Willkommen auf der Welt

Willkommen, Louis !

Louis wächst beim Grosi auf. Denn seine Eltern sind beide noch Teenager. Doch später will die junge Familie zusammenleben. Ganz traditionell.

Deine Mutter hatte vor allem Angst vor der Geburt. Seltsam, oder? Aber wenn man so jung ist und schwanger, sagt sie, denkt man nur bis zur Geburt. Ein bisschen hat sie schon auch daran
gedacht, dass sich das Leben verändern würde mit einem Baby, doch das war noch so weit weg. Sie war ja erst 16, da sind neun Monate unendlich lang.

Körperlich ging es ihr gut in der Schwangerschaft. Aber vom siebten Monat an wollte sie nicht mehr in die Schule. Es war so stressig, sagt sie, dass sie ständig Kopfweh hatte. Weil alle sie so angestarrt haben. Und getuschelt. Aus allen Ecken hörte sie das Wort «schwanger», vielleicht hat sie es sich irgendwann auch eingebildet. Aber sie weiss, dass sie den Satz gehört hat: «Machs doch weg.» Und den: «Warum kriegst du es überhaupt?» «Das war schon unangenehm, auch wenn es vielleicht nicht bös gemeint war», sagt sie und lächelt schüchtern. Dabei sieht man ihre Zahnspange.

Du sitzt auf ihrem Schoss und könntest genauso gut ihr kleiner Bruder sein. Ihr lebt bei deinen Grosseltern in Wiesendangen bei Winterthur, kleines, vollgestopftes Haus mit Garten, ruhige, grüne Gegend. Deine Mutter ist die Älteste von vier Kindern, und deine Grossmutter hilft ihr jetzt mit dir. Auch wenn sie nach deiner Tante Yasmin, die neun ist, dachte: Jetzt ist Schluss. Und sich auf ihre Unabhängigkeit freute.

Deine Mutter geht noch zur Schule, drei Jahre plus ein Jahr Praktikum. Sie wünscht sich, eines Tages mit deinem Vater Roger zusammenzuziehen und mehr für dich da sein zu können.
«Ganz traditionell», sagt sie. Denn jetzt hat sie wegen der Ausbildung wenig Zeit für dich. Dein Vater macht eine Lehre als Elektroinstallateur. Er ist 18, hat ein Auto und kommt mehrmals die Woche zu euch. Er hats gut aufgenommen, als deine Mutter ihm sagte, sie sei schwanger. Was sehr tapfer ist für einen 17-Jährigen. Und die beiden sind tatsächlich ein Paar, was auch nicht alltäglich ist in dem Alter und in der Situation. Die ja so speziell ist, dass der TV-Sender 3+ kürzlich über euch berichtet hat. Deine Mutter sagt: «Sich im Fernsehen zu sehen, ist komisch. Da sieht alles einfacher aus, als es wirklich ist. Aber das soll es wohl auch.»

Vielleicht ist es ja teilweise deiner Grossmutter zu verdanken, dass die Dinge so gut laufen. Jedenfalls ist deine Mutter ziemlich bald zu ihr hin und hat sich ihr anvertraut. Dass sie ihre Tage nicht bekommt, obwohl sie über der Zeit ist. Dass sie sich Sorgen macht, weil es sein könnte, dass sie schwanger ist. Deine Mutter war froh, dass sie nicht allein war mit ihrem Problem. Doch als der Test dann zeigte, dass sie wirklich schwanger war, war sie schon geschockt. Aber entschlossen, dich zu bekommen. Eine Abtreibung hätte sie sich nicht verzeihen können: «Jeder Mensch hat das Recht, auf der Welt zu sein. Ausserdem: Wie sollte ich später meinen anderen Kindern erklären, warum ich sie bekommen habe und das eine nicht?»

Sie möchte also mehr Kinder? Sie schüttelt vehement den Kopf. Jetzt gerade kann sie sich das nicht vorstellen, sagt sie, das Wochenbett war so schlimm. «Darauf war ich nicht vorbereitet: So kaputt zu sein, ewig weiterzubluten, das Stillen klappte nicht, alles tat einfach nur weh.» Während sie darüber spricht, wirkt sie besonders zerbrechlich und überfordert. Deine Grossmutter lächelt. Sie weiss, wie viel man aushalten kann. Später.

Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real
Dieser Text erschien in der annabelle 03/11

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