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Willkommen, Naima !
Naima würde am liebsten immer gepüngelt werden. Das ist Kölsch und heisst knuddeln. Ihre Eltern – beide Kindererzieher – sind wahre Experten darin.
Naima heisst dreierlei: die Ruhige, die Schöne, die Sanfte. Mal sehen, ob dein Name Programm wird. Bisher bist du nur ruhig, wenn du schläfst. Sobald du wach bist, muss deine Mutter dich herumtragen, «sie will gepüngelt werden», sagt sie auf Kölsch. Aber du hast es ziemlich gut getroffen, denn deine Eltern kennen sich aus. Sie sind beide Kindererzieher, und um das zu werden, muss man Kinder schon ziemlich gut finden. Besonders übrigens, wenn man den Beruf in Deutschland gewählt hat, wo deine Eltern herkommen, denn die Bezahlung ist schlecht dort, und die Aufstiegschancen sind gleich null.
Jetzt leben deine Eltern in der Schweiz, in einem Dorf ausserhalb von Luzern. Dein Vater arbeitet in einer Kita in Zürich, deine Mutter bleibt bei dir zuhause, denn du bist erst sieben Wochen alt. Ein Vorteil ihres Berufs ist ja: Sie hat nicht das Gefühl, den Anschluss zu verlieren, wenn sie jetzt eine Weile aussteigt, denn sie hat ja dich. Und die Zeit mit dir ist ihrer Arbeit in gewisser Weise ähnlich, nur dass sie dich etwas toller findet als die Babys anderer Leute.
Erst kurz nach deiner Geburt seid ihr zusammen nach Root bei Luzern gezogen. Die Wege nach Zürich sind weit jetzt, vor allem mit dem Zug. Dein Vater geht um fünf Uhr aus dem Haus, wenn er Frühdienst hat. Aber die Wohnung ist gross, du hast ein eigenes Zimmer, ihr habt einen Riesenbalkon, Bergpanorama und die Grosseltern um die Ecke: Die Eltern deiner Mutter haben immer Ferien in der Schweiz gemacht und sind nach ihrer Pensionierung auch hierhergezogen. Deine Eltern haben, als sie in die Schweiz kamen, zuerst in Zürich-Wiedikon gelebt, aber ihre Wohnung dort war schon für zwei klein, für drei Personen gar nicht denkbar.
Die Liebesgeschichte deiner Eltern könnte Stoff für einen Film sein, auch wenn fast jedes Paar seine ganz spezielle Liebe und Geschichte hat. Deine Eltern sind an zwei verschiedenen Enden von Köln aufgewachsen, dein Vater ist halb Somalier, halb Kölner, deine Mutter ist mit neun Monaten von einer Kölner Familie in Brasilien adoptiert worden. Das ist ja schon mal nicht ganz gewöhnlich. Begegnet sind sie sich dann in der Kindertagesstätte, in der deine Mutter als Erzieherin arbeitete. Dein Vater kam als Praktikant, und es war sein Traumberuf, Erzieher zu werden.
Die beiden freundeten sich an. Dein Vater, der damals 18 war, tröstete deine Mutter, als sie in einer unglücklichen Beziehung steckte. Und als sie sich in Zürich als Erzieherin auf eine Stelle bewarb, bewarb auch er sich in Zürich. Sie hatten Glück: Sie erhielten in derselben Einrichtung einen Job. Aus finanziellen Gründen zogen sie als Zweckgemeinschaft in die kleine Wohnung im Zürich-Wiedikon. Sie teilten also das Leben in einer Weise, wie es kaum Paare tun. Und eines Tages war deine Mutter schwanger, was gar nicht so unbeabsichtigt war.
Deine Eltern sind ein gutes Beispiel dafür, dass manche Menschen sich durch Nähe immer näher kommen. Und dass diese Nähe auch einen Altersunterschied von acht Jahren – dein Vater ist ganz jung, erst 23, und deine Mutter ist 31 – aushebeln kann.
Dieser Text erschien in der annabelle-Ausgabe 07/11
Text: Gabriele Herpell
Foto: Elisabeth Real
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