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Willkommen, Nayeli & Lesedi !
Nayeli und Lesedi haben zwei verschiedene Mütter, zwei verschiedene Väter, zwei verschiedene Geburtstage – dennoch sind sie beinahe Zwillingsschwestern. Und das kam so:
Wie einsam das Leben einer jungen Mutter sein kann! Das erzählte Carlas Freundin, die als Erste im Bekanntenkreis Mutter wurde. Den ganzen Tag war sie allein mit dem Baby, der Mann arbeitete, wie all die anderen Leute auch, mit denen sie zu tun hatte.
Carla wollte das nicht. Und so wird es bei euch anders sein. Ihr lebt in einer Wohngemeinschaft, ihr seid sogar hineingeboren. Eure Mütter Carla und Saskia haben schon die letzten Schwangerschaftsmonate gemeinsam in der Wohnung verbracht und ihre Bäuche verglichen. Carla und Saskia sind kein Paar, sie sind eine Zweckgemeinschaft, zustande gekommen über www.alleinerziehend.ch. In Carlas Suchanzeige stand, dass sie 27 ist, ein Kind erwartet und eine Mitbewohnerin sucht, die auch ein Kind erwartet oder ein ganz kleines mit in die Wohngemeinschaft bringt.
Da hat sich Saskia gemeldet, 22 und genau wie Carla schwanger von einem Afrikaner. Das passte. Sie haben sich dann ausgemalt, wie sie zusammen auf dem Sofa sitzen, euch stillen und Tee trinken und quatschen. Oder wie eine mit euch beiden im Innenhof bleibt, während die andere schnell was erledigt, auf die Toilette geht, duscht, Wäsche aufhängt, mit den Hunden rausgeht oder mal die Nase in eine Zeitung steckt – die alltäglichen Dinge halt, die allein mit einem Baby so unerwartet schwierig werden.
Am Anfang haben eure Mütter natürlich mehr von diesem Arrangement als ihr, denn ihr, winzig, wie ihr seid, könnt noch nicht viel miteinander anfangen. Aber keine Bange, ihr werdet davon auch profitieren, allein schon, weil eure Mütter entspannter sind. Obwohl ihre Lebenssituationen gar nicht einfach sind. Saskia wollte die WG, weil ihr Mann, der aus Südafrika stammt, zurzeit auch dort arbeitet. Carla wollte die WG, weil sie gerade keinen Kontakt zu Nayelis Vater hat, mit dem sie seit acht Jahren eine On-and-off-Beziehung führt.
Carla sagt: «Aber das ist noch nicht fertig.» Und es geht ihr erstaunlich gut, sagt sie, wegen der Wohngemeinschaft und auch weil ihr in der legendären, sehr lebendigen Siedlung Brahmshof in Zürich lebt. Das Konzept dort ist, dass sich Familien aus der gehobenen Mittelschicht mit ärmeren Familien und Rentnern, Invaliden, Studenten mischen. Und das Konzept geht auf.
Carla ist mit ihren Eltern schon hergezogen, als sie sieben Jahre alt war. Und sie ist zurückgekommen, als sie schwanger wurde. Nach Nayelis Geburt sind all die Leute, die Carla hier von klein auf kennen, mit Blumen und Stramplern gekommen, um zu gratulieren. «Der Brahmshof», sagt Carla, «ist auch eine Familie.»
Lesedi ist eine Woche nach Nayeli geboren. Sie ist noch mit ihrer Mutter im Spital. Aber die Bettchen im gemeinsamen Kinderzimmer sind bezogen, die Blumen sind noch frisch, auf dem Sofa liegen die Strampler, in Pink und Gelb und Grün. Die Farben passen sehr gut zum Teint von kleinen Halbafrikanerinnen, das kann man an Nayeli sehen.
Mal sehen, wie lange Nayeli die Grosse bleibt. Und ob ihr euch benehmen werdet wie Geschwister. Einen Vorteil habt ihr ja: Ihr müsst eure Mutter nicht teilen. Vielleicht habt ihr euch ja nur sehr lieb und müsst gar nicht streiten. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.
Dieser Beitrag erschien in der annabelle-Ausgabe 10/11
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real
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