Willkommen auf der Welt

Willkommen, Lilli !

Lilli ist die kleine Schwester von Anna, einem der ersten Babys, über die hier geschrieben wurde. Eine Fortsetzungs-Kurzgeschichte.

Lilli. Dein Name besteht aus zwei Buchstaben, wie der deiner Schwester Anna. Anna war eines der ersten Babys, die in dieser Rubrik in annabelle willkommen geheissen wurden. Und du wirst eines der letzten sein. So schliesst sich der Kreis.

Erinnern wir uns: Dein Vater ist Kriegsfotograf, er arbeitet für den «Stern» in Deutschland und für die «New York Times» in den USA, jetzt gerade ist er sehr viel in Afghanistan. Natürlich wird er oft gefragt, wie er das vereinbaren kann, den Beruf mit dem Vatersein. Was soll er sagen? Es ist sein Job, er mag ihn, und nicht selten findet er es anstrengender, sich gegen diese Vorwürfe zu wehren, die entstehen, weil die Leute so ihre Kriegsbilder im Kopf haben, als tatsächlich vor Ort zu sein. Er weiss, dass er seiner Familie viel zumutet, aber er kennt die Gefahr. Er sagt, er kann sie einschätzen. Und, fragt er, soll er anfangen, Blumen zu fotografieren?

Deine Mutter stammt aus Japan und hat das Land gleich nach dem Schulabschluss verlassen. Deine Eltern haben sich in New York kennen gelernt, dort haben sie sechs Jahre als Paar gelebt, bis Anna sich ankündigte. Für eine Familie, da waren sie sich einig, ist New York nicht das Richtige. Euer Dorf, Uster, haben sie sich ausgesucht, weil es nah am Flughafen Zürich liegt und das Gegenteil ist von New York.

Japan kam nie infrage. In Japan hätte deine Mutter wohl kaum zwei Kinder bekommen. Ihre Freundinnen in Japan sind kinderlos, haben keine Zeit, keinen Platz, kein Geld. Sie arbeiten, und einem Arbeitgeber in Japan, den man grundsätzlich sehr verehrt, kann man kaum eine Babypause zumuten, geschweige denn zwei. Die japanischen Freundinnen deiner Mutter in der Schweiz hingegen haben Kinder, manche zwei, wie sie.

Auch eure Grosseltern aus Japan finden, dass ihre Tochter Glück hat, mit eurer hellen, grossen Wohnung und mit euch, ihrer Familie. Auch wenn deine Mutter den Beruf vermisst. In New York war sie als Grafikdesignerin ziemlich erfolgreich. Nun macht sie kleine Jobs zuhause, wenn ihr Kinder es erlaubt, aber sie würde eines Tages gern wieder morgens in ein Büro gehen und ernsthaft arbeiten, nicht zwischen Nuggi und Babygläschen. Das würde sie schaffen, mit zwei Kindern, dessen ist sie sich sicher. Sie ist ehrgeizig, verlangt viel von sich ab, das sind ihre japanischen Gene.

Die wenigsten der japanischen Freundinnen deiner Mutter, die in der Schweiz leben, mit Schweizern verheiratet sind und Kinder haben, sind erwerbstätig. Bei allen ist es wieder zur klassischen Rollenverteilung gekommen. Für manche Japanerinnen dieser Generation ist es allerdings schon wieder ein Luxus, nicht arbeiten zu müssen. Auch da schliesst sich ein Kreis.
Fragt sich, was ihr in euren Genen habt, Anna und du. Du scheinst sehr durchsetzungsfähig zu sein, trinkst viel mehr und entschiedener, als Anna es getan hat. Dafür schläfst du weniger. Die japanischen Verwandten sagen, du siehst europäischer aus als Anna. Die deutschen Verwandten sagen, du siehst asiatischer aus als Anna. Die Wahrheit liegt wohl, wie immer, irgendwo in der Mitte. Es bleibt also spannend.



Dieser Artikel erschien in der annabelle-Ausgabe 19/11
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real

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