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Willkommen, Nils !
Nils hat seinen Eltern schon einiges Kopfzerbrechen beschert. Nicht weil er ein schwieriges Baby wäre. Sondern weil sie Kinderbetreuung als Teamwork sehen.
Der Herbst, sagen deine Eltern, war streng. Du bist in die Kita gekommen und dauernd krank gewesen. So ist das ja meistens: Kinder, die mit anderen Kindern zusammenkommen, stecken sich erst mal an, Schnupfen, Husten, Kinderkrankheiten. So werden sie resistent.
Aber wenn man viel arbeitet, passt das schlecht ins Konzept. Und deine Eltern, denen es bei der Familiengründung ein grosses Anliegen war, gleichberechtigt zu bleiben, konnten nicht anders, als ins klassische Rollenklischee zu fallen. Dein Vater war zwischen September und November auf Geschäftsreisen in Asien, deine Mutter war mit ihrer Doktorarbeit nicht mehr im Zeitplan, und an einem Abend im November, du warst im Bett, sassen sie am Tisch in ihrer grossen Berner Wohnung und schauten sich an. Wie sollte es weitergehen?
Deine Eltern haben sich immer als gutes Team verstanden. Sie hatten sich schon lange bevor sie ein Paar wurden aus der gemeinsamen politischen Arbeit gekannt, hatten eine proeuropäische Jugendbewegung gegründet und geleitet, waren beide sehr engagiert und schätzten sich gegenseitig als Kollegen. Diese Grundhaltung wollten sie nicht aufgeben, weil sie jetzt eine Familie waren.
Als deine Mutter schwanger wurde, waren deine Eltern gerade fertig mit dem Master, den beide in Manchester gemacht haben. Sie dachten, warum nicht gleich jetzt Kinder kriegen, wo sie jung sind, und einsteigen ins Berufsleben. Sie wollten mit dir ein paar Monate in Ghana sein und vor Ort Erfahrungen sammeln in der Entwicklungsarbeit, weil sie beide beruflich in die Richtung gehen – deine Mutter hat internationales Wirtschaftsrecht studiert, dein Vater ist Volkswirtschafter. Aber sie hätten starke Medikamente zur Malariaprophylaxe nehmen müssen, die sich mit Schwangerschaft und Stillzeit nicht vertragen. Sie bekamen gute Angebote und gingen nach Bern.
Nun ist deine Mutter Doktorandin und schreibt über Dienstleistungs-Freihandelsabkommen, dein Vater fördert und finanziert KMU in asiatischen Entwicklungsländern. Er arbeitet mehr als 100 Prozent, das ist normal, aber für einen Vater, der etwas von seinem Kind haben und auch nicht auf Kosten seiner Frau Vater sein möchte, ist das schwierig. Deine Mutter hat an der Uni eine 50-Prozent-Stelle, sie arbeitet fast 100, auch das ist normal für Doktoranden. Aber für eine Mutter natürlich schwierig.
Am Küchentisch im November beschlossen deine Eltern, dass dein Vater nun in der Nacht nach dir schaut. Wenn er da ist. Das ist nicht nur eine Entlastung für deine Mutter, es rückt auch in ihrem Inneren etwas zurecht. Weil sie spürt, wie ehrlich dein Vater darin ist, sie unterstützen zu wollen. Und als deine Mutter vor zwei Wochen nach Johannesburg geflogen ist, zu einer Konferenz über Freihandelsabkommen, da hat dein Vater dich übernommen. Er hat zwar sein Pensum in der Woche nicht ganz geschafft, aber das wird akzeptiert. Weil sein Arbeitgeber weiss, dass er seinen Job macht.
«Wenn man sich Vertrauen erarbeitet», sagt dein Vater, «kann man auch die Herzen der Männer erreichen, die selbst ihre Kinder kaum gesehen haben um ihrer Karriere willen.» Aber es ist anstrengend, sagt er, es anders zu machen als die anderen, sich nicht mitreissen zu lassen von der Strömung. Deine Mutter schaut ihn an und lächelt. Sie sind ein tolles Paar.
Dieser Text erschien in der annabelle-Ausgabe 11/11
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real
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