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Willkommen, Melina und Alexis !
Melina und Alexis wachsen viersprachig auf. Mit dem Sprechen klappts noch nicht so, aber filmreif weinen kann Melina schon. Und Alexis knurrt wohlig beim Saugen.
Tschechisch ist die Sprache eures Vaters, Griechisch die Sprache eurer Mutter, Französisch die Flirtsprache eurer Eltern untereinander und Schweizerdeutsch die Sprache eures Heimatlands. Wie werdet wohl ihr beide miteinander reden? Im Moment kommuniziert ihr mit den Augen. Du, Alexis, schaust deine Zwillingsschwester hellwach an. Und du, Melina, erwiderst verträumt den Blick deines Bruders, als wärst du noch gar nicht in Wettswil am Albis angekommen.
Eure Eltern sagen: Von der griechischen Kultur sollt ihr die Warmherzigkeit bekommen, von der tschechischen die Freude an wilden Festen, und die Schweiz soll euch tugendhaft machen. Eure Mutter hofft, dass ihr ihr immer auf Griechisch antworten werdet. Denn obwohl sie die Schweiz sehr mag, gehört ihr Herz dem Süden. Spricht sie von ihrer Heimat, atmet sie tief ein, als rieche sie das Mittelmeer, und sie kneift die Augen zusammen, als blende sie die Sonne.
Eure Mutter ist unheimlich stolz auf Griechenland. Sie wird euch einst die Sage der Zwillinge Artemis und Apollon erzählen, mit euch auf die Akropolis klettern und euch den grossen Karneval von Patras zeigen. Es schmerzt sie, dass es ihrem Land momentan schlecht geht, es kein Geld mehr hat. Deshalb haben eure griechischen Verwandten Angst: Eure Grossmutter macht sich Sorgen um ihre Rente, eure Tanten und Onkel fürchten um ihre Jobs.
Eure Mutter hat Griechenland vor zwölf Jahren verlassen. Sie hatte kein Vitamin B, keine Beziehungen zu wichtigen Leuten. So konnte sie in ihrer Heimat keine Karriere machen, obwohl sie gut ausgebildet und ehrgeizig ist und zehn Stunden am Tag in einer Kanzlei schuftete. Also ging sie nach Strassburg und später nach Zürich zur Credit Suisse. Hier bekam sie Anerkennung für ihre Leistung und einen tollen Job im Fondsbereich. Sie sagt: «Die Schweiz ist für mich Amerika. Hier kriegt jeder seine Chance.»
Die Bank gibt eurer Mutter sechs Monate Urlaub, das ist grosszügig, denn obligatorisch sind nur 14 Wochen. Nach dieser Auszeit wird sie ihr Pensum reduzieren. Sie hat Glück, dass ihr Chef selber Teilzeit arbeitet. Wenn eure Mutter ihre Arbeit wieder aufnimmt, wird eine Nanny zu euch schauen. Natürlich eine Griechin. Für eure Mutter war immer klar, dass sie ihren Beruf weiter ausüben wird. In Griechenland arbeiten fast alle Mütter Vollzeit, und keiner lästert über sie. Das Wort Rabenmutter kennt man dort nicht.
Eure Eltern sind zunächst ein wenig erschrocken, als sie erfahren haben, dass sie Zwillinge bekommen. Aber jetzt empfinden sie euch als doppeltes Glück. Dich, Melina, nennen sie Eure Majestät. Weil dein Blick so souverän wirkt, als wärst du über alles erhaben. Und weil du ganz manierlich weinst, fast so, als würdest du singen. Dich, Alexis, nennen sie Conan der Barbar nach dem Film mit Arnold Schwarzenegger. Das ist lustig gemeint, weil du an der Brust deiner Mutter stets laut und zufrieden knurrst. Du bist ein Kämpfer. Als Neugeborenes warst du dünn und runzelig, aber unterdessen hast du es deiner Schwester gleichgetan und dir schöne runde Bäckchen angetrunken. Ihr seid bestens gerüstet, offene Europäer zu werden – wie eure Eltern es sind.
Dieser Text erschien in der annabelle-Ausgabe Nr. 14
Text: Barbara Achermann
Foto: Elisabeth Real
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