans Telefon gehen, keinen Besuch mehr bekommen, man kann sich das gar nicht vorstellen, nicht einmal deine Mutter kann sich das jetzt noch so richtig vorstellen, so heftig war das. Abends war sie meistens so müde, dass sie mit dir, dem schreienden Kind, im Arm und vollständig angezogen eingeschlafen ist.
Deine Mutter ist mit dir zu allen möglichen Ärzten gerannt. Das Schreien war nicht nur Folter für deine Eltern, sie haben sich auch Sorgen um dich gemacht. Es sah ja nicht so aus, als ginge es dir gut. Aber keiner konnte sagen, was dir fehlte. Kein Mittel half. Die Ärzte sagten, deine Eltern müssten drei Monate abwarten, dann würde sich das legen. Aber drei Monate Geschrei, wie sollten sie das aushalten? Und wie sollten sie Gefühle für dich entwickeln jenseits von Verzweiflung, Ohnmacht, Wut?
Einmal hattest du eine Grippe, und weil das Fieber so hoch war, seid ihr ins Spital gegangen. Da warst du still, zu krank zum Schreien. Als du wieder angefangen hast, meinten die Ärzte: Nun ist er wieder gesund. Aber siehe da: Nach exakt drei Monaten hast du nur noch den halben Tag geschrien. Und hast gelacht, besonders herzig. Nach vier Monaten hast du ganz aufgehört zu schreien, oder besser, du schreist jetzt so wie andere Babys: wenn du Hunger hast, wenn was los ist. Und deine Eltern können dir helfen.
Aber sobald du schreist, zieht sich in deiner Mutter alles zusammen. Vor Angst, es könnte wieder anfangen. Deine Mutter sagt, dass es heisst, die anstrengenden Kinder seien die spannenden, später dann. Das tröstet sie. Sie ist so froh, dass sie dich jetzt richtig lieben kann.
Dieser Text erschien in annabelle 4/11
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real
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