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Willkommen, Laurin Andor !
Du bist ja einer! Willst einfach nicht auf die Welt kommen. Drehst dich nicht ein, wie es sich vor einer Geburt gehört, sondern guckst die Sterne an. Deine Mutter geht spazieren. Putzt wie verrückt. Läuft so viele Treppen hinauf und hinunter, wie sie nur finden kann, trinkt abwechselnd einen Schluck Rotwein, eine Kanne Himbeerblättertee, ein Gläschen Sekt. Glaubt erst an den Vollmond und dann an den Neumond. Nichts.
Aber irgendwann ist eben für jeden die Zeit gekommen. Kaiserschnitt also. Deine Mutter war nicht begeistert. Doch dein Vater fand es toll, dass er es war, der dich als Erster in den Arm nehmen durfte.
Manche Leute meinen ja, dass Kinder sich ihren Platz auf der Erde selbst aussuchen. Vielleicht hast du dir den Kaiserschnitt selbst ausgesucht, denn du bist – jede Wette – ein Papi-Kind. Du heisst nicht nur mit zweitem Vornamen Andor, nach deinem Vater, du guckst auch wie dein Vater, und – noch auffälliger – du verfolgst deinen Vater, wo er geht und steht, mit deinen grossen braunen Augen. Es sieht so aus, als hättest du sogar deine Ohren gespitzt, um nicht zu versäumen, was er gerade treibt. Das Lustige ist: Er ist genauso mit dir wie du mit ihm. Wenn er zum Kühlschrank geht, eine Flasche Wasser herausholt und sie öffnet, lässt er dich dabei kaum aus den Augen. Wenn er noch ein spätes geschäftliches Telefongespräch führt, nestelt er wie nebenbei am Mobilé über deinem Bett herum. Wenn er am Küchentisch sitzt, hebt er dich mit seinen kräftigen Händen aus dem Bettchen und zieht dich auf seinen Schoss. Du guckst natürlich hochzufrieden. Und er läuft fast über vor Zärtlichkeit.
Dein Vater stammt aus Ungarn. Daher auch der Name: Andor. Und seine Mutter, deine ungarische Grossmutter also, hat dich schon beim Anblick des ersten Ultraschallbilds ihrem Teil der Familie einverleibt: «Schöne stramme Waden für die Tracht.» Und nun wirst du nächste Woche schon mal eine kleine Trachtenweste anziehen, um mit deinen Eltern auf eine Hochzeit zu gehen – natürlich in Ungarn.
Dabei ist dein Vater gar nicht so folkloristisch veranlagt. Von den Sprachen, die er spricht, beherrscht er Ungarisch am schlechtesten, sagt er. Deutsch und Englisch kann er viel besser, und so sprechen deine Eltern miteinander Deutsch, denn deine Mutter ist Schweizerin.
Als die beiden sich vor sechs Jahren in einem Biergarten in München zum ersten Mal sahen, spürten sie sofort, dass es etwas Ernstes war. Dabei war deine Mutter, eine Verkehrsplanerin, auf einer Dienstreise. Es war nicht einfach, sich wiederzutreffen. Deine Eltern glauben heute, dass es ihre biografischen Brüche waren, die sie sofort verbunden haben: Dein Vater, der mit zehn mit seiner Mutter von Budapest nach München kam, dann ohne die Mutter in die USA ging, auf die Highschool, und gleich noch zum Studieren drüben blieb. Und deine Mutter, die mit zwölf Jahren mit ihren Eltern von Santiago de Chile, wo sie geboren und aufgewachsen war, ins beschauliche Langenthal in der Nähe von Bern zog. Das war ein Kulturschock für sie.
So etwas kann dir auch passieren. Für deine Eltern, die mit dir in München leben, ist das, wie sie sagen, nicht die letzte Station. Ihre biografischen Brüche binden sie eng aneinander, aber nicht an eine Heimat.
Erschienen in annabelle 11/10
Text: Gabriela Herpell
Foto: Monika Höfler
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